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Musik von
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Dafür hat man keine Töne
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Uraufführung 1908 in Nürnberg Regie: Thomas Schulte-Michels; Bühne: Christoph Schubiger; Kostüme: Ursula Welter mit: Gabriele Heinz, Christine Schorn, Ursula Staack, Kathrin Wehlisch, Michael Gerber, Jörg Gudzuhn, Michael Schweighöfer, Bernd Stempel
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Die junge Klara aus der Schweiz will am Konservatorium in München Gesang studieren. Dort überredet sie der charismatische Professor Josef Reißner, seine Privatschülerin zu werden. Sie wird seine Geliebte, wird schwanger und treibt das Kind ab. Sie wird zu einer vierjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, aber Josefs Frau Else, die große Angst vor gesellschaftlicher Missachtung hat, stellt ein Gnadengesuch. Klara kehrt, wohl weil sie keine andere Wahl hat (und den Professor immer noch liebt), in dessen Haus zurück, bleibt weiterhin seine Geliebte und erwartet wieder ein Kind, das sie diesmal auch zur Welt bringt, aber sehr bald durch Krankheit verliert. Ein Elend, ein Melodram, ein Sittengemälde, wie es Wedekind nach einer wahren Begebenheit im schönen München schrieb. Der Skandal war unausweichlich, deshalb musste die Uraufführung in Nürnberg stattfinden (mit Wedekind und seiner Frau Tilly in den Hauptrollen). Und
heute? In den Kammerspielen hat Christoph Schubinger eine
knochentrockene beinahe leere schmale Bühne mit einem seitlich
gestellten Sofa und einem alten Klavier als Ort der Begegnung
geschaffen. Ein stattlicher roter Samtvorhang trennt den vorderen
angedeuteten Wohnteil von der Tiefe des Raums, der abwechselnd das
graue, nicht enden wollende Gefängnis oder die ebenso kalt-graue äußere
Welt darstellt. Klara trägt ein Kleid von gleichem Stoff und Farbe,
später wird sie, eingesperrt und verstoßen, nur noch im schmalen
Büßer-Hemd auftreten. Und mit der Kleidung wandelt sich ihr
Persönlichkeit, die zunächst noch stark, eigenwillig, fast zu cool
erscheint. Doch dann nimmt sie ihre Verbannung in Kauf, kehrt aber
heimwehkrank aus dem fremden Land zurück nach München, wohl wissend,
dass sie dort verurteilt werden wird. Für Kathrin Wehlisch ist diese
Rolle eine intensive Gretchenprobe, in der aus der hoffnungsvollen,
naiv-verliebten Gesangsschülerin eine gesellschaftlich geächtete
Außenseiterin, ein Spielball eines infamen Verführers wird. Das Leid,
das Klara tragen muss, ist unermesslich, und ihr Schmerz, als sie
wiederum in die Verbannung geschickt wird, um ihr Kind zu retten und
doch verliert, ist grenzenlos. Der stumme Schrei löst sich nicht
sogleich aus Herz und Kehle, und ist, als er sich endlich seine Bahn
bricht, um nach und nach in Schluchzen und Wimmern überzugehen, schier
unerträglich. Theaterspiel, das einem das Herz
auftut, aber zugleich mit ohnmächtiger Wut erfüllt und darüber
nachsinnen läßt, ob denn solche Verhältnisse in unserer Zeit - in einem
anderen Kleid - sich auch noch ereignen können... Wer das grandiose
Spiel Jörg Gudzuhns als gewissenloser Charmeur Josef erlebt, dessen
Überheblichkeit und Selbstverliebtheit, dessen Ignoranz und Eitelkeit
die Frauen um sich herum vernichtet, der wird wohl Parallelen finden.
Dieser Mann, Gesangslehrer, Künstler, Professor, gut beleumdet und stets
in Geldnot (dafür aber ohne jegliche Gewissensnöte!) besitzt die
Unverschämtheit, mit unnachahmlicher Eloquenz sein amoralisches
Verhalten in sein Gegenteil zu verkehren und damit den besorgten
Schriftsteller Franz Lindekuh (Bernd Stempel als dröger Moralist), von
der Großherzigkeit seines Charakters zu überzeugen. Das ist der böseste
Dialog, den man je hörte und sah! Die Frau neben mir weint, ihr Mann lacht - auch das hat Wedekind wohl erkannt: irgendwann, wenn das Leid unerträglich wird und die Gesellschaft ihre widerlichsten Eigenschaften zeigt, müssen wir uns über die Wirklichkeit hinweglachen. A.C.
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