Richard III.

von

William Shakespeare

 
 

 

 

Kein Königreich und kein Pferd

 

 

in der Bearbeitung von Thomas Brasch 
 

Berliner Ensemble

 Regie: Claus Peymann

mit: Ernst Stötzner,
Therese Affolter, Nicole Heesters, Charlotte Müller, Ilse Ritter, Jürgen Holtz, Boris Jacoby, Roman Kaminski, Roman Kanonik, Christopher Nell, Stephan Schäfer, Marko Schmidt, Martin Schneider, Veit Schubert, Andreas Seifert, Martin Seifert, Axel Werner, Matthias Znidarec

 

 
 Man mag die verbalen Eskapaden des sich gerne groß und angriffslustig darstellenden Intendanten des Berliner Ensembles mögen oder nicht; fest steht - entgegen der Meinung aller Modernisten - dass hier klassisches, spannendes Theater gespielt wird; zeitweilig mit durchaus ätzender Gegenwartsbezugnahme, stets aber dem Autoren authentisch zugewandt; mit großer Sorgfalt auf die Talente des großen Ensembles vertrauend, die typentsprechend in die Rollen eingesetzt werden oder sich selbst verwandelnd auf die Rollen verteilen - in immer neuen Wechselbeziehungen; spannende Momente durch Sparsamkeit und Aussparung sowie der Auswahl zeitunabhängiger, das heißt im Klartext: künstlerisch anerkannter Stücke; wobei die Klassiker bei Botho Strauss enden und die Avantgarde sich im studio präsentieren darf.

Jetzt also wiederum ein Exponat für Schüler und all diejenigen Theaterfreunde, die noch immer William Shakespeare für den größten Dichter und Dramatiker aller Zeiten halten: Richard III. mit modernen Sprachzusätzen von Thomas Brasch. Eine wüste, immer wieder für alle Darsteller ausgesprochen reizvolle theatralische Aufgabe. Hier gilt es, sich um einem Bösewicht zu positionieren, der so selbstverständlich mordet wie andere einen Geburtstagsgruß verschicken; nur dass es in seiner e-mail stets nur heißt: Bring ihn um! Und zwar so schnell und unauffällig wie möglich, denn so bleibt man unentdeckt im rüden Gefecht der Rosenkriege des 14. Jahrhunderts, als die verfeindeten Adelsgeschlechter um Englands Thron kämpften und einander niedermetzelten.

Richard III. also, diesmal mit Ernst Stötzner in der Hauptrolle: ein blonder, rundum sympathischer Haudegen aus alter Wikingerzeit, mit hohen Schaftstiefeln, schwarzer Armbinde und samtenen Wams bekleidet, der den Buckel ( heute würde man wohl sagen: Morbus Bechterew) geschickt kaschiert. Als dritter Sohn in der Königsdynastie ohnehin weit abgeschlagen von der Erbfolge, ein Ausgestoßener, der sich von Kindesbeinen für sein Außenseitertum an zu rächen versteht: ein Quertreiber der unangenehmsten Sorte allerorten. Man hätte es von daher eigentlich bei Hofe besser wissen müssen, schon während der Tage als die alten Clans einander vergifteten, erdolchten und gegenseitig mit allerlei Verbindlichkeiten auf den Thron schoben. Aber vollends mit sich selbst und den Intrigen beschäftigt, vergaß man den hinkenden Unhold einfach, nahm ihn nicht ernst und vielleicht nicht einmal zur Kenntnis, während der doch bereits seine ersten   Gesellenstücke im Mordhandwerk vollbracht hatte; Nun spannt er  weitere Fallstricke, über die er als ersten seinen Bruder Georg aus der Erbfolge stolpern läßt.

