Musik

von
Frank Wedekind (1864-1918

 

 

Dafür hat man keine Töne

 


Deutsches Theater Kammerspiele

Uraufführung 1908 in Nürnberg

Regie: Thomas Schulte-Michels; Bühne: Christoph Schubiger; Kostüme: Ursula Welter

mit: Gabriele Heinz, Christine Schorn, Ursula Staack, Kathrin Wehlisch, Michael Gerber, Jörg Gudzuhn, Michael Schweighöfer, Bernd Stempel

 

 

 
 
Die junge Klara aus der Schweiz will am Konservatorium in München Gesang studieren. Dort überredet sie der charismatische Professor Josef Reißner, seine Privatschülerin zu werden. Sie wird seine Geliebte, wird schwanger und treibt das Kind ab. Sie wird zu einer vierjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, aber Josefs Frau Else, die große Angst vor gesellschaftlicher Missachtung hat, stellt ein Gnadengesuch. Klara kehrt, wohl weil sie keine andere Wahl hat (und den Professor immer noch liebt), in dessen Haus zurück, bleibt weiterhin seine Geliebte und erwartet wieder ein Kind, das sie diesmal auch zur Welt bringt, aber sehr bald durch Krankheit verliert. Ein Elend, ein Melodram, ein Sittengemälde, wie es Wedekind nach einer wahren Begebenheit im schönen München schrieb. Der Skandal war unausweichlich, deshalb musste die Uraufführung in Nürnberg stattfinden (mit Wedekind und seiner Frau Tilly in den Hauptrollen).

Und heute? In den Kammerspielen hat Christoph Schubinger eine knochentrockene beinahe leere schmale Bühne mit einem seitlich gestellten Sofa und einem alten Klavier als Ort der Begegnung geschaffen. Ein stattlicher roter Samtvorhang trennt den vorderen angedeuteten Wohnteil von der Tiefe des Raums, der abwechselnd das graue, nicht enden wollende Gefängnis oder die ebenso kalt-graue äußere Welt darstellt. Klara trägt ein Kleid von gleichem Stoff und Farbe, später wird sie, eingesperrt und verstoßen, nur noch im schmalen Büßer-Hemd auftreten. Und mit der Kleidung wandelt sich ihr Persönlichkeit, die zunächst noch stark, eigenwillig, fast zu cool erscheint. Doch dann nimmt sie ihre Verbannung in Kauf, kehrt aber heimwehkrank aus dem fremden Land zurück nach München, wohl wissend, dass sie dort verurteilt werden wird. Für Kathrin Wehlisch ist diese Rolle eine intensive Gretchenprobe, in der aus der hoffnungsvollen, naiv-verliebten Gesangsschülerin eine gesellschaftlich geächtete Außenseiterin, ein Spielball eines infamen Verführers wird. Das Leid, das Klara tragen muss, ist unermesslich, und ihr Schmerz, als sie wiederum in die Verbannung geschickt wird, um ihr Kind zu retten und doch verliert, ist grenzenlos. Der stumme Schrei löst sich nicht sogleich aus Herz und Kehle, und ist, als er sich endlich seine Bahn bricht, um nach und nach in Schluchzen und Wimmern überzugehen, schier unerträglich.
Gnadenlos wird das Mädchen von allen "Gutmenschen" missbraucht und entsorgt, die die eigene Schuld am Wahnsinn Klaras nicht einmal im Ansatz wahrzunehmen bereit sind. Solche Hoffahrt muss man aushalten können. Die Inszenierung tut gut daran, die Texte stark zu kürzen, auf eine Pause zu verzichten und damit Tempo und Dichte des Geschehens zu verstärken.

Theaterspiel, das einem das Herz auftut, aber zugleich mit ohnmächtiger Wut erfüllt und darüber nachsinnen läßt, ob denn solche Verhältnisse in unserer Zeit - in einem anderen Kleid - sich auch noch ereignen können... Wer das grandiose Spiel Jörg Gudzuhns als gewissenloser Charmeur Josef erlebt, dessen Überheblichkeit und Selbstverliebtheit, dessen Ignoranz und Eitelkeit die Frauen um sich herum vernichtet, der wird wohl Parallelen finden. Dieser Mann, Gesangslehrer, Künstler, Professor, gut beleumdet und stets in Geldnot (dafür aber ohne jegliche Gewissensnöte!) besitzt die Unverschämtheit, mit unnachahmlicher Eloquenz sein amoralisches Verhalten in sein Gegenteil zu verkehren und damit den besorgten Schriftsteller Franz Lindekuh (Bernd Stempel als dröger Moralist), von der Großherzigkeit seines Charakters zu überzeugen. Das ist der böseste Dialog, den man je hörte und sah!
Christine Schorn als Frau Else kann mit ihrer monotonen, unemotionalen Diktion sowohl das elegante Muttermäuschen, aber auch die tatkräftige Professoren-Gattin hervorkehren, wenn es darum geht, den Schein der angesehenen bürgerlichen Familie zu retten. Auch ihre hilflose Demut und Opferbereitschaft sind letztlich verlogen und schamlos.

Die Frau neben mir weint, ihr Mann lacht - auch das hat Wedekind wohl erkannt: irgendwann, wenn das Leid unerträglich wird und die Gesellschaft ihre widerlichsten Eigenschaften zeigt, müssen wir uns über die Wirklichkeit hinweglachen. A.C.