Oscar Wilde
 Im Kreuzverhör (2006/7)

 von
Merlin Holland

 

Wie man ein Genie vernichten kann

   

Theater im Palais

  Nach der Dokumentation des Queensberry-Prozesses

Regie und Fassung: Volker Ranisch

Es spielen: Mark Pohl, Herbert Sand und Carl Martin Spengler

Bühnenbild und Kostüme: Wiebke Horn

Dramaturgie: Birgid Gysi

 

 

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 ... oder wie man einem Künstler die Luft zum Atmen nimmt... - glücklicherweise verfügte Oscar Wilde über ausreichend Geist, Witz und Charme, sodass er mit seinen amüsant-boshaften Wahrheiten auch nach seiner elenden Haft - aller Nichtachtung zum Trotz - noch einmal zwei großartige Theaterstücke verfassen konnte. Natürlich war er der Gesellschaft, die er einerseits zwar amüsierte, solange sie sich nicht selbst getroffen fühlte (und das war den meisten Ignoranten durchaus möglich), andrerseits aber durchaus auch empfindlich vor den Kopf stieß, äußerst suspekt. Und wie bis zum heutigen Tag üblich, durfte man sich in den Kreisen der Vornehmen beinahe alles erlauben, solange man nicht ernsthaft mit ihnen anlegte.  Das war allerdings bei Wilde durchaus der Fall, nachdem er eine so enge und leidenschaftlich beschriebene Beziehung zu dem sehr viel jüngeren Lord Alfred Douglas eingegangen war, dass dessen Vater sich in seiner Lordehre mächtig gereizt fühlte und den schärfsten Anwalt Londons mit der Vernichtung Wildes beauftragte.

Dass Wilde diesen Prozess selbst verursacht hatte, mag seiner unglaublichen Selbstüberheblichkeit, die er durchaus in treffsicheren Apercus darzubieten verstand, zuzuschreiben sein; denn nach einer öffentlichen Beschuldigung Lord Queensburys, in der dieser Wilde beschuldigte, mit seinem Sohn  "sodomitisch zu posieren", fühlte sich Wilde nun wiederum in seiner Ehre verletzt und klagte gegen Alfreds Vater. Was er lieber hätte lassen sollen. Denn  nun traf den großen Geist, den bislang nichts anzufechten vermochte, der Bannstrahl der Gesellschaft, deren Schwächen er zuvor mit dem Florett seines Wortschatzes gnadenlos aufgespießt hatte, mit der gleichen Unerbittlichkeit. Seine Beziehungen zu jungen Burschen aus der Londoner Unterschicht wurden nun bis ins Kleinste (und mithilfe von Bestechungsgeldern für die Zeugen) in die Öffentlichkeit getragen, und jene wandte sich nun mit Abscheu von Wilde, dessen Roman "Das Bildnis des Dorian Grey" der Anklage genügend Stoff gab, um Wildes gleichgeschlechtliche Neigung offen zu legen. Obwohl dieser sich eloquent und mit beeindruckender Brillanz zu wehren verstand und seine Widersacher  mehr als einmal der Lächerlichkeit und des künstlerischen Analphabetentums preisgab, musste er schließlich vor der Intoleranz seiner Zeit  kapitulieren. Dabei wusste er genau um ihre Vorgaben, aber er vergaß, dass sie auch für ihn zutrafen; und blauäugig  verstand er jene Welt plötzlich nicht mehr, deren Schwächen er doch so gut durchschaut hatte. So scheiterte er selbst an den Spielregeln des leichten Lebens, die er doch zuvor so genüsslich ausgekostet hatte, die nun aber gar nicht mehr amüsant waren, sondern sich mit aller Schärfe gegen ihn richteten.  Und voller Trauer blickt man auf Wildes Lebenslauf, der ihn nach seiner Haft zwar zu bitteren Anklagen in "De profundi" und "Die Ballade vom Zuchthaus zu Reading" inspirierte, ihm aber jede öffentliche Anerkennung fortan verweigerte. Auch zwei seiner besten Theaterstücke ""The Importance of being Earnest" und "An Ideal Husband" sollten ihm erst sehr viel später Ruhm und Anerkennung bringen. Und was sein Verhältnis mit dem jungen Lord Douglas anging, so war das nicht ungetrübt und unbeeinflusst von der öffentlichen Verachtung geblieben. Da Wilde aber sein Publikum brauchte wie die Luft zum Atmen, den Widerschein seines blitzgescheiten Apercus, den Glamour der Gesellschaft, ihre Anerkennung und Bestätigung, verlor er nach und nach an  Kraft . Er starb, verarmt und unter falschem Namen, nach einer Operation  in einem kleinen Pariser Hotel.

