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Verbrennungen
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Wenn die Welt brennt...
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Potsdam (2007)
Aus dem Frankokanadischen von Uli Menke mit: Meriam Abbas, Nicoline Schubert, Henrik Schubert, Andreas Herrmann, Nina El Karsheh, Oktay Khan, Gisela Leipert, Philipp Mauritz, Roland Kuchenbuch
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Das ist der Stoff, aus dem Romane und anschließend Filme gemacht werden: Gegenwartsgeschehen schicksalhaft in der Rückblende in das gleißende Helligkeit der Wahrheit geholt, aus der Tiefe des Schweigens ans Licht gezerrt, das mit einer Vernichtungskraft einer Atombombe zuschlägt. Auf die Bühne transponiert, bedeutet das: vor allem gestraffte Action, von Worten, von Handlungssträngen, die sich aufbauen und verdichten und zu einem Höhepunkt führen, der sich potenziert und endlich die Lösung präsentiert, die, wie immer sie auch aussehen mag, eine endgültige ist. Dennoch, bleiben wir beim Film: dann zielt die erste Blende auf einen unauffälligen Mann der Mittelschicht; er setzt sich in einen weißen Sessel, zieht aus der Aktentasche ein Papier und verliest offensichtlich ein Testament (Andreas Herrmann in bemitleidenswerter Pein des Wissenden). Nächste Einblendung: sein Gegenüber - ein junges Geschwisterpaar, ebenfalls in weißen Sesseln drapiert: ungerührt, blasiert, gelangweilt. Teilnahmslos nehmen die beiden zur Kenntnis, was der Notar ihnen vorträgt: den letzten Willen ihrer verstorbenen Mutter, die ihre letzten fünf Lebensjahre in einem Pflegeheim verbrachte, stumm, denn sie sprach seither kein einziges Wort mehr. Während der junge Mann seinem Frust über den Verlust der Mutter mit unflätigen Worten jäh wutentbrannt und hasserfüllt Ausdruck verleiht, verharrt seien Zwillingsschwester (Nicoline Schubert) zunächst beinahe apathisch in stummer Regungslosigkeit. Denn Nawals, der Mutter, Vermächtnis, das sie dem Notar hinterlassen hat, ist befremdlich und unverständlich: Jeanne soll ihren anderen, im Libanon verschollenen Bruder finden und Simon den Vater. Auch er erhält einen verschlossenen Umschlag. Während sich Jeanne, Halt suchend, in die Logik ihrer Mathematik flüchtet, um in das Dunkel der Vergangenheit ihrer Mutter eintauchen zu können, weigert sich ihr Bruder trotzig gegen die ihm zugedachte Aufgabe. Ahnt er, was auf sie zukommt, dass hernach ihr Leben nie wieder so sein wird, wie jetzt, erkennt er intuitiv die Gefahr, die wie ein alles vernichtendes Gewitter auf sie zustürmt? Auch Simon wird eine furchtbare Veränderung durchleben müssen, und Henrik Schubert kann mit Mitteln, die jenseits allen Fassungsvermögens liegen, die Vernichtung einer Seele nach der totalen Aufgabe aller Rationalität herzzerreißend sichtbar machen. Die Regisseurin führt das Spiel ohne
Pause zweieinviertel Stunden hindurch mit straff gespannter Dramaturgie,
die das Schicksal der Menschen im Libanon aufzeigt, der seit Jahrzehnten
in schrecklichen Bruderkriegen verblutet. Sie zeigt zwischen Heute und
Gestern eine tapfere junge Frau, die mit ihrer Freundin den Kampf um
Recht und Leben auf sich genommen und getragen hat bis ihre Kräfte
versagten. Die Kamera führt uns in die Erinnerungen: in die Jugend und
Tradition von Nawal, als diese noch ein unwissendes Mädchen in einem
verlassenen Dorf war, sich in Nihad verliebte, ein Kind bekam und dieses
ihr im Krieg weggenommen wurde. Der Vater des Kindes musste vor den
anziehenden Rebellen in eine ungewisse Zukunft fliehen. Bereits das Programmheft präsentiert sich mystisch, gibt keinerlei Inhalt preis - stattdessen Gedanken und Fragmente einer engen Zusammenarbeit zwischen Schauspielern und Autor. Die persönlichen Wünsche und Erfahrungen prägen die Geschichte - wozu soll das gut sein, wie mag es aussehen, wie lautet die Botschaft? Es wird nichts verraten und doch ist bereits alles gesagt - alles findet sich in dem Stück wieder, das eine atemlose Spannung vom ersten bis zum letzten Satz aufbaut. Und man darf vom Hergang wirklich nicht allzu viel verraten, weil dann ein ebenso poetisches wie hartes realistisches Theaterstück, zusammengebaut aus Weltgeschehen und Menschheitsgeschichte, seines kunstvoll gewobenen Netzes beraubt wäre. Wo andere Autoren in der Tat bei Stückwerk bleiben, Szenen willkürlich aneinanderfügen, die dann erst von den Darstellern mühselig zusammengesetzt werden müssen, da hat dieser Autor ( der bereits als Kind mit den Eltern in Kanada eine neue Heimat fand), die grausamen Bruderkriege seines Geburtslandes, des Libanon, zum Thema macht, einen Roman, einen Film, ein Theaterstück geschrieben, das seinesgleichen sucht. Petra Luise Meyer führt eine unglaublich präzise und einfühlsame Regie, die sich mit wenigen bühnentechnischen Hilfsmitteln und ohne falsches Pathos, ohne Kitsch und Sentimentalität einen gradlinigen Weg direkt in die Hölle einer hirnverbrannten, wahnsinnigen Welt hinein bahnt. Zurück allerdings bleiben Trauer und Entsetzen - und das Erlebnis eines wirklichen, zeitnahen Dramas. A.C.
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