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Minna von Barnhelm
von Gotthold Ephraim Lessing
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Diesem Tellheim ist nicht zu helfen
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Regie:
Barbara Frey mit: Martina Gedeck, Nina Hoss, Katrin Klein, Michael Goldberg, Horst Lebinsky, Sven Lehmann, Ulrich Matthes, Frank Seppeler
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Alles Müll - oder was? Ein schäbiger Müllcontainer ist der erste Blickfang auf der mit mannshohen (gräsig-grün tapetenbedeckten) Wänden dekorierten Drehbühne, die etwas labyrinthisch - und wohl auch symbolisch - das armselige Leben in einem Wirtshaus anno 1787 ( und 2005?) darstellen sollen. Die gestalterische Misere setzt sich fort und nimmt dem Lustspiel gleich von Beginn an alle frohe Laune. Man denkt an "Draußen vor der Tür" von Wolfgang Borchert und den armen "Woyzeck" von Georg Büchner. Denn gleich zu Beginn stürzt sich ein hungriger Soldat in die Mülltonne, um einen Beutel Essbares herauszufischen. Und der Vorraum, in dem der Major v. Tellheim und sein anhänglicher Diener die Nacht verbringen müssen, nachdem der Wirt sie kurzerhand aus ihrem Zimmer ausquartiert hat, ist wieder einzig und allein mit einem Mülleimer dekoriert, während die Wände die Gemütlichkeit eines Duschraums ausstrahlen. Das "feine" Gastzimmer, das der Wirt schnellentschlossen und profitorientiert lieber den beiden wohlbetuchten jungen Damen aus Sachsen übergeben hat, sieht aus wie ein ehefeindliches Schlafzimmer -Sonderangebot der Billig-Katalogklasse ... Da wird man stutzig: wer oder was soll hier eigentlich entsorgt werden? Der ganze Lessing samt seinem witzig, geistreichen, wenn auch nicht mehr so ganz zeitgemäßen Soldatenglück-Stück oder die Kriege und ihre entsetzlichen Folgen oder soll die hohe Vorstellung von Moral und Ehre, Treue und Liebe in den Abfallcontainer der Neuzeit wandern, in der man mit solchen "Werten" wohl nicht mehr viel anfangen kann? Glücklicherweise können weder die überspitzt groteske Inszenierung von Barbara Frey noch das schäbig-triste Bühnenbild von Bettina Meyer verhindern, dass sich der Schalk des knusperfrischen und keck-fröhlichen Kammerkätzchens (Nina Hoss) doch oft recht gewitzt gegen die graue Szene durchsetzt. Und diese frech-dreiste Franziska kann auch durchaus dem widerwärtig penetrant neugierigen Wirt (Horst Lebinsky) Paroli bieten, dem diese Karikatur auf den Leib geschneidert zu sein scheint. Diese Rolle macht ihm einen Mordsspaß - und dem Publikum auch. Doch immer, wenn Ulrich Matthes als der in seiner Ehre und um sein Vermögen betrogene Major von Tellheim mit gebeugten Schultern die Bühne betritt, ist der Spaß aus. Zunächst weist er die Hilfe seines ihm geradezu hündisch ergebenen Diener so abrupt von sich, dass es einen jammert. Da überkommt einen doch die bange Vorahnung: hier geht es längst nicht mehr um ein deutsches Lustspiel, sondern um ein tief sitzendes Melodrama moderner Regieintention. Ulrich Matthes brachte in dem Ehedrama von Edward Albee "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" genau die richtige Mischung aus kaltem Sarkasmus, verletzter Männlichkeit und gekränktem Stolz des erfolglosen Wissenschaftlers ein. Aber hier gelingt es ihm nicht so recht, auf den zwar nicht minder gekränkten und entwerteten, aber gleichermaßen gefühlvollen, von edlen Motiven geführten Offizier umzuschwenken. Zu spröde, zu distanziert ist seine Vorstellung eines über alle Maßen gekränkten, aller Achtbarkeit beraubten Mannes. Die Ehre, die ihm gebietet, nun verarmt und verleumdet, auf seine Braut zu verzichten, ist für heutige Zeiten kaum noch nachvollziehbar. Auch für Matthes nicht. Das hört und spürt man in seiner starken Körpersprache. Er lässt seinen Tellheim derart unliebenswürdig, ja toll