Maria Magdalena

von

Friedrich Hebbel (1813-1863)
 

Man versteht diese Welt nicht mehr

 


Maxim Gorki Theater

Regie: Jorinde Dröse
Bühne und Kostüme: Susanne Schuboth
Dramaturgie: Carmen Wolfram

mit:
Meister Anton, ein Tischler: Andreas Leupold
seine Frau: Ruth Reinecke
Karl, sein Sohn: Jörg Kleemann
Klara, seine Tochter: Anika Baumann
Leonhard: Gunnar Teuber
Ein Sekretär: Julian Mehne
Adam, ein Gerichtsdiener: Wolfgang Hosfeld

 

 

 

 
 
Das Sozialdrama aus dem Milieu der rechtschaffenen Handwerkfamilie aus dem frühen 19. Jahrhundert hat Generationen von Zuschauern sicher zu Tränen gerührt; und es könnte auch heute noch - zumal die strenge Moral gerade im preußischen Land noch lange Zeit fort herrschte - zum Nachdenklichwerden anregen. Aber das Blitzgewitter, das über diese Familie vernichtend hereinbricht, liegt unserem heutigen Verständnis wohl doch gar zu fern; und so muss man denn die vielen Lacher verstehen, die das traurige Bühnengeschehen deutlich kommentierten, das sich zwischen glatten nußbaumfurnierten Wänden in einem abstrakten Raum abspielte.

Wenn man etwas aus der Klassikerkiste hervorholt und glaubt, eine Aussage aus fernen Zeiten so problemlos mit ein paar Inszenierungsgags ins Heutige versetzen zu können, stellen sich logischerweise etliche Brüche ein. Dazu kommen verwirrende Klischee-Vokabeln wie "Überlebensdruck in Zeiten eines entfesselten Kapitalismus", die zwar eine Absicht verkünden, aber die Erleuchtung missen lassen, denn zu Hebbels Zeiten konnte von Entfesselung in diesem Bereich noch nicht so recht die Rede sein konnte. Der Kapitalismus ist übrigens weder im Hebbel-Original noch in der jetzigen Bühnenversion relevant - lediglich im Programmheft glaubte man, auf diesen Satz nicht verzichten zu können. Aber es steht noch etwas anderes dort geschrieben, und das ist höchst faszinierend und wäre in diesem Fall eine effektive Bereicherung: Würde man die Geschichte von M.M. neben die der folgenden Frauengenerationen stellen, die sich nach und nach aus dieser alten Unfreiheit in neue, äußerlich oder selbst auferlegte Zwänge begeben, wobei die absolute Freiheit wohl weiterhin als Utopie am Horizont leuchtet.

Nein, es ist die überaus strenge gesellschaftliche Moral, die hier vernichtend und emporhebend die Schicksale - und damit natürlich auch das Einkommen und das Wohlergehen einer jeden Familie bestimmt. Fehlt der Sohn - wenn auch nur angeblich - so ist die Familie eines Diebes fortan geächtet. Bekommt die Tochter ein uneheliches Kind, ist nicht nur ihre Familie fortan gebrandmarkt, sondern das Mädchen selbst auch zur ewigen Buhlerin verurteilt. Stirbt die Mutter an all diesen schrecklichen Aufregungen, so trägt die Familie allein Last und Schuld. Bis dahin stimmt die Inszenierung in der realistischen Wahrnehmung, dass die so genannte "Gesellschaft" sich zum engherzigen Tugendwächter ihrer Mitglieder aufschwingt und erbarmungslos vernichtet, wer aus diesem Korsett ausbricht. Wenngleich auch alles eher altersschwach als aufrüttelnd daherkommt.
Der freundlich wirkende Vater (Andreas Leupold ist als Meister Anton)  ist barmherzig als Freund  und hart als Familienoberhaupt; er kann die Frau nicht trösten, den Sohn nicht achten und ermutigen, der Tochter nicht trauen. Gleichwohl er sie alle liebt, auf seine Weise. Auf der Bühne wirkt er, wie alle anderen auch, stets verloren und zurückgeblieben in einer Zeit, deren Diktat wir nicht mehr annehmen wollen und auch nicht müssen. Dass Klara von der besorgten Mutter zu einer Verbindung mit dem Kassierer Leonard getrieben wird, weil sie die Tochter versorgt wissen wollte, erinnert ein wenig an Bert Brecht's Lehrstück "Trommeln in der Nacht", in dem die Eltern die Tochter, der Freund im Krieg verschollen ist, ebenfalls in eine Vernunftsehe zwingen. Klara's Schicksal ist entschieden: da sie sich intensiv mit Leonhard eingelassen hat, der sich nun nach dem kriminellen Verdacht, der auf dem Bruder lastet, brutal  von ihr lossagt, wird ihre keine andere Wahl als die tödliche Konsequenz bleiben. Für Anika Baumann eine absolut reife Gretchen-Rolle! Wie überhaupt, bis auf den sehr lässigen, zu spät wieder auftauchenden Freund Klaras, die Typisierung der einzelnen Figuren recht eindrucksvoll gelungen ist, s.o.

Als am Ende das Chaos komplett ist, der Sohn den Vater verlässt, das Mädchen irgendwohin geht (vielleicht ins Wasser, vielleicht ins Ausland, man weiß das nicht so genau) und die beiden Kontrahenten einander das übliche, wahnsinnige tödliche Duell liefern, wühlt der Vater hilflos in seinen Papieren, um uns nach einer ganzen Weile müde mitzuteilen, dass er die Welt nicht mehr verstehe! Wir auch nicht. Jedenfalls nicht d i e s e! A.C.