Mutter Courage und ihre Kinder

von
Bertold Brecht

 

 

  Schuld oder Schicksal - wer will darüber richten? 

   

Berliner Ensemble 

Leitung/Regie: Claus Peymann, Hänig, Amos, Böhm

mit:
Carmen-Maja Antoni, Christina Drechsler, Anke Engelsmann, Ursula Höpfner,
Gudrun Ritter, 

Karsten Gaul, Roman Kaminski, Manfred Karge,  Detlef Lutz, Thomas Niehaus, Michael Rothmann, Walter Schmidinger,   Marko Schmidt, Veit Schubert,  Martin Seifert, Norbert Stöß, Tillbert Strahl-Schäfer, Axel Werner

So kurz wie nötig:
Für Frau Antoni einmal mehr die Möglichkeit, nach ihrer sensationellen "Mutter"-Darstellung nun der berühmtesten aller Brecht-Frauenfiguren ihre Persönlichkeit zu geben. Und Antoni zeichnet diese "Mutter Courage" so temperamentvoll und volkstümlich, so unerbittlich und konsequent, so weich und herzlich wie es einer Frau, die als Marketenderin ihre drei Kinder durch die Kriegszeiten bringen muss, nur möglich ist. Wie fein Antoni die Nuancen setzt, wie sie pointiert, ja scheinbar absichtslos, mit Mutterwitz die Situationen beherrscht, wie selbstverständlich und selbstbewusst, aber auch wie leid- und schmerzvoll sie dem Schicksal trotzt und es hinnimmt, wie sie beinahe am Boden liegt, (aber nur beinahe) - vor allem wie sie ihre kleine Person mit ungeahnter Kraft wieder aufrichtet,

sich gegen den Wind und das Schicksal stellt und schließlich ihren (Lebens-) Karren allein voranbringt, um weiterzuleben, das berührt und fasziniert! Damit hält sie drei Stunden lang die angstvolle Spannung aufrecht, unter der man von Anfang an steht.

Zurück

 
 

Wer folgende Inhaltsangabe des ersten Schauspielaktes liest, wird sofort die ganze Breite Brecht'schen Genies erahnen und begreifen, warum Distanz und Abstraktion seiner Parabeln mit der gleichen Wucht ins Schwarze treffen wie ein schwerer, lauter Hammerschlag:

"Frühjahr 1624. Der Feldhauptmann Oxenstjerna wirbt in Dalarne Truppen für den Feldzug in Polen. Der Marketenderin Anna Fierling, bekannt unter dem Namen Mutter Courage, kommt ein Sohn abhanden".
Seit Helene Weigel, Ehefrau von Berthold Brecht, den hölzernen Händlerkarren Hunderte von Abenden über die Bühne dieses Theaters am Schiffbauerdamm zog, hat wohl keine Frau mehr diese Rolle  

