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Richard III. von William Shakespeare |
Kein Königreich und kein Pferd
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in der Bearbeitung von Thomas
Brasch Regie: Claus Peymann
mit: Ernst Stötzner,
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Man mag die verbalen Eskapaden des sich gerne groß und angriffslustig darstellenden Intendanten des Berliner Ensembles mögen oder nicht; fest steht - entgegen der Meinung aller Modernisten - dass hier klassisches, spannendes Theater gespielt wird; zeitweilig mit durchaus ätzender Gegenwartsbezugnahme, stets aber dem Autoren authentisch zugewandt; mit großer Sorgfalt auf die Talente des großen Ensembles vertrauend, die typentsprechend in die Rollen eingesetzt werden oder sich selbst verwandelnd auf die Rollen verteilen - in immer neuen Wechselbeziehungen; spannende Momente durch Sparsamkeit und Aussparung sowie der Auswahl zeitunabhängiger, das heißt im Klartext: künstlerisch anerkannter Stücke; wobei die Klassiker bei Botho Strauss enden und die Avantgarde sich im studio präsentieren darf. Jetzt also wiederum ein Exponat für Schüler und all diejenigen Theaterfreunde, die noch immer William Shakespeare für den größten Dichter und Dramatiker aller Zeiten halten: Richard III. mit modernen Sprachzusätzen von Thomas Brasch. Eine wüste, immer wieder für alle Darsteller ausgesprochen reizvolle theatralische Aufgabe. Hier gilt es, sich um einem Bösewicht zu positionieren, der so selbstverständlich mordet wie andere einen Geburtstagsgruß verschicken; nur dass es in seiner e-mail stets nur heißt: Bring ihn um! Und zwar so schnell und unauffällig wie möglich, denn so bleibt man unentdeckt im rüden Gefecht der Rosenkriege des 14. Jahrhunderts, als die verfeindeten Adelsgeschlechter um Englands Thron kämpften und einander niedermetzelten. Richard III. also, diesmal mit Ernst Stötzner in der Hauptrolle: ein blonder, rundum sympathischer Haudegen aus alter Wikingerzeit, mit hohen Schaftstiefeln, schwarzer Armbinde und samtenen Wams bekleidet, der den Buckel ( heute würde man wohl sagen: Morbus Bechterew) geschickt kaschiert. Als dritter Sohn in der Königsdynastie ohnehin weit abgeschlagen von der Erbfolge, ein Ausgestoßener, der sich von Kindesbeinen für sein Außenseitertum an zu rächen versteht: ein Quertreiber der unangenehmsten Sorte allerorten. Man hätte es von daher eigentlich bei Hofe besser wissen müssen, schon während der Tage als die alten Clans einander vergifteten, erdolchten und gegenseitig mit allerlei Verbindlichkeiten auf den Thron schoben. Aber vollends mit sich selbst und den Intrigen beschäftigt, vergaß man den hinkenden Unhold einfach, nahm ihn nicht ernst und vielleicht nicht einmal zur Kenntnis, während der doch bereits seine ersten Gesellenstücke im Mordhandwerk vollbracht hatte; Nun spannt er weitere Fallstricke, über die er als ersten seinen Bruder Georg aus der Erbfolge stolpern läßt. Und hier beginnt die Inszenierung
von Claus Peymann: in grelles Licht getaucht, humpelt Richard auf die
kahle Bühne, die von verschiebbaren Spiegelwänden im halben Viereck
umrahmt ist, überdacht von kühlen Neonröhren, die ein Fadenkreuz bilden.
Im Spiegelsaal eröffnet Richard dem imaginären Zuhörer (oder sich
selbst) seine wahren Absichten,
räsoniert über seine Mordpläne, die ihn
auf den Thron heben sollen. Man weiß ja ohnehin, was der Schurke vorhat,
aber so wie er es da beinahe lässig plaudernd, wie nebenher, als netten Abendkrimi
offenbart, ist man eigentlich einverstanden. Ja, so müßte es recht
unterhaltsam werden: Zuerst Georg denunzieren und in den Tower
befördern, dann ermorden lassen; dann den König selbst, Edvard, der
älteren Bruder, ist ohnehin ein krankes Weichei; Richard ist sich sicher: der wird
vor Schreck schon von alleine sterben; notfalls hilft man noch ein wenig
nach; dann wird er die schöne junge Witwe - Charlotte Müller als leicht
zu erwärmende, wankende Lady Anna - dessen Mann und Schwiegervater,
König Heinrich VI. er ja bereits rechtzeitig ins
Jenseits befördert hat, freien. Nun gilt es nur noch, die Trauernde von seiner
Glut zu überzeugen. Und - nichts leichter als das: denn dieser Richard
ist ein wahrer Wunderteufel - von eben auf jetzt vom hinterhältigen
Mordbruder zum charmant- gütig-
leidenschaftlich und aufopfernd Werbender, der Hass und hässliche Einwände
gegen seine Verbrechen nicht einmal leugnet, aber als blendender
Blender das Herz der armen Frau eben doch gewinnt. Was letztlich hat sie
zu verlieren? Zu gewinnen aber: den Thron! Teufel auch, möchte man
da ausrufen und diesen Satansbraten zu dieser Überzeugungsarbeit, die
eines Dón Juan würdig wäre, schier beglückwünschen. Nach so viel Mord und Totschlag ist man nun aufrichtig froh, als sich "der unaufhaltsame Aufstieg" von Richards wendet; man merkt es zunächst daran, dass sein Designer-Königsstuhl umfällt, die Boten eine Hiobsbotschaft nach der anderen bringen, weil der französische Feind, wie es scheint, gefährlich näher rückt und Richard von Albträumen heimgesucht wird. Etwas blass, nach Geisterart, gleiten alle seine Opfer fluchend an ihm vorbei. In Richards eigenem Heer sind die Reihen gelichtet, und kein englischer Lord ist mehr in Sicht, der Richard seine Truppen zuführen könnte. Noch einmal sammelt dieser nun gar nicht mehr so gutmütige Berserker seine geballte Energie, mit der er, nur noch auf sich selbst bauend, wütend dem Schicksal zu trotzen versucht. Doch der klassische Verzweiflungsschrei verhallt ungehört auf dem leeren Schlachtfeld, denn keiner ist mehr da, der seinem letzten Angebot "Mein Königreich für ein Pferd"! folgen könnte. A.C.
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