Measure for Measure

von
William Shakespeare

Gastspiel

 

Schlag nach bei Shakespeare - auf den Spuren der Moral

    

Maß für Maß
I
n englischer Sprache mit deutschen Übertiteln - Eine Koproduktion von Complicite mit dem National Theatre London

  Berliner Festspiele

Freie Volksbühne

Regie: Simon McBurney
Bühne Tom Pye
Lichtdesign Paul Anderson
Sound Christopher Shutt
Projektionen Sven Ortel
Kostüme: Christina Cunningham

mit: Simon McBurney als Herzog von Wien; Mike Grady als Escalus, Staatsrat; Angus Wright als Angelo, Statthalter des Herzogs; Ajay Naidu, Lebemann u.a.; Clive Mendus als Ahorson, Scharfrichter; Tamzin Griffin als Mrs. Overdone, Kupplerin; Richard Katz als Popey, Zuhälter; Ben Meyjes als Claudio, ein zum Tode verurteilter junger Mann; Craig Parkinson als Porvost; Naomi Frederick als Isabella, Nonne und Claudios Schwester; Katie Jones als Claudios Geliebte; Kostas Philippoglou als Wachtmeister u.a.; Jamie Bradley als Angelos Diener u.a.; Anamaria Marinca als Mariana ehemalige Verlobte Angelos, Johannes Flaschberger als der Gefangene Bernadine

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  Es gibt in der Erinnerung an die Premiere nur zwei Schauspieler, die das moralischsten und lustvollsten Dramas Shakespeares herausragen: Das ist zum einen Johannes Flaschberger, der den seit 17 Jahren in Haft befindlichen Bernadine mit beeindruckender körperlicher Intensität spielt, und der, ohne ein einziges Wort zu sagen, seine Rolle als Gewohnheitstrinker und daher zur Abstrafung stets völlig ungeeigneter Delinquent so überzeugend darstellt, dass es eine wahre Freude ist. Und wie er zum Schluss den Potentaten, den Herzog von Wien, umstreicht und ihm - sozusagen als Dank für seine Begnadigung - mit blitzenden Augen die Quintessenz seiner Lebensweisheit zuwirft, ist einmalig: "Sieh Du nur zu", sagt dieser Blick, "was Du von Deinem Optimismus und Deiner Güte hast - die Menschen ändern sich nicht, und wenn Du meinst, Du kannst sie auf diese Weise regieren, so versuch es doch. Ich aber weiß es besser." Und Simon McBurney als dieser gütige Herzog Vincentio im strammen Offiziersdress und einer Haltung wie weiland Österreichs Kaiser Franz Josef, könnte sich in Gedanken den Bart zwirbeln, wenn er denn einen hätte. Aber der Herzog versteht auch so, was Bernadine ihm sagen will. Denn nachdem er endlich seiner vielen Listen und incognito-Intrigenspiele entledigt ist und in seine Fürstenrolle zurückkehren konnte, zeigt er nun mit wenigen Gesten und spitzbübischem Minenspiel, wozu er fähig ist. Als kluger Souverän (und als überzeugender Schauspieler).

Alle anderen um ihn herum haben Mühe, das Stück in rasantem Tempo bei rasch wechselndem, nur von einem kurzen harten metallischen sound eingeleiteten Szenenwechsel zu absolvieren; denn was sich da in Windeseile auf mancherlei Ebenen abspielt, ist von solch tiefgründiger gesellschaftlich- psychologischer Analyse geprägt, dass auch die sehr gut übersetzten Übertitel den Gedankenflug leider nicht zum Innehalten bringen. Aber man kann das sehr bizarre Stück ja nachlesen, in mancherlei guten Übersetzungen und auch in zweisprachiger Gegenüberstellung.

