|
Peer Gynt von Henrik Ibsen
|
Das ewig Weibliche zieht uns hinan |
|
|
Theater am Schiffbauerdamm Regie: Peter Zadek Bühne und Kostüme: Karl Kneidl Choreografie: Reinhild Hoffmann Musik: Georg Klein
Mit: Angela Gilges, Ruth Glöss, Ursula Höpfner, Deborah Kaufmann, Alice Kornitzer/Maria Brunckmann, Ann-Marie von Löw/Antje Settnik, Judith Strößenreuter, Annett Renneberg; Anouschka Renzi, Adina Vetter, Angela Winkler; David Bennent, Uwe Bohm, Benjamin Cabuk, Gerd David, Mathias Kopetzki, Hans-Peter Reinecke, Steffen Roll, Veit Schubert, Gerold Ströher, Oliver Urbanski, Ronald Zehrfeld. Das Drama von Peer Gynt lässt sehr viele Interpretationen zu, je nachdem, wie weit man Ibsens persönliche Einstellungen zu den Aufgaben des Lebens hinzuzieht. Und zudem stellt sich die weitere Frage an die Inszenierung: Hat sie es geschafft, das Werk, das zu einem der Bedeutendsten der Weltliteratur zählt, zeitgemäß aufzubereiten, uns das Wesentliche ans Herz zu legen, und uns fröhlich und betroffen zu machen? Ibsen selbst ging es darum, in großmütigen und lehrreichen Satiren die Schwächen und Torheiten des Menschen aufzuzeigen; er ging souverän mit der Last des allzu klaren Bewusstseins um und wollte stets die Faszination und die Freude am Leben selbst verkünden.
|
Was ist es, was diesen Peer Gynt für Regisseure, Schauspieler, Theaterfreunde so unwiderstehlich macht? Warum nehmen die Stars unter den Machern dies frühe Werk Ibsen so gerne und ausschließlich unter ihre Fittiche? Um sich zu profilieren? Und wenn es sich gar um Namen wie Peter Stein und Peter Zadek handelt, dann gehen alle, alle hin? Worin also liegt aber das letzte Geheimnis einer allseits bekannten faustischen Moral, nach der ein junger haltloser Bursche durch die Welt und sein Leben irrt, säuft, hurt, Geld verdient und Geld verplempert, als Sklavenhändler, falscher Prophet und echter Schiffbrüchiger vagabundiert und schließlich alt, verarmt und unerkannt in sein kleines norwegisches Heimatdorf zurückkehrt, wo man ihn mittlerweile fast mit einem Glorienschein versieht? Und, was geschieht, als der Tod naht und niemand bereit zu sein scheint, seine Seele zu retten? Edvard Grieg hat, seit er Solveigs Lied in so wundersame Töne kleidete, eine Hymne an die große uneigennützige, alles verzeihende Liebe der Frauen komponiert. Georg Klein hat sie zum Auftakt der Zadek-Inszenierung vorangestellt, ganz leise spielt sie sich ein, kaum, dass sie das Geplapper der Zuschauer anzuhalten vermag. Es fehlt wohl insgesamt an der Bereitschaft, die leisen Töne wahrzunehmen. Schade. Aber dann tritt Peer Gynt auf die Bühne, verlottert, verarmt, verschmutzt und – fröhlich. Er gaukelt seiner verhärmten Mutter eine abenteuerliche Geschichte von seinem wundersamen Ritt auf einem stattlichen Rentier durch Wälder, Höhen und Täler vor bis diese halb herzlich, halb böse den Jungen als Lügner und Aufschneider beschimpft; doch sie weiß nur zu gut, dass er seine Abenteuer aus der alten nordischen Märchenwelt entleiht, dass er ein Tagträumer und Phantast ist, ein Zungenverdreher und Abenteurer, ein Meister des Lebensmutes. Er hat sie, Ase, längst verlassen seit ihr Ehemann das große Erbe des Vaters durchgebracht hat. Sie ist eine zärtliche Mutter, die hingebungsvoll an diesen Lümmel glaubt, der nichts als Unfug im Kopf hat, der eine wunderbare Heirat verspielt und sich