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Orpheus Descending
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Doch wo ist Orpheus?
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English Theatre Regie: Günther Grosser; Bühne und Kostüme: Tomas Fitzpatrick, Roland Ascheid; Licht: Fred Pommerehn, sound: Alf Arndt mit: Priscilla Be: Lady Torrance; Robert Lyons: Val Xavier; Samantha Coughlan: Carol Cutrere; Eric Hansen: Jabe Torrance; Rita Grote: Nurse Porter; Sabrina Ellenberger: Beulah Binnings; Karen Cifarelli: Dolly Hamma; Harvey Friedman: David Cutrere, Deputy Sheriff, Mr. Dubinsky
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Orpheus steigt herab - ein berühmtes, mit Starbesetzung auch verfilmtes Südstaatenmelodram von Tennessee Williams (1911-1983), in dem die Hitze über Herz und Verstand der Menschen, die sich nur vereinzelt gegen verkrustete Traditionen, engstirnige Puritanerseelen, gesellschaftliche Tabus und nachbarschaftliche Gehässigkeiten zur Wehr zu setzen vermögen, bleischwer lastet - ist jetzt im "English Theatre" in Kreuzberg zu sehen. Auf der Bühne stapeln sich in dieser klassischen Inszenierung die Schuhkartons wie Bausteine, sachlich, perfekt, sparsam und funktional, eben wie ein Geschäft dieser Art ausgestattet ist. Dass alle möglichen Leute hereinschwirren können, liegt an dem hier installierten öffentlichen Telefon, das mit einer Münze für alle zugänglich ist und - jede Privatsphäre in diesem Raum unterbindet. Obschon die beiden schwatz- und klatschsüchtigen Frauen Beulah und Dolly über die Vergangenheit der Ladeninhaber, Lady und Jabe Torrance, recht gut informiert sind und Ladys tragisches Schicksal herzlos Revue passieren lassen. Bis ein stiller junger Mann erscheint, mit Rucksack und Gitarre, ungewöhnlich bekleidet mit einer Schlangenhautjacke; sein wirres halblanges blondes Haar weist eine gewisse Ähnlichkeit zu Frankreichs Kinohelden Gérard Depardieu auf, auch seine hünenhafte Figur passt auf diesen Typus. Eigentlich kein aufregender Mann, der sich hier gemächlich auf den Treppenstufen häuslich niederzulassen scheint. Aufregend ist eher der ausgeflippte Hippie Carol Cutrere, ein hübsches Mädchen aus wohlhabendem Hause, das, sichtlich alkoholisiert, wie ein exotischer Schmetterling in den Laden hereinflattert und mit explodierendem Redeschwall und lasziven Flirtbemühungen versucht, den Fremden, in dem sie den gleichgesinnten Rebellen gegen die verspießte Gesellschaft erkennt, für sich einzunehmen. Doch Val will seinem alten Tingeltangelleben entfliehen und sucht eine solide Bleibe, einen handfesten Job. Jedermann wartet nun auf das große Ereignis des Stückes, auf die schicksalshafte Begegnung von Lady Torrance mit dem "Orpheus" Val Xavier und der Entwicklung einer Liebesbeziehung zwischen zwei so ungleichen Menschen. Doch noch fehlt das Knistern in der Luft, vielleicht ist es zu kalt im Winter dieses Landes. Robert Lyons gibt diesem Val, Gitarrist aus dem jazzigen New Orleans, der Leben in das bigotte Städtchen bringen und die morsche Moral durcheinander wirbeln soll, hier eher die Melancholie eines träumerischen Außenseiters; einst rastloser Entertainer, jetzt ein hilfloser Gelegenheitsjobber, der seine enttäuschten Lebenserwartungen hinter einer schwermütigen Fassade verbirgt. Er bringt keine rebellischen Gedanken in die Gegend, kein Unwohlsein in ihren Tagestrott, sehr wohl jedoch weckt er in Lady, die nicht mehr ganz jung, aber noch lange nicht zu alt ist, um noch einmal vom Leben zu kosten, das ihr nur mehr einen hinfälligen und tyrannischen Ehemann gelassen hat, ein lange vergessenes zärtliches und glückliches Gefühl und eine ungeahnte Vitalität. Sie schnappt sich diesen Val, der so
wunderbare romantische und amüsante Geschichten erzählt und selbst so distanziert
wirkt, mit weiblicher Klugheit und ihrem vererbten Gipsy-Temperament, handfest und bestimmend. Wobei der
mangelnde Charme beider Protagonisten allerdings am schrecklichen
Südstaatendialekt liegen kann und daher auf uns ungewohnt und leicht
hysterisch wirkt. Diese kleine energische Frau verliebt sich in den
seltsamen Hünen, der sich wohl eher ihrer Persönlichkeit beugt als dass
er in Leidenschaft zu ihr entflammt wäre. Dass dennoch die Atmosphäre
heiß und schwül ist, liegt an diesem Abend sicher mehr an der Heizanlage
als an einer aufregenden Inszenierung! Kein betörender Val also, eher
ein verzweifelter, empfindlicher Charakter, der sich den
Annäherungsversuchen der flatterhaften Carol - auch aus
Angst, in seine alte Vergangenheit zurückzufallen und den Zipfel der
Geborgenheit, wieder zu verlieren- recht gewalttätig widersetzt. Alles in allem sprüht diese
Inszenierung keine Funken, auch die temperamentvolle Priscilla Be als
Lady kann mit ihrem leidenschaftlichen Spiel die Trägheit, die über
allem liegt, nicht wettmachen. Der Sheriff ist hier Carols blasser
Bruder, der einst Lady liebte und mit ihr ein Kind zeugte; Er wird als
erbarmungsloser Vertreter der alten Ordnung Val vernichten, sowie die Flammen, die Ladys
Traum, ein Café mit tropischem Garten, das Val ihr baute, verbrennen,
denn ihr eifersüchtiger, sterbenskranker Ehemann Jabe, der in seinem Habitus als Kopie
des Butlers im Sylvester-Evergreen (Dinner for one) einfach nicht fies
genug wirkt, hat alles in Brand gesetzt.
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