Tabula Rasa

von
Carl Sternheim 
(1878-1942)

 

  

  Mit festen Bezügen in den Ruhestand

 

   Uraufführung 25.1.1919 Kleines Theater, Berlin

Theater`89 


Regie: Rudolf Koloc
Bühne und Kostüme:

Martin Fischer

Dramaturgie: Jörg Mihan

mit:   

   Herbert Sand - Wilhelm Ständer; Katrin Schwingel - Isolde Ständer, Nichte und Mündel; Jürgen Bierfreund-Heinrich Flocke; Dirk Wäger - Artur Flocke, sein Sohn; Sophia Längert - Nettel Flocke, seine Tochter; This Maag - Werner Sturm; Johannes Achtelik - Paul Schippel, Direktor und Arzt; Nadja Engel - Bertha, Angestellte bei Ständer

  Koloc's Inszenierung ist weitaus böser, allerdings auch weitaus weniger witzig als im Ansatz bei Sternheim, der ja nicht ahnen konnte, welch glänzende Aktualität seinem Stück im Jahr 2005 beschieden sein würde... Es sticht und piekst höchst aktuell, wo es kann, und deckt auf, was immer und zu jederzeit wohl in des Menschen Natur liegt: Der Wunsch, Macht und Wohlstand zu besitzen, Bildung als Schein vor sich herzutragen, Verachtung der anderen Gesellschaftsklasse, solange man ihr nicht selbst angehört, Ausbeutung der Abhängigen und Verrohung von Sitte und Moral, wenn die Suche nach "dem eigenen Selbst" sich lediglich auf die Befriedigung äußerer Bedürfnisse richtet. Das alles ein bisschen als absurdes Theater verpackt, schnell und im Stakkato heruntergespult, dazu mit großem Temperament und Engagement gespielt- das macht schon Spaß und bestätigt die Vermutung, dass letztlich eben nicht nur alles Theater ist...

Zurück

 

  Die Raumgestaltung ist äußerst feinsinnig: hell und geräumig, vorn ein kleiner Esstisch voll köstlicher Speisen, die von der attraktiven Isolde sinnlich serviert und von ihrem Onkel und Gewerkschaftsgenossen Wilhelm Ständer gierig verschlungen werden. Im hinteren Halbrund der Wand   eine rotleuchtende Glasdekoration, die zeitweilig kunstvoll angestrahlt und deren Eleganz durch sieben rote Plastiksofas ad absurdum geführt wird. So lässt sich's leben, was man recht bald konstatiert, nachdem sich Wilhelm Ständer als Kunstglasbläser, Kleinaktionär und Vertreter der Arbeiterschaft vorgestellt hat. Er hat verschiedene Seelen in seiner Brust unterzubringen, und Herbert Sand lässt in dieser Rolle von Anfang an keinen Zweifel an der durchtriebenen, ausschließlich auf Eigennutz ausgerichteten Persönlichkeit dieses Tricksers, der sich, wie es das Kalkül gerade gebietet, stets auch schnell mit der Gegenseite zu arrangieren versteht. Da ist sein aufrechter Mitstreiter und Mitaktionär Heinrich Flocke als ehrliche Haut schon schlechter dran. Für Jürgen Bierfreund, der mit passendem hochroten Gesicht und kahlen Kopf bereits den anstehenden Infarkt signalisiert und treuherzig allen Machenschaften des durchtriebenen Genossen folgt, schon eine passend zugeschnittene Rolle!

Beide bangen um ihre bis dato sorgsam geheim gehaltenen Anteile am Betriebsgewinn, als aus Anlass des hundertjährigen Firmenjubiläums eine Generalrevision der Betriebsausgaben vorgenommen werden soll. Der gerissene Ständer schlägt vor, eine Werksbibliothek für die Arbeiter zu fordern, damit der Aufsichtsrat durch dieses Vorhaben abgelenkt wird.  Doch als sich viel zu schnell eine Einigung zwischen Arbeitern und Fabrikleitung anbahnt (was durchaus nicht in der Absicht Ständers ist), holt er sich Hilfe bei einem sturmerprobten Agitator, der die Masse zur Unruhe aufrufen und die Revision weiterhin hinausschieben soll. Sinnigerweise heißt dieser Mensch Sturm, ist aber auf der Bühne kein Berliner, sondern ein nur schwerverständlicher Schweizer (This Maag) und ist ebenso humorlos wie unerwünscht radikal. Er erscheint stets im Laufschritt mit großem Hut und leuchtend blauen Augen, unverständliche Parolen brüllend, irgendwie lächerlich. Was die reizende, kleine Nettel, Flockes Tochter, überhaupt nicht findet. Sie wird zu ihm halten.

 Nun tritt Flockes Sohn Arthur auf die Bildfläche, ein Redakteur, der auf friedlichem Wege Arbeiter zu Bürgern machen möchte. Dirk Wäger, einst glänzender Darsteller vielfacher Rollen am Kleisttheater in Frankfurt/Oder, setzt die Persönlichkeit Arturs irgendwo zwischen Don Carlos und Marquis Posa an und deklamiert wetter- und standfest mit jugendlichem Ungestüm, wie er Herzen und Verstand bewegen und vereinen will. Die Bibliothek wird schnell genehmigt, und das Herz der schönen Ständer-Nichte gehört ihm auch alsbald. Beides liegt nicht in der Absicht der beiden Genossen im schwarzen Anzug, die eigentlich auf Verwirrung der Arbeiter bedacht sind.

 Als Direktor Schippel, generös und gütig nach Art des Hauses, dann sozusagen als Jubiläums-Dreingabe die Verdienste Ständers mit dessen Aufnahme in den Aufsichtsrat würdigen will, weiß dieser geschickt die Verantwortung von sich auf den weit überforderten Flocke abzuwälzen. Dabei geht er elegant in die Kurve, erhält Lob und Dank und feste Bezüge und sichert sich fortan seinen Komfort, indem er Nichte und Schwiegersohn in spe aus dem Haus wirft und die allzu kecke, stets   Gehaltserhöhung fordernde Hausangestellte und Bettgenossin Bertha ebenfalls. Freudige Bockssprünge. Und Tabula Rasa: Nun kann er sein Geld allein verprassen. A.C.