nun doch noch die Braut in deren Hochzeitsnacht schnappt und damit den gefährlichen Zorn des ganzen Dorfes auf sich lädt. Dieser Peer ist ein Hasadeur, der sich nichts Böses dabei denkt, gewissenlos- und ohne Moral ist, bis sein Herz, für einen Schlag aussetzend, auf dieser Hochzeitsfeier ein junges Mädchen entdeck. Von ihr ahnt er instinktiv, dass sie all die Eigenschaften besitzt, die ihm fehlen, immer fehlen werden: Tugend, Liebe, Hingabe, Treue, Opferbereitschaft. Sie ist beinahe eine Heilige, eine Frau, die auf den Geliebten warten wird – ein Leben lang, um ihn dann zu erlösen mit der Zauberformel: Glaube, Hoffnung, Liebe... Auch Faust II steht Pate für eine spirituelle Reise, die Peer nun um die Welt führt, nachdem er sich, halb angetrunken, mit den widerlichen Trollen, vor allem der Trollprinzessin, eingelassen hat. Er muss vor diesen schnellsten die Flucht ergreifen, bevor sie ihn als Menschen eliminieren. Sie sind es, die ihn wie die Erynnien verfolgen, ihn an der Seite Solveigs nicht zur Ruhe kommen lassen, so dass er vor dem Albtraum fliehen wird. Er hat nur noch seine ehrgeizigen pubertären Ziele im Sinn: König oder Kaiser, reich und berühmt zu werden. Die Erlebnisse, die folgen, sind, wie einst bei dem Baron von Münchhausen, herzhafte Lügengeschichten, exzessiv aufgearbeitet von Regisseur und Choreografin. Der Augenschmaus ist wahrhaft opulent – angefangen von den schrecklich obszönen Trollen, bis zu den wunderschönen orientalischen Mädchen, die den armen Peer in seiner Sinnesglut schmoren lassen. Er trifft auf international besetzte Händler-Halunken und auf schrecklich arme Irre, die, den Trollen ähnlich, ihren Wahn in der Selbstverstümmelung ausleben. Ibsen, der den Peer Gynt – wie im Rausch - in kürzester Zeit in Italien, auf Capri und in Rom, niederschrieb und 1867 an die Öffentlichkeit brachte, hat damit ein Jugend- und Künstlerporträt geschaffen, das die Unbekümmertheit, die Sehnsucht und den Eigensinn eines Menschen zeigt, der sein Schicksal selbst bestimmen will und dabei egoistisch und rücksichtslos gegen alle Widerstände seinen Weg geht. Bevor Peer allerdings den weiten Weg in die Welt antritt, kehrt er noch einmal zur sterbenden Mutter zurück, die er in einer wundersamer Reise in eine andere Welt entführt, in der er humorvoll die strahlende Himmelstür öffnet, und sie sanft in ein besseres Dasein gleiten lässt. Das ist sehr anrührend und schön und natürlich ein starker Kontrast zu all den wüsten Szenen, die nun folgen. Erst der letzte Akt enthält erreicht wieder diese Tiefe an emotionaler Spannung: Peer handelte stets getreu der Troll-Maxime „Sei Du – sei Dir genug“ und nicht nach dem Prinzip der Menschen „Mensch, sei Du“. Nachdem er in dem Glauben, stets mit sich selbst nachsichtig sein zu dürfen, gelebt hat, wird er nun vor dem nahenden Tod eines anderes belehrt: Erst großes Leid macht den Menschen aus – hat er das erfahren, hat er das jemandem zugefügt? Er, der clowneske Kaiser, der bukolische und antiheroische Odysseus, der lachende Münchhausen, der flüchtende Gulliver? Er schält eine Zwiebel und entdeckt nur Schalen, keinen Kern; seine Sünden reichen nicht aus, seine guten Taten ebenso wenig, um erlöst zu werden. Bis er auf die Frau, auf Solveig trifft, die das göttliche Element der Liebe und Vergebung symbolisiert, welche über allem Leid stehen. A.C.
|