|
Vor Sonnenuntergang von Gerhard Hauptmann (Uraufführung 1932 in Berlin)
|
"Bildung, aber kein Anstand" |
|
|
Regie: Volker Hesse Bühne: Marina Hellmann Kostüme: Gerhard Gollnhofer Mit: Rosa Enskat, Anna Kubin, Ruth Reinecke, Heike Warmuth, Ursula Werner; Ulrich Anschütz, Hilmar Baumann, Rainer Kühn, Alexander Lang, Christian Mark, Julian Mehne, Thorsten Merten, Felix Rech, Eckhard Strehle, Michael Wenniger.
Kurze Kritik Der 70jährige Verleger, Geheimrat Matthias Clausen verleibt sich in die 19jährige Inken Peters und will sie gegen den Widerstand seiner um ihr Erbe bangenden Familie heiraten. Ein zeitloses Familiendrama, das die Egoismen und animalischen Machenschaften einer gierigen, nur auf sich selbst bezogenen Gesellschaft bloßlegt. Eine amüsant-nachdenkliche Inszenierung von hoher schauspielerischer Qualität
|
Sorge Dich nicht, werde alt – eine Weisheit, die von Dale Carnegie stammen könnte, dem psychologischen Muntermacher Amerikas. Doch der Spot zu Hauptmanns „Vor Sonnenuntergang“ im Programm-Jahresheft des Maxim Gorki klingt eher nach Spott und Hohn. Und damit stellt sich die Frage, ob dieser Ratschlag, diese liebevolle Aufforderung, sein Alter und Älterwerden zu genießen, denn wirklich für heutige Zeit gilt? Wir wollen sehen, wie Regisseur Volker Hesse die Geschichte des 70jährigen Verlegers Matthias Clausen angeht, der sich nach dreijähriger Trauer um seine verstorbene Frau nun jäh in die 19jährige Kindergärtnerin Inken Peters verliebt, die seinem oft von Depressionen überschatteten Dasein noch einmal eine neue Lebensqualität gibt. Anna Kubin jedenfalls stellt dieses Mädchen mit ihrer glasklaren hellen Stimme glaubhaft dar: zugleich mit mädchenhafter Scheu und doch mit bewundernswerter Selbstsicherheit. Natürlich spielt die Familie verrückt, hat sie doch bereits das