solchermaßen verinnerlicht und so mit Fleisch und Blut versehen wie jetzt am Berliner Ensemble die zierliche kleine Carmen-Maja Antoni. Die gesamte Inszenierung ist textgetreu und szenisch ebenso einfach wie überzeugend aufgebaut. Der kaum verhüllte schwere Karren zieht seine Bahnen über die runde Bühne, gibt jedoch noch genügend Raum frei für die Personen, die auftreten und die epische Erzählung Kapitel für Kapitel fortsetzen, im Mittelpunkt Carmen-Maja Antoni als Mutter Courage. Wie sie mit Witz und Verstand, mit List und Härte ihre drei unehelichen Kinder durchs karge Leben bringt, wie Christina Drechsler als ihre stumme Tochter Kattrin Freude und Leid, Tapferkeit und Selbstaufgabe mit ein paar Lauten und beredter Körpersprache nahe bringt, das ist schon atemberaubend.
Als sich der hoffnungsvolle Sohn Eilif von den martialisch geschminkt und gekleideten Soldaten abwerben lässt, geschieht das in einem Moment der Unachtsamkeit seiner Mutter, die sich ein gutes Geschäft mit dem Hauptmann verspricht... Und auch beim Verlust des tumben Sohnes "Schweizerkas" spielt das Geld - wie könnte es bei dem scharfen Antikapitalisten Brecht auch anders sein - eine entscheidende, böse Rolle. Als der Junge die Regimentskasse vor den Feinden verstecken will, fällt er einer Patrouille in die Hände - könnte seine Mutter sich entscheiden, den Erlös vom Verkauf ihres Karrens (und damit ihrer Existenz) als Lösegeld zu zahlen, wäre der Sohn gerettet. Zumal sie daran glaubt, das das Geld irgendwo versteckt sei. Für Mutter Courage und für ihre Darstellerin folgt jetzt vielleicht die schwerste Szene überhaupt: Als die Soldaten ihr den toten Sohn vor die Füße legen, um ihre (mütterliche) Reaktion zu  testen, und
 damit ihre Mitwisserschaft bei dem Kassen-Deal zu entlarven, muss sie den Sohn verleugnen: Gekrümmt und gramgebeugt windet sie sich, der Worte nicht fähig, das Gesicht eine einzige tiefe Schmerzensfurche, Augen und Mund verzerrt vor Anstrengung, die Tränen zurückzuhalten; stumm schüttelt sie den Kopf, verkriecht sich unter den Schultern, die kaum merklich zucken, und erst als die Soldaten abziehen, bricht sich der Kummer seine Bahn.

  Und so zieht sie weiter, von Ort zu Ort, von Handel zu Handel, sie wird betrogen und betrügt wieder, sie erlebt Tillys Beerdigung, den Sieg der katholischen Partei, einen kurzen Frieden, der schlimmer ist als der Krieg und der ihren Erstgeborenen als Opfer forderte. Sie zieht weiter, ahnend, doch nicht wissend, dass er tot ist, nun allein darum besorgt, zu überleben und die Tochter und den ebenso gutmütigen wie feigen Pfarrer, der sich hinter Rock und Karrenplane versteckt, durchzubringen. Als der sich absetzt, kommt ein neuer Nutznießer: ein windiger Koch, der sich einen schönen Lebensabend mit der Anna ausmalt, aber von der stummen Kattrin nichts wissen will. Und wieder lässt der Regisseur seine Darsteller den Eindruck vermitteln, dass sie diese Szene ganz aus einer alles überwindenden Liebe heraus (aus ihrem tiefen urzeitlichen Gefühl der Einheit von Mutter und Kind) mit leisen, behutsamen Gesten spielen dürfen.

Wie gewohnt, zeichnet Peymann ja stets starke schwarz-weiß Bilder und scharfe Konturen, lässt aber dem Witz genügend Raum zur eigenen Entfaltung. Dabei verweht sich die Handlung wie Treibsand auf verwüsteter Erde, vorangetrieben von der erbarmungslosen Logik des Krieges, der den Frieden nur benötigt, um sich von neuem zu entfachen. Der Krieg, und das ist atemberaubend von Brecht gesagt, entwickelt sich zu einer Person, zur Hauptperson, er verselbständigt sich und spielt die erste Rolle. Der Monolog des Feldpredigers wird hier zur grausigsten aller Wahrheiten. Und als der Krieg von neuem aufflammt, die Soldaten sich des nachts heimlich an eine Stadt heranschleichen wollen, um es zu erstürmen, ist es Kattrin, die sich aufs Dach eines entlegenden Bauernhauses verkriecht und mit lauten Trommelschlägen die Bevölkerung vor der Gefahr warnt. Sie bezahlt diesen Mut mit ihren Leben. Als ihre Mutter von heimlichen, nächtlichen Geschäften zurückkehrt, übersteigt ihr Schmerz alle menschliche Zumutbarkeit, und leise singt sie der schlafend geglaubten Tochter mit ersterbender Stimme ein letztes Kinderlied... A.C.