Es ist beglückend und bedrückend zu erleben, wie Carl Martin Spengler Oscar Wilde darstellt und wie er dessen Charme und Geist ( und seine gut verborgenen Nöte) wohl genau studiert haben dürfte, um sich in die Psyche dieses Künstlers hineinversetzen zu können. Als er, schließlich mit den gemeinsten und unwürdigsten Attacken geschlagen, noch immer aufrecht der Welt zu trotzen versteht, aber nun doch gebrochen und zerstört ist- das berührt ungemein. So könnte man sich Oscar Wilde vorstellen: wie er lässig, sich seiner geistigen Überlegenheit voll bewusst, den Funkenregen blitzgescheiter Antworten über den Widersachern ausschüttet, des Beifalls eines amüsierbereiten Publikums gewiss. Sich sonnend in den wohlüberlegten und unwiderlegbaren philosophischen Gedankengängen, mit denen er die dümmlichen Anklagen pariert. Und, solange er sich auf seinem Terrain befindet, auf dem der Kunst, der Bildung, des Geistes, gewinnt er Punkt für Punkt. Doch als es in jene dunklen Gefilde der Seele geht, die sich der Anwalt bis zum Schluss als Trumpf aufgehoben hat, da muss Wilde sich geschlagen geben. Da wird schöne Literatur zur gemeinen Realität. Den Schmerz, der Wildes Herz zerreißt, wird in Spenglers Mimik offenkundig - und erbarmt uns zutiefst.

Der Mann, der ihn vernichtete, ein ehemaliger Klassenkamerad, der schon in der Jugend dem scharfen Witz Wildes wehrlos ausgesetzt war, zahlt ihm nun die erlittenen Demütigungen bitter heim. Herbert Sand verwandelt in diesem Verhör den Atem der Zuhörer zu Eiskristallen, indem er in der Figur des schneidend scharfen, höhnisch zerschmetternden Rächers und Anwalts den Dichter seiner Würde und der Dichtung ihrer Freiheit beraubt. Und er wird in diesem Duell gleichermaßen, zunächst zur süffisanten Überlegenheit Wildes, zu genau dem ungebildeten, geistlosen Spießbürger, den Wilde so treffend zu karikieren verstand. Aber man demütige einen Menschen, der die Macht hat, niemals in aller Öffentlichkeit! Wie sich dieser Mann aufzublähen versteht, wie sehr ihm der Kamm vor Wut anschwillt, aber wie sehr er sich in der Hand hat und seines Endsieges gewiss ist - solch einem Menschen möchte man nie und nimmer ausgeliefert sein! Wiebke Horn hat mit einer sich verengenden Wandkulisse dem engstirnigen Zeitgeist mit seiner äußerlichen Prüderie und Schamhaftigkeit ein treffliches Symbol gesetzt.  

Der Dritte im Spiel ist Mark Pohl als der unbekannte Chronist, der treue Freund des Dichters, der allerdings zu kraft- und mittellos ist, um dem Mann, den er als Genie erkannt und verehrt, wirkungsvollen Beistand leisten zu können. Er ist der Erzähler und zeitweise auch der Mitspieler in dieser Inszenierung, die Volker Ranisch spannend und sensibel eingerichtet hat. A.C.