Vita & Virginia

von
Eileen Atkins

deutsch von Frederike Roth

 

Aus dem Leben zweier großer Frauen

   

Renaissance Theater

Regie/Kostüme: Torsten Fischer; Bühne: Herbert Schäfer; Dramaturgie: Evelyn Haake;

mit: Nicole Heesters und Barbara Nüsse

 

 

 

  

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  Dann und wann befällt einen die wehmütige Vorstellung, dass die großen Damen des Theaters wohl alle Berlin Lebewohl gesagt haben. Bis auf einige Wenige, die ab und zu, selten genug allerdings, noch einmal auf verschiedenen Bühnen auftreten und uns eine Ahnung davon geben, wie großes Theater, wie sich große Schauspielkunst anhört und anschaut. Wer jetzt im Renaissance Theater das kleine Zwei-Personenstück von Eileen Atkins "Vita &Virginia" besucht, wird eine Sternstunde erleben. Denn Nicole Heesters und Barbara Nüsse spielen unter Torsten Fischers (exakt auf Inhalt, Ort und Handlung abgestimmter) Regie die historische Freundschaft zweier bedeutender Frauen: Nicole Heesters ist die vitale Lady Vita Sackville-West, Weltreisende, Schriftstellerin, Diplomatenfrau, glänzende Gesellschafterin und vor allem die Freundin und Liebhaberin von Virginia Woolf. Barbara Nüsse hat die Rolle der großen Schriftstellerin, die glänzende Romane schrieb, die in der Druckerei ihrs Mannes dann auch von ihr selbst fertig gestellt wurden; sie lehnte jegliche Bindung an irgendeine gesellschaftliche Verpflichtung ab und kämpfte in ihren Werken für die Gleichberechtigung der Frau. Sie lebte und arbeitete unter schweren körperlichen Leiden und depressiven Qualen, die schließlich unerträglich wurden; 1941 nahm sie sich das Leben.

Wir erleben zwei Frauen, wie sie nicht unterschiedlicher hätten sein können und die sich wohl auch gerade deshalb so heftig von einander angezogen fühlten. In rund 700 Briefen und in ihren Tagebuchaufzeichnungen ist ihre leidenschaftliche, geistreiche und humorvolle Korrespondenz dokumentiert - vom 14. Dezember 1922 bis zu Virginias Tod. Ihre Freundschaft war nicht immer ungetrübt; sie erlebte Höhenflüge und Phasen der Enttäuschung, vor allem bei der wesentlich sensibleren Virginia. Sie war die Ältere in dieser seltsamen und doch verständlichen Beziehung, die zwei bedeutende Charaktere und Künstlerseelen verband. Hatte Lady Vita Sackville-West ein ungestümes, faszinierendes Temperament, eine schnelle Feder, einen ungestillten Erlebenshunger und ein ungebremstes Liebesbedürfnis, so lebte Virginia Woolf leise, zurückgezogen in ihrer ländlichen Umgebung, die sie über alles liebte, und wo sie mit ihrem Ehemann eine kleine, erfolgreiche Druckerei betrieb. Ihre Beobachtungsgabe war haarscharf und exakt, ihre Wahrnehmung überaus sensibel; und sie besaß neben ihrer schriftstellerischen Begabung die überaus kunstvolle Fähigkeit, das Erlebte in ihren Romanen zu analysieren, zu reflektieren und zu kommentieren.

Dass beider Ehemänner von ihrer Beziehung wussten, wirft vielleicht ein weiteres erhellendes Bild auf diese ungewöhnlichen, emanzipierten Frauen, die der Moral und dem gesellschaftlichen Verhaltenskodex ihrer Zeit weit voraus waren. Sie führten ein intellektuelles, geistvolles Leben - die eine tauchte mit wahrer Wonne in den Trubel fremden Länder, ihrer Sitten und Traditionen ein; die andere konnte, auch wegen ihrer Krankheit, England zwar nie verlassen, war jedoch darum nicht minder reich an Wahrnehmungen.  

Herbert Schäfer hat nun im Renaissance Theater eine bescheidene und interessante Bühne gebaut: auf der vorderen niedrigen Fläche stehen zwei Stühle, ein Lehnstuhl und ein "normaler", die je nach Ablauf und Inhalt der  Gespräche zwischen den Frauen hin- und her bewegt und unterschiedlich genutzt werden: Mal dienen sie als lässiges Sitzmöbel, dann als Symbole für Nähe und Entfernung, dann wieder als Erholungsort für die ermattete Virginia. Die zweite, rückwärtige Hälfte der Bühne ist angehoben und verläuft leicht schräg (eine wahre Kletter- und Balanceleistung für die Schauspielerinnen) – ein Sinnbild für ihre räumliche und innere Entfernung.

Manchmal sitzen die beiden Frauen einträchtig nebeneinander oder erzählen aus der Distanz; zeitweilig auch verschwinden sie hinter den Vorhang, allein oder auch gemeinsam, je nach Intensität und Entfernung ihrer augenblicklichen Beziehung. Immer ist Bewegung im Spiel, denn ihrer beider Leben läuft selten äußerlich im gleichen Takt. Meistens ist Vita weit entfernt, und auch wenn sie in der Nähe der geliebten Freundin ist, zeigt Nicole Heesters die Kraft und die Unruhe dieser Frau im dunklen, männlichen Hosenanzug, die Selbstbewusstsein und Leidenschaft ausstrahlt. Sie wird später neben Virginia noch andere Freundinnen haben, und, als Virginia ihre Eifersucht und Enttäuschung überwunden hat, weiterhin in tiefer herzlicher Freundschaft zu ihr stehen. Barbara Nüsse zeigt in ihren leicht verhaltenen, zögerlichen Bewegungen die Unsicherheit der Künstlerin, von der aus sie immer wieder festen Halt (auch an ihren herrlich-unmöglichen Hüten!) zu suchen scheint: nach einem Ort, der ihr Sicherheit und Gewissheit gibt, auch Kraft, um ihre Krankheitsschübe durchzustehen. Mit ihrer kindlichen, doch festen Stimme besticht sie mit einer gezielten, druckfertigen Wortwahl und klaren Gedankenkonstruktion, die in sehnsuchtsvollen Passagen die Liebes- und Leidensfähigkeit dieser Dichterin transparent werden lässt. Später wird sie ihre Beziehung zu Vita Sackville-West in dem Roman "Orlando" verarbeiten und damit der geliebten Freundin ein kunstvolles Denkmal setzen. A.C.