Und hier beginnt die Inszenierung von Claus Peymann: in grelles Licht getaucht, humpelt Richard auf die kahle Bühne, die von verschiebbaren Spiegelwänden im halben Viereck umrahmt ist, überdacht von kühlen Neonröhren, die ein Fadenkreuz bilden. Im Spiegelsaal eröffnet Richard dem imaginären Zuhörer (oder sich selbst) seine wahren Absichten, räsoniert über seine Mordpläne, die ihn auf den Thron heben sollen. Man weiß ja ohnehin, was der Schurke vorhat, aber so wie er es da beinahe lässig plaudernd, wie nebenher, als netten Abendkrimi offenbart, ist man eigentlich einverstanden. Ja, so müßte es recht unterhaltsam werden: Zuerst Georg denunzieren und in den Tower befördern, dann ermorden lassen; dann den König selbst, Edvard, der älteren Bruder, ist ohnehin ein krankes Weichei; Richard ist sich sicher: der wird vor Schreck schon von alleine sterben; notfalls hilft man noch ein wenig nach; dann wird er die schöne junge Witwe - Charlotte Müller als leicht zu erwärmende, wankende Lady Anna - dessen Mann und Schwiegervater, König Heinrich VI. er ja bereits rechtzeitig ins Jenseits befördert hat, freien. Nun gilt es nur noch, die Trauernde von seiner Glut zu überzeugen. Und - nichts leichter als das: denn dieser Richard ist ein wahrer Wunderteufel - von eben auf jetzt vom hinterhältigen Mordbruder zum charmant- gütig- leidenschaftlich und aufopfernd Werbender, der Hass und hässliche Einwände gegen seine Verbrechen nicht einmal leugnet, aber als blendender Blender das Herz der armen Frau eben doch gewinnt. Was letztlich hat sie zu verlieren? Zu gewinnen aber: den Thron!  Teufel auch, möchte man da ausrufen und diesen Satansbraten zu dieser Überzeugungsarbeit, die eines Dón Juan würdig wäre, schier beglückwünschen.
So geht es weiter; das Monster Richard in Harmlosigkeit verpackt: ein gewissenloser Schurke, ein Schmeichler, ein Scheinheiliger, ein Muttersöhnchen, der sich so gut zu tarnen versteht, dass nicht einmal seine engsten Gefährten erkennen, wer und was sich hinter diesem ebenso skrupellosen wie einfallsreichen Kopfjäger wahrhaft verbirgt: Hastings und Buckingham bleiben beinahe bis zum Schluß die Männer, die für ihn die schmutzige Arbeit verrichten; und wer zaudert, zögert, nicht mehr spurt - und Richard dieser hat ein grausam sicheres Gespür für jede Schwankung ihrer Loyalität - dessen Kopf wird vom Henkershelfer sauber angetrennt und zu den Kronjuwelen im Kühlschrank deponiert, wo auch Sekt und Häppchen für die Party der Grafen zuvor eingelagert waren. Da hatte man sich noch unter Edwards letzten Bewußtseinszuckungen - zwar widerwillig, aber immerhin - Liebe und Treue geschworen. Des Mordens solle es nun ein Ende haben.
Aber, kaum ist der König tot - da geht es munter weiter!  Und dabei hatte doch die kahlköpfig geschorene, auf der Versenkung wie eine graue Erynnie auftauchende alte Königin Margret (Nicole Heesters als eine Schauspielerin mit einer Präsentation, die man heute in verzückter Nostalgie nur noch den alten Schaubühnenhelden zugesteht!) mit bösesten Kassandrarufen die feine Gesellschaft an den Pranger gestellt, ihre Mordtaten wie eine fauchende Furie verflucht und sie für ihre Zukunft das Fürchten gelehrt: Keiner werde überleben, Mütter, Kinder, Männer würden dem Wahnsinn des blutrünstigen Hundes Richard zum Opfer fallen. Diese Königin aus der Gruft, in einen schäbigen Militärmantel und Stiefel gekleidet, ist eine unheimliche Erscheinung: Mit gestochener Schärfe schwingt sie das Schicksalshackebeil, und niemand wird von ihrer grausamen Prophezeiung verschont. Vom Hass geführt, wie übrigens alle hier, die entweder Rache oder Machtgelüste zur Tat treibt.
Doch, wenn der Hass wie Feuersbrunst im Herzen wütet, dann gelingt es auch wohl einer Frau, diesem hinkenden Verführer, der immerhin mit dem Thron Englands zu locken weiß, zu widerstehen; Glänzend wehrt sich Therese Affolter als Königin Elisabeth; tödlich getroffen   ringt sie um die einzig mögliche Fassung, die ihr nach der Ermordung ihrer kleinen Söhne noch bleibt, windet sich wie ein wunder Wurm am Boden und reagiert doch noch mit blitzwachem Verstand, indem sie den ältesten Sohn nach Frankreich schickt und dem Werben des sanft säuselnden Richard um ihre Tochter- zögerlich zum Schein - zustimmt. Man weiß, dass diese Frau Stärke und Haltung bewahren wird, so verletzt, so vernichtet und doch noch immer ganz Königin., weiß sie, wie man mit tödlichen Stichen umzugehen pflegt; ihre Sippe hat sie einst selbst ausgeteilt.
Und diese Königin-Mutter, diese sanfte, längst aus dem Leben abgetretene vornehme Herzogin von York, die den Gatten und zwei Söhne verlor und den dritten, Richard, in die Hölle verflucht, kann nichts mehr erschüttern; denn sie hat längst abgeschlossen mit dieser verkommenen Welt: Ilse Ritter präsentiert in Haltung und Stimme wahrhaft königliche Würde und ein Leid, das hinter allem liegt, was zu ertragen ist. Und sie führt gleichsam in der erschreckend abseitigen Reaktion des Sohnes dessen völlige Amoralität vor.
Was können die anderen Schauspieler gegen diese starken Frauencharaktere noch ausrichten? Doch, es bleibt ihnen allen genügend Spielraum. Jürgen Holtz macht aus dem gefangenen Georg im Kerker eine eigene Geschichte: nacheinander gebiert er sich in treuhaft- trotteliger Gutgläubigkeit, dann beschleicht ihn angstvollste Ahnung, und, jäh aus dem Schlaf gerissen, versteht er es, die beiden gedungenen Mörder mit klugen Argumenten ins Zaudern zu bringen. Doch leider sind diese - ursprünglich als Gaunerkomödianten gezeichnet - trotz ihrer   Mörderherzensgüte gierig und naiv genug, an eine Belohnung zu glauben, und so vollenden sie ihren Auftrag. Und was für ein Schlächter! In der Rolle des Schergen, der Elisabeths kleine Söhne hinrichten muss; ein Mörder, der an seiner Tat zerbricht! Das ist erschütternd.
 Hastings, dieser stets gutgelaunte Getreue des humpelnden Henkers, wähnt sich in Sicherheit, weil er nicht bemerkt, wie Richard mit überzeugendem Plauderton die Treue auszutesten weiß, um dann blitzschnell wie eine Kreuzotter mit tödlichem Biss zuzustoßen. Veit Schubert als gewissenlos-freundlicher Erfüllungsgehilfe und Propagandaexperte Buckingham wird sich trotz aller Intrigantenschläue am Ende auf die Gegenseite schlagen müssen. Doch zu spät: sein Heer wird in die Flucht geschlagen, und sein Kopf kommt zu den anderen.

Nach so viel Mord und Totschlag ist man nun aufrichtig froh, als sich "der unaufhaltsame Aufstieg" von Richards wendet; man merkt es zunächst daran, dass sein Designer-Königsstuhl umfällt, die Boten eine Hiobsbotschaft nach der anderen bringen, weil der französische Feind, wie es scheint, gefährlich näher rückt und Richard von Albträumen heimgesucht wird. Etwas blass, nach Geisterart, gleiten alle seine Opfer fluchend an ihm vorbei. In Richards eigenem Heer sind die Reihen gelichtet, und kein englischer Lord ist mehr in Sicht, der Richard seine Truppen zuführen könnte. Noch einmal sammelt dieser nun gar nicht mehr so gutmütige Berserker seine geballte Energie, mit der er, nur noch auf sich selbst bauend, wütend dem Schicksal zu trotzen versucht. Doch der klassische Verzweiflungsschrei verhallt ungehört auf dem leeren Schlachtfeld, denn keiner ist mehr da, der seinem letzten Angebot  "Mein Königreich für ein Pferd"! folgen  könnte.  A.C.