Residua

von
Samuel Beckett

 

 

Lebendiges Theater am 
Abgrund des Wahnsinns
 

    Bing - Tritte - Losigkeit

  Sophiensäle

  Regie Oliver Sturm, Raum Till Exit, Visuals Till Exit + videogruppe, Kostüme Doey Lüthi, Licht Holger Klede, Ton Alexander Ott, Maske Stefan Kehl, Produktionsleitung Claudia Jansen, Finanzen Kerstin Müller, Fundraising Alex G. Elsohn, Dramaturgische Beratung Jan-Philipp Possmann

Mit Judith Engel, Swetlana Schönfeld, Traugott Buhre, Graham Valentine

Kurz gefasst

Alles in Allem - ein berührender, aber auch verstörender Theaterabend. Wer sich von der Unverständlichkeit der Beckett- Texte nicht abschrecken lässt, dem sei diese Inszenierung wärmstens ans Herz gelegt.

Weitere Vorstellungen vom 22. - 26.02., 20 Uhr

sowie Gastspiele in Krakau und Tel Aviv

 

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  Beckett - der Unverständliche, der Spröde, der Pessimist, der gnadenlose Sucher des tiefsten menschlichen Grundes. An diesen Beckett wagt sich der Regisseur Oliver Sturm mit der Uraufführung der Prosatexte "Bing" und "Losigkeit". Dabei verknüpft er die beiden Texte mit dem Einakter "Tritte", der für sich selbst gesehen schon keine leichte Kost ist.

Im großen hohen Raum des Festsaales, gemeinsam gestaltet mit dem bildenden Künstler Till Exit, erwartet den Zuschauer ein minimalistisches Bühnenbild aus einem Lautsprecherpodest, einem quer auf dem Boden liegender Laufsteg, zwei riesigen Straßenlautsprechern im Hintergrund und hohen weißgrauen verschiebbaren Seitenwände. Der Abend beginnt mit Graham F. Valentines Schweigen, in welchem er nach einem Bewegungsablauf sucht, derweil grandios mit einer Tasse spielt, um dann das Podest in Besitz zu nehmen. Hier kämpft, leidet, erlebt und erschrickt er mit und an dem Text "Bing", einem Text, dessen (immer wieder anders sortierte) Worte und Wortgruppen von einem Menschen sprechen, der sich in einem kleinen weißen Raum befindet. Dabei wird Valentine immer wieder unterbrochen und kommentiert durch Lautsprechereinwürfe aus dem Off, wie "bing" und "hop". Es ist atemberaubend, wie er es schafft, diese Einwürfe mit Spannung aufzuladen. Auf die rückwärtige Wand wird ein blasses Abbild von ihm aus früheren Zeiten projiziert. Mit seiner phänomenalen Stimmvielfalt und seinem wahrhaftigem Spiel, in Verbindung mit dem nachdrücklichen Licht- und Tonspiel lotet Valentine menschliche Abgründe aus und macht den Text, trotz seiner Sperrigkeit, für den Zuschauer erlebbar - ein seltenes Stück Theater.

Die Wucht von Valentines Spiel im ersten Teil wird kontrastiert durch das zurückgenommene, strenge und fast zwanghafte Spiel von Judith Engel im Einakter "Tritte". In diesem Stück in vier Teilen geht eine etwa vierzigjährige Frau immer wieder die gleichen neun Schritte hin und her. Judith Engel lässt mit ihrer gespannten Körperhaltung und ihrer fast krampfhaften Handhaltung (die den vielleicht mühsam zurückgehaltenen Ausbruch andeuten) einen Menschen lebendig werden, der anscheinend schon sein ganzes Leben um Haaresbreite am Wahnsinn entlang gegangen ist. Mit der warmen Stimme der Mutter aus dem Off, gesprochen von Swetlana Schönfeld, entspinnt sich ein Minimaldialog, an dessen Ende nur die unbeantwortete Frage steht: "Wirst du nie aufhören, es alles hin- und herzuwälzen?"

Als Szenenwechsel vor dem letzten Teil geht es wieder um Fortbewegung - die Mitwirkenden gehen, ja schreiten über die Bühne im Dämmerlicht. Traugott Buhre rezitiert dann den Text "Losigkeit", der, drei Jahre nach "Bing" entstanden und laut Beckett eine Reaktion darauf ist. Wieder besteht der Text aus Worten und Wortgruppen in immer wieder neuer Anordnung, und wieder taucht die Farbe Weiß auf. Buhre kommt langsam mit Krücken und minimalen Bewegungen während des Textes auf die Bühne und gestaltet diesen mit seiner klangvollen und beweglichen Stimme nunancenreich, von trotzig über leidend bis hoffnungslos. Dabei wird er immer wieder von einem Off-Kommentar unterbrochen, der ihm die Worte vorsagt. Das Ganze wirkt resigniert und etwas farblos im Vergleich zu "Bing" von Valentine, der mit der Stimme aus dem Off selbstverständlicher umging. Scheinbar kämpft Buhre mit der Off-Stimme; denn zum Ende hin ist er es, der dem Lautsprecher die Worte stielt. Oder ist es ein Fingerzeig, dass man manchmal schneller sein sollte?

Während des ganzen Textes schiebt Graham Valentine mit dem Rücken zum Publikum in einem unheimlich langsamen Tempo die riesigen Seitenwände nach hinten.

Alles in Allem - ein berührender, aber auch verstörender Theaterabend.  Wer sich von der Unverständlichkeit der beckettschen Texte nicht abschrecken lässt, dem sei diese Inszenierung wärmstens ans Herz gelegt. A.C.