aufbrausen, dass es nicht nur denjenigen in die Glieder fährt, die es gut mit ihm meinen. Finanzielle Hilfe will er von keinem seiner Getreuen annehmen, auch wenn diese Männer alle in seiner Schuld stehen: Der ob des Starrsinns seines Herrn verzweifelte Diener Just muss sogar den Verlobungsring des Majors versetzen (ausgerechnet an den raffgierigen Wirt der Herberge) und so das komplizierte Geschehen in Gang setzen, das später so überaus dramatisch sein Ende finden wird... Sven Lehmann (schon als Mephisto im "Faust" ausdrucksstark!) ist eine seelenvolle, zu tiefst ergreifende Kreatur, die unverzeihlich unter der "gutmenschlichen" Egomanie seines Herrn leidet. Frank Seppelers treu ergebener Wachtmeister Paul Werner hingegen ist eher von soldatisch verhärteter Natur, wenn auch sein Herz, das sich irgendwann - für die Zuschauer unmerklich - zu Franziska wendet, in reiner Nächstenliebe zu vibrieren scheint. Leider bleibt sein entzückendes, eigentlich doch liebevoll gemeintes "Frauenzimmerchen" bleibt holzgeschnitzt. Der Tellheim Lessings hat sich so in sein Unglück verrannt, dass er die Güte der anderen nicht anzunehmen imstande ist. Das ist die einzige und wirkliche, die menschliche Tragik dieses Stückes! Er war und bleibt der Gute, der nur geben kann, aber nicht zu nehmen versteht. Hier wird die ganze Sache nach unseren modernen Erkenntnissen, hoch neurotisch und verständlich; denn wem nach aufopferndem Kriegseinsatz soviel Ungerechtigkeit (seitens des Königs!) widerfährt, der hat wohl allen Grund, verbittert und blind gegenüber der Welt zu werden. Bei Lessing, der diese Verletzung durchaus ernst nahm, aber auch mit dem Charme geistvoller Bonmonts versah und übertriebenes männliches Ehrgefühl liebevoll zu karikieren verstand, gab es noch keine Neurosen. Jedenfalls kannte man das Wort nicht. Aber dass ein Genie wie er die tief verwurzelten psychologischen Mechanismen menschlicher Charakter herauszuarbeiten und trefflich zu modellieren verstand, steht außer Frage. Er ist einer der größten deutschen Dramatiker. Leider hat die Regie Lessings Intention nicht so gesehen. Sonst wäre sie einfühlsamer mit dem Sujet umgegangen. Denn seltsam distanziert sind alle zwischenmenschlichen Begegnungen. Schwer hat es da natürlich Minna von Barnhelm, die ihren Tellheim mit weiblicher List und kühlem Charme von seinem einsamen Sockel der Borniertheit herunterholen versucht und dabei gegen eine menschliche Mauer prallt. Wo aber wo bleibt das Spiel, das Leid, die glühende Liebe, die Empathie, die doch zwischen diesen beiden vorhanden ist? Hier ist dieser Major von Tellheim ein derart in sein Leid versteifter Mann, dass es schier unmöglich ist, ihn aus seiner inneren Starre zu erlösen. Aber auch als er sich endlich, gefangen in der pfiffigen Finte von Minna, wieder als edler Ritter ihrem vermeintlichen Elend gleichzustellen und anzubieten vermag, bleibt sein Wortschwall ohne Wärme. Was Wunder, dass Minna da stur bleibt und ihn endgültig ins Aus manövriert. Und da man auf den deus ex macchina verzichtet hat, nämlich den Oheim des Fräulein, der das ganze Durcheinander zum Schluss wieder ordnet, bleibt die Versöhnungsszene ziemlich verloren im Raum stehen. Tellheim ist gnadenlos geschlagen und, nun auch noch der Treulosigkeit des Ringverkaufs überführt, erst recht auch aller männlichen Ehre ledig. Erschüttert lehnt er sein Haupt an die Schulter der ihn zärtlich umfangenden, verzeihenden Minna. So erniedrigt - das hat sie nicht gewollt. Aber wahrscheinlich Frau Frey. Aber dennoch: Die männerfeindliche Aufführung ist so eigenwillig und so contra Lessing, dass man sie sich ansehen sollte - und mit der stimmigen Inszenierung der "Minna" an eben diesem Theater vor wenigen Jahren vergleichen - da spielte Nina Hoss verschmitzt und souverän die Minna unter einer stimmigen Regie. A.C. |