Was also geschieht hier eigentlich auf dunkler runder Bühne, auf der wechselnde Spielorte durch raffinierte Lichteffekte umdekoriert werden? Wie einst Harun als Raschid verabschiedet sich der langjährige Herrscher Vincentio, nun in die Jahre gekommen, über Nacht von seinem Regierungsteam, um als Mönch verkleidet in die bürgerliche und kleinbürgerliche Welt einzutauchen und nach dem Rechten zu sehen. Nicht ohne die berechtigte Sorge, dass er die Zügel während der vergangenen 17 Jahre wohl ein bisschen zu sehr hat schleifen lassen... Seine Staatsgewalt übergibt er derweil Angelo, einem korrekten Beamten, der sich aber sehr bald als frustrierter Spießer entfaltet, ein Biedermann, der die Strenge seines asketischen Lebens nun auf die alten Gesetze anwendet und unbarmherzig beim Erstbesten zuschlägt: Der Edelmann Claudio, der seine Braut schwängerte aber noch nicht ehelichte, soll wegen Unzucht hingerichtet werden. Da hilft kein Bitten und kein Beten, denn diesem prüden, scheinbar vereisten Moralapostel dringen weder die überzeugend-logischen Argumente des gütigen alten Staatsrats Escalus noch das herzerweichende Flehen des Verurteilen und seiner Braut ins Herz. Angelo hegt persönlich keinerlei Aversionen gegen Claudio, würde vielleicht sogar mit ihm eine Partie Bridge spielen, aber es muss für die Bevölkerung (und für seine eigene Selbstverleugnung) ein Exempel statuiert werden...

Nun schickt der gewiefte, mit allen Wassern gewaschene, überaus wendige Lebemann Lucio die kleine fromme, noch nicht als Nonne eingeführte Schwester Claudios zum Statthalter, auf dass er Erbarmen zeige. Aber der Mann bleibt har, bis er plötzlich, jäh von Amors lustgespickten Pfeil getroffen, die kleine temperamentvolle Schwester ( Naomi Frederick ist mehr eine couragierte Jeanne d'Arc als eine zarte Nonne) heftig begehrt, und nun zwischen tiefer Gewissensqual und erotischer Begierde hin und her gerissen wird. Angus Wright spielt diesen Angelo als durchaus sympathischen, zwischen auferlegter Pflicht und tief vergrabenen Gefühlen schwankenden Mann, der sich unbehaglich windet wie ein Wurm. Die erwachte Körperlichkeit aber lässt sich nicht wegdrücken, auch Angelo ist eben nur ein Mensch, der sich gegen seine hehren Prinzipien und für die Lust entscheiden wird.

Überhaupt bleibt - und das ist die großartige, Jahrhunderte überlebende Quintessenz der ganzen Story - niemand wirklich untadelig; jeder an jedem in irgendeiner Weise schuldig wird: Claudio, der den Tod fürchtet und dabei seiner Schwester Opfer und Schande zumuten würde, da sie ja einem guten Zweck diene, und auch Francisca, die ihre -(von einer überaus unnachgiebigen, unmenschlichen Moral geprägt) Unschuld über das Leben des Bruders stellt; und schließlich Angelo, der für ein nächtliches Stelldichein Franzsica zwar das Leben ihres Bruders zusagt, dieses Versprechen aber nicht einhalten wird. Und auch der gute Herzog, der ein raffiniertes Intrigenspiel spinnt, indem er Angelo anstelle der kleinen Nonne dessen einstige Braut Mariana zuführt, bedient sich doch letztlich einer unlauteren Methode, auch wenn der Zweck die Mittel heiligt.   

Konträr zur höfischen Ebene erhält das Underground- Milieu in Brecht'scher Farbigkeit seinen Part und zwar zeitweilig prima ordinär, wenn der Schauplatz sich in Schenke und Freudenhaus verlagert. Nach Art des originären Shakespeare-Theaters wird es recht drastisch und komisch, wenn in der holprig-einfachen Argumentation der einfachen Leute die Tatsachen auf den Kopf gestellt werden. Wie sich der geduldige Escalus als Richter gegenüber dieser Meute durchsetzt, ist eine durchaus ernst gemeinte Variante, Verständnis zu zeigen und doch die Zügel anzuziehen. Dass nachher wiederum alle Frauen und Männer ihres unzüchtigen Gewerbes wegen auf Angelos Geheiß ins Gefängnis wandern, hat einige sinnige Gedanken zur Folge. Auch hier blitzt Shakespeares’ böser Schalk auf , eben bestes Theater. Aber dann verlieren sich doch leider die Charaktere im hastigen Spielablauf, der ohne Pause und mit zweckmäßigen Kürzungen zeigt, wie englische Schauspieler Shakespeare inszenieren und darstellen: ein Gewinn allemal.

Das alles ist gut gestrickt, nimmt das alte Testament beim Wort, indem menschliches Tun und Fehlen Maß für Maß gerichtet, aber durch geschickte Manipulation dann doch ins Gute verkehrt werden kann. Ein mahnender Appell an Vernunft, Toleranz und christliche Nächstenliebe! A.C.