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Sechzehn Verletzte
von
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Hass, Gewalt und kein Ende
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Studio
Deutsch von Bernd Samland Deutschsprachige Erstaufführung Gastspiel der Hamburger Kammerspiele im Metropo-Studio Friedrichstraße (2006) Regie: Albert Lang, Ausstattung: Peter Schubert; Dramaturgie: Andreas Zeissig; Musik: Benedikt Schiefer; Licht: Lars Thies; Ton: Björn Marckstadt Mit: Michael Degen (Hans), Mehd Moinzadeh (Mahmoud); Elisabeth Degen (Nora); Anne-Marie Kuster (Sonja); Tugsal Mogul (Ashraf); Tarek Youzbachi (Radioreporter)
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Das ist ein überwältigendes, atemberaubendes Drama, das wahrscheinlich so nur von einem holländischen Autor geschrieben werden konnte. In Deutschland, wo man Angst hat, politisch nicht „korrekt" zu sein, wo man sich scheut, offen auszusprechen, was nicht zu leugnen ist: nämlich dass in Israel und Palästina ein mörderischer Terrorismus täglich Hass, Wut und Rache neu gebiert, dass es kein Ende gibt und keine Gasse aus diesem jahrzehntelangen Konflikt herauszuführen scheint – ist es schon ein gewaltiger Schritt, solch ein brisantes, engagiertes und leidenschaftliches Schauspiel auf die Bühne zu bringen. Die Hamburger Kammerspiele haben es mit Michael Degen in der Rolle des leiderfahrenen und toleranten jüdischen Bäckermeisters Hans so faszinierend in Szene gesetzt, dass es unverständlich erscheint, warum nicht jede Vorstellung des Gastspiels restlos ausverkauft war. Natürlich ist der 4. Stock des umbauten Metropols zur Zeit noch eine kalte und provisorische Angelegenheit; deshalb wünschte man natürlich vor allem einem Gastensemble einen adäquaten Raum; aber das traditionsreiche Haus ist zentral gelegen, bietet genügend Plätze und wird eines Tage sicher auch einige Eleganz in der obersten Etage bieten. Vorerst also ein Provisorium; aber das Spiel macht die Kälte des Betons angesichts der Unbarmherzigkeit von Hass und Gewalt, die den flüchtenden palästinensischen Terroristen Mahmoud zunächst unerkannt in die warme Backstube hineinschleudert, beinahe nebensächlich. Mehdi Moinzadeh spielt diesen Palästinenser nicht nur; er ist einer von ihnen; hineingeboren in eine Gesellschaft, die sich unterprivilegiert, misshandelt und missachtet von der Welt glaubt und der jede Form von Gewalt legitim erscheint, um ihr Recht auf Heimat, Land, Familienehre, Anerkennung und Würde zu verteidigen. Bäcker Hans ist Jude; Er hat als Kind das KZ der Deutschen überlebt und bei einem barmherzigen Bäckermeister ein Zuhause gefunden; er hat nichts vergessen; aber er hat verziehen, soweit das möglich ist, und nun die Güte und Weisheit eines Nathans erreicht. Er ist ein ruhiger, aber gleichermaßen autoritätsgebietender Mann, der diesen jähzornigen, aufsässigen, unerzogenen jungen Mann als Lehrling in sein Haus aufnimmt und dessen verbalen Attacken mit unendlicher Geduld und stichhaltigen, schlagfertigen Argumenten begegnet. Doch können weder sein eigenes Schicksal und die gewonnenen Erfahrungen noch seine überzeugende Lebensphilosophie den wütenden jungen Mann letztlich von der Notwendigkeit eines toleranten Miteinanders überzeugen. Mahmoud hat sich einer Tradition verschworen, die keine Gnade kennt und täglich neue Rache gegen die israelischen Feinde schwört. Als er sich in die junge Balletttänzerin Nora verliebt, die ihr kärgliches Gehalt mit Hilfsarbeiten in der Bäckerei aufbessert und mit ihr eine Familie gründen will (überglücklich als sie ein Kind erwartet), aber will er gar den Juden zum Taufpaten machen. Ein bisschen scheint der Feuerkopf nun doch abgekühlt zu sein... Doch die Situation eskaliert, als plötzlich Mahmouds älterer Bruder Asharf auftaucht, der ihn in seinem Versteck aufgespürt hat und ihn nun mit sanften Worten, aber unwiderruflich, an seine familiäre Pflicht und nationale Aufgabe erinnert. Die Drohung, die hinter seinen Anordnungen lauert, ist tödlich: denn falls er der Organisation nicht gehorcht, werden er und seine holländischen Freunde die Konsequenzen zu tragen haben... Man muss dieses Drama, das sich in der Geborgenheit der warmen Bäckerei abseits vom kalten Neonflackern draußen auf der feindlichen Straße abspielt, erlebt haben, um etwas Schreckliches zu begreifen: Menschen wie Hans, den Michael Degen uns in seiner Demut und Menschlichkeit - aber auch in einer Art des inneren Rückzugs von der feindlichen Außenwelt - so ergreifend nahe bringt, werden die blinde Wut der „Erniedrigten" nicht besänftigen können. Wo Worte nicht verstanden werden, wo Logik sich kein Gehör verschaffen kann, wo Emotionen jede Einsicht blocken, wird es keinen Frieden, kein Miteinander, sondern weiterhin nur kriegerische Eskalation geben. Das ist das traurige, realistische Fazit dieses Stückes, dass erschütternd wieder einmal die beinahe widerstandslose Ergebenheit eines Volkes aufzeigt, das es gewohnt ist, Leid und Unverständnis seit jahrtausenden zu ertragen. Und wenn es sich wehrt, wird es hart gerichtet. Man muß leider konstatieren, dass dem Autor zwar ausgesprochen scharf konturierte männliche Persönlichkeiten gelungen sind; die Frauenrollen hat er jedoch etwas undifferenziert bleiben lassen. Nora ist sehr mädchenhaft und noch nicht so recht in der Wirklichkeit angekommen; während die nicht mit ihren Reizen geizende Prostituierte Sonja, Hans’ charmante „Freundin", weder dessen Verzweiflung und Einsamkeit noch sein Liebeswerben zu begreifen scheint. Und der Titel des Stückes? Es sind nämlich nicht die Toten, die weiterkämpfen; sondern die „Verletzten", die das Attentat überleb(t)en und das Feuer der Rache weiterhin schüren werden. Man erinnert sich an die Dramen u.a. von Jean Paul Sartre und Albert Camus und deren bis heute unbeantworteten Fragen, ob politisch-gesellschaftlich motivierte Morde moralisch zu rechtfertigen seien.
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