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Mutter Courage und ihre Kinder von
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Schuld oder Schicksal - wer will darüber richten? |
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Leitung/Regie:
Claus Peymann, Hänig, Amos, Böhm mit: Karsten Gaul, Roman Kaminski, Manfred Karge, Detlef Lutz, Thomas Niehaus, Michael Rothmann, Walter Schmidinger, Marko Schmidt, Veit Schubert, Martin Seifert, Norbert Stöß, Tillbert Strahl-Schäfer, Axel Werner So kurz wie nötig: sich gegen den Wind und das Schicksal stellt und schließlich ihren (Lebens-) Karren allein voranbringt, um weiterzuleben, das berührt und fasziniert! Damit hält sie drei Stunden lang die angstvolle Spannung aufrecht, unter der man von Anfang an steht. |
Wer folgende Inhaltsangabe des ersten Schauspielaktes liest, wird sofort die ganze Breite Brecht'schen Genies erahnen und begreifen, warum Distanz und Abstraktion seiner Parabeln mit der gleichen Wucht ins Schwarze treffen wie ein schwerer, lauter Hammerschlag:
"Frühjahr 1624. Der
Feldhauptmann Oxenstjerna wirbt in Dalarne Truppen für den Feldzug
in Polen. Der Marketenderin Anna Fierling, bekannt unter
dem Namen Mutter Courage, kommt ein Sohn abhanden". solchermaßen verinnerlicht und so
mit Fleisch und Blut versehen wie jetzt am Berliner
Ensemble die zierliche kleine Carmen-Maja Antoni. Die gesamte Inszenierung ist textgetreu
und szenisch ebenso einfach wie überzeugend aufgebaut. Der kaum verhüllte schwere
Karren zieht seine Bahnen über die runde Bühne, gibt jedoch
noch genügend Raum frei für die Personen, die auftreten
und die epische Erzählung Kapitel für Kapitel fortsetzen, im
Mittelpunkt Carmen-Maja Antoni als Mutter Courage. Wie sie mit Witz und
Verstand, mit List und Härte ihre drei unehelichen Kinder durchs karge
Leben bringt, wie Christina Drechsler als ihre stumme Tochter Kattrin Freude und
Leid, Tapferkeit und Selbstaufgabe mit ein paar Lauten und beredter Körpersprache nahe bringt,
das ist schon atemberaubend.
Und so zieht sie weiter, von Ort zu Ort, von Handel zu Handel, sie wird betrogen und betrügt wieder, sie erlebt Tillys Beerdigung, den Sieg der katholischen Partei, einen kurzen Frieden, der schlimmer ist als der Krieg und der ihren Erstgeborenen als Opfer forderte. Sie zieht weiter, ahnend, doch nicht wissend, dass er tot ist, nun allein darum besorgt, zu überleben und die Tochter und den ebenso gutmütigen wie feigen Pfarrer, der sich hinter Rock und Karrenplane versteckt, durchzubringen. Als der sich absetzt, kommt ein neuer Nutznießer: ein windiger Koch, der sich einen schönen Lebensabend mit der Anna ausmalt, aber von der stummen Kattrin nichts wissen will. Und wieder lässt der Regisseur seine Darsteller den Eindruck vermitteln, dass sie diese Szene ganz aus einer alles überwindenden Liebe heraus (aus ihrem tiefen urzeitlichen Gefühl der Einheit von Mutter und Kind) mit leisen, behutsamen Gesten spielen dürfen. Wie gewohnt, zeichnet Peymann ja stets starke schwarz-weiß Bilder und scharfe Konturen, lässt aber dem Witz genügend Raum zur eigenen Entfaltung. Dabei verweht sich die Handlung wie Treibsand auf verwüsteter Erde, vorangetrieben von der erbarmungslosen Logik des Krieges, der den Frieden nur benötigt, um sich von neuem zu entfachen. Der Krieg, und das ist atemberaubend von Brecht gesagt, entwickelt sich zu einer Person, zur Hauptperson, er verselbständigt sich und spielt die erste Rolle. Der Monolog des Feldpredigers wird hier zur grausigsten aller Wahrheiten. Und als der Krieg von neuem aufflammt, die Soldaten sich des nachts heimlich an eine Stadt heranschleichen wollen, um es zu erstürmen, ist es Kattrin, die sich aufs Dach eines entlegenden Bauernhauses verkriecht und mit lauten Trommelschlägen die Bevölkerung vor der Gefahr warnt. Sie bezahlt diesen Mut mit ihren Leben. Als ihre Mutter von heimlichen, nächtlichen Geschäften zurückkehrt, übersteigt ihr Schmerz alle menschliche Zumutbarkeit, und leise singt sie der schlafend geglaubten Tochter mit ersterbender Stimme ein letztes Kinderlied... A.C. |