von Uraufführung
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Ankunft der Verwirrten Ein Spiel mit der Zeit |
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Inszenierung: Claus Peymann; Bühne: Karl-Ernst Herrmann, Kostüme: Angelika Rieck; Dramaturgie: Jutta Ferbers; Musik: Jörg Gollasch, Licht: Ulrich Eh mit: Antoni, Drechsler, Höpfner, Junge, Müller, Rath, Senckel, Jacoby, Kaminski, Kunath, Niehaus, Ossig, Philippi, Rothmann, Schmidt, Schubert, Singer, Stöss, Tsivanoglou, Werner, Wittmann
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Zwei Kinder, wie Hänsel und Gretel, markieren ihren Irrweg durch den unbekannten Wald mit Brotstücken - doch die Vögel picken die Krumen auf, und den Kindern ist die Rückkehr verwehrt. Sie werden weiter fliehen fort vom unerträglichen Dasein in ein neues gefährliches Leben, das sie aber mit Liebe und List bewältigen werden - und sie werden in ihre alte Welt zurückkehren, aber um Erfahrungen und Erkenntnisse reicher, gelassener, gelöster, gereifter... Wird es der Menschheit - und diese hat Handke in seinem jüngsten Stück en bloc im Visier - wird es auch uns so ergehen, die wir scheinbar ziel- und planlos herumirren auf der Suche nach einer neuen Erfahrung, nach einer anderen Identität? Oder werden wir - abgeschlagen und erschlagen in den nächsten Krieg taumeln, der jenseits unserer begrenzten Wahrnehmung längst aufgeflammt ist, und dessen züngelnde Flammen aber wohl als Warnsignal nicht genügen? Peymann/Handke haben eine starke symbolträchtige und spannende Dramatisierung der philosophischen Gesellschaftsbetrachtungen Peter Handkes zusammengestellt und jede Menge Schauspieler dafür eingesetzt, die die schwarze, unterschiedlich ausgeleuchtete rampenartige Bühne durchqueren, zumeist paarweise in Diagonalen, später als verwundete, schweigende, irrlichternde Masse Mensch. Vor der Bühne, quasi wie ein Souffleur, hat sich ein Mann mit Hut und sanfter Stimme niedergelassen und sich als "Zuschauer" geoutet, ein Zuseher, aber kein Zuhörer, ein Mitdenkender, aber kein Mitmachender, ein Mensch, der wahrnimmt, kritisch und einfühlsam, der aber nicht eingreift. Was der Schauspieler auch gar nicht möchte; denn er ist der Verkünder, der Warner in der Wüste wie sein Herr und Meister, von denen es zumeist zwei gibt: Autor und Regisseur. Also sind Handke und Peymann doch eher Warnende als Defätisten, die den Finger auf den Uhrzeiger legen und die Zeit anhalten möchten, bevor sie selbst verlischt und uns im Nichts zurücklässt; denn das ist die zweite Botschaft, die sich an die der Neuorientierung, des Um- und Mitdenkens knüpft: die Zeit ist uns nur geliehen, sie ist nicht fassbar, nicht ermittelbar, sondern Zeichen einer Begrenzung, die uns unser Leben als einen Auftrag auf Zeit begreifen läßt. Alles hier ist ein Spiel mit Sehnsüchten, Wünschen und ernüchternden Wahrheiten; denn so sicher, wie die Zeit der kindlichen Unschuld, des naiven Glaubens, der idealistischen Visionen für den alt gewordenen Zeitgenossen vorbei ist, so sicher lauert die physische, und psychische Gewalttätigkeit auf unserem Irrweg durch das Leben; wir tragen nicht länger des anderen Last, sondern unsere eigene; wir nehmen Abschied vom Leben in der Gewissheit, einmal mutig und tapfer gewesen zu sein, doch damit ist es jetzt vorbei, weil wir uns widerstandslos in unser vermeintliches Schicksal fügen. Und weiter folgt Szene auf Szene auf dieser Irrfahrt, die menschliches Versagen, aber auch Zuversicht in der jungen Generation noch gelten läßt - später wird es komplizierter. Wortspiele offenbaren Wahnwitz: Führt Trösten zum Trost, oder macht es gar untröstlich und endet in Trostlosigkeit? Menschen fragen und erhalten keine Antworten, weil sie verlernt haben, dem anderen zuzuhören; Menschen leben einander vorbei und verletzen, weil sie orientierungslos geworden sind; Erinnerungen des Kindes an den Duft und das Rascheln des Herbstlaubes am Kartoffelfeuer bringen längst vergessene Saiten zum Schwingen und konfrontieren uns mit der Frage: Können wir in das kindliche Land der Unschuld zurückfinden? Und bedarf es eines Dritten, der uns leitet, führt, der vermittelt, uns aufschreckt - der Eine, der Andere, der Dritte - Peter Handke und Botho Strauß stehen nahe beieinander als die vielleicht bedeutendsten theatralischen Denker unserer Zeit; beide jonglieren sie mit der Zeit, wie Albert Einstein es als nicht Geringerer vor ihnen versuchte; und auch sie können dieser Dimension nicht beikommen. Was bleibt, ist ihre, ist unsere Angst, keine Zeit mehr zu haben, um die Welt neu zu richten, um Kriege und Gewalt zu vermeiden, um sich der Schönheiten dieser Erde zu vergegenwärtigen ( wie der Versuch der beiden Frauen, zu verstehen, worüber die andere spricht), zu neuen Ufern aufzubrechen. Doch was bedeutet das - und ist es nicht bereits zu spät?
Endzeitstimmung! Die verloren Äpfel
der Kindheit kullern verloren über den blanken Boden bis jemand sie
aufhebt: ein Mann mit Zweispitz, Sprecher, Vermittler, Antreiber. Ihm
gegenüber: der Feuerwehrmann in blinkender Unform, der unter der Last
der Leiter bereits zusammenbricht, bevor er die Heldenkarriere
erklimmen kann; auf dem Weg zum unsterblichen Ruhm, verliert er "die
anderen", die jämmerlich jammernd an ihm vorbeiziehen, aus dem Blick,
der nach oben gerichtet ist - auf ein fernes unbekanntes Ziel. Später,
als er selbst gescheitert, verunstaltet, halbtot ist, werden anderen
an ihm vorbeiziehen, verkrüppelt, verstümmelt, verloren. Und sie
werden aus seinem Elend neuen Lebensmut ziehen, denn erst der
Tod erweckt sie, macht sie sensibel, gibt denen, die noch wahrnehmen
können, neue Kraft. Doch "der eine und der andere", sie werden es
nicht mehr können; das Paar, das einander verloren hat, der Sohn, der
seinen Vater verstößt, weil er ihn nicht finden kann; die Tochter, die
ihre Mutter verneint, weil diese sie töten will, der Mann, der nicht
lachen kann... Sie werden weiterhin ziellos irgendwo gehen,
solange noch Frieden ist... es wird der letzte sein - warnt der
Schriftsteller, und die Inszenierung läßt keinen Zweifel an der
Ernsthaftigkeit dieser apokalyptischen Vision aufkommen. Es gilt, die
Zeit zu finden, die uns noch bleibt, sie zu nutzen, um den Sinn
unseres Seins zu begreifen, um den Irrlauf der Zeit aufzuhalten! Ein faszinierendes Theaterexpedriment und ein hervorragendes Programmbuch, das die künstlerische Feingliedrigkeit des schwierigen Gedankenpuzzles bühnenwirksam widerspiegelt. A.C.
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