Shakespeare in Trouble

von
Chris Alexander und Hille Darjes

 

 

Der Königin getreue Diener...

 

 

Gastspiel  
der Bremer Shakespeare Company 

Renaissance Theater

 Regie: Chris Alexander, Ausstattung: Heike Neugebauer, Musik: Konrad Haas

Königin Elisabeth I. : Hille Darjes; Judith Shakespeare: Franzsica Mencz; William Shakespeare: Christian Dieterle; Lord Essex: Christian Kaiser; Richard Burbage: Victor Calero; Will Kempe: Bernd Tauber; Robert Armin: Raiko Küster; John Hemmings: Konrad Haas; Nick Tolley : Johannes Setzer; William Ecclestone: Rudolf Hoehn; Regisseur: Jan Eberwein

 

 
Ist Theater politisch oder harmlos, folgt es der Kontrolle und der Zensur oder ist es frei?  Eine Frage, die sich nicht nur im Zeitalter Elisabeth I. den Schauspielern stellte.

Theater im Theater auf dem Theater - das sind drei Ebenen, die sich zeitweise ineinander verstricken. Da ist zum einen "trouble" um Shakespeares Schauspielertruppe, die etwa um 1600 im Londoner Globe Theatre ein breites Publikum mit seinen Königsdramen und Lustspielen und Verwandlungen in Begeisterung versetzt und plötzlich in arge Schwierigkeiten gerät, als Lord Essex, Königin Elisabeth's engster Vertrauter, die Fäden einer Intrige gegen die Herrscherin zu spinnen beginnt und sich dabei der Schauspieler des Londoner Globe bedienen möchte. Der Schwierigkeiten nicht genug, fällt plötzlich  Williams Schwester Judith in die Truppe ein, die Frauenrollen in Männerkleidung spielen möchte und wohl weiß, dass dies im Elisabethanischen England unter schweren Strafen verboten ist. Das Team allerdings entscheidet sich für Julia, das sie natürlich nicht erkennt. Nun beginnt der zweite Konflikt (vorgeschrieben nach Shakespeare): denn wer entdeckt, wie und wann, dass Judith ein Mädchen ist, und welche Konsequenzen hat das Doppel- und Dreifachspiel im Besonderen und Allgemeinen? William ahnt es, aber er ahnt nicht, wer sich noch in die Truppe einschleicht und ihre Existenz in höchstem Maße gefährdet...
Der Regisseur, der aus dem Off die schwierige Mannschaft mit  wohlwollenden sanften Worten zu leiten versucht, schafft weitere Verwirrungen in einer Zeit, die gestern oder heute sein könnte - wann immer eigenwillige, individualistische, egozentrische, narzisstische, beleidigte, überhebliche, sanfte, liebende, versöhnliche, ehrliche und ehrgeizige Menschen miteinander auskommen - und wie hier - sogar in absoluter Eintracht miteinander erdachtes und wahres Leben spielen müssen!
Tragik und Komik ihrer Rollen und ihrer Persönlichkeit offenbaren sich in dem Spiel des als ständigen Hofnarren chargierenden Will Kempe ("Das ist der Fluch der Zeit, dass Narren irreführen...") und dem für lange Phasen sprechunfähig geschlagenen Robert Armin. Und natürlich in Richard Burbage, der sich in den Rollen als Richard III. und II. nicht nur als absoluter Protagonist, sondern überhaupt als unanfechtbarer Star des Ensembles aufspielt ("Verbrecher strahlen immer heller als die Tugend; sie spielen ihre Rollen, um ihre Ziele zu erreichen. Und es ist gut, wenn man weiß, was hinter dieser Maske steckt.") 

Dabei ist es eigentlich schon an sich spannend, vergnüglich und erschreckend genug, zu erleben, wie sich die starke Ausstrahlung des energischen Dichters (Christian Dielerle als ungemein sympathische Autorität) auf die Truppe überträgt, deren Mitglieder zwischen ihrer Loyalität zur Königin und den Überlebensmöglichkeiten ihres Theaters( und ihrer eigenen Existenz) hin- und her gerissen sind. Das historische Umfeld - weitestgehend geschichtstreu mit dramatischen Effekten im gedachten und wirklichen Spiel verfeinert - ist ein spannender Stoff und wird vorzüglich in temperamentvolle Szenen umgesetzt - und das (4. Ebene!) auf engster, aber geschickt dekorierter Bühne  - dem immer währenden Manko des prächtigen kleinen Jugendstiltheaters - , mit einem Kleider- und Perückenfundus, dem man die Armseligkeit der mittellosen historischen Shakespeare Truppe offenkundig ansehen soll und einem Ensemble, das sich sehen und hören lassen kann, weil es alle Facetten menschlicher Charaktere abdeckt: Lebens- und Shakespeare-getreu!

Das Ganze nun umgesetzt in den chaotischen Ablauf einer Generalprobe, in der Ängste, Lampenfieber und Aufregung allerlei Frustrationen, Beleidigungen, Enttäuschungen aufbrechen und die Schauspieler ihr eigenes Spiel, die Wirklichkeit ihrer eigenen Gefühle mit erschreckenden Rücksichtslosigkeit darbieten. Dabei tun sich eben jene Abgründe menschlicher Unzulänglichkeiten auf, die der Dichter in seinen Dramen facettenreich, exzessiv und zeitlos lebendig in schönster Wortkunst aufgezeichnet hat: Intrigen, Anfeindungen, Enttäuschungen und Versöhnungen.... es ist alles da, was die Dichtkunst der Wirklichkeit abgeschaut hat. Aber - und da spürt man doch die Hand der unvergleichlichen Hille Darjes, die nicht nur als Elisabeth I. fasziniert und tief berührt, sondern auch als Co-Autorin: Sie gibt der Rolle der Frau (Elisabeth wie auch Judith!) eine selbstbewußte, eigenbestimmte Identität, wobei sie ihr die spezifischen Eigenschaften wie Feinfühligkeit, Liebesfähigkeit, Selbstlosigkeit nicht abspricht, sie allerdings nicht länger von diesen abhängig macht, sobald sie der Mann zu seiner Vorherrschaft ausnutzt!

Ein ausgesprochen vergnügliches und bewegendes Theatererlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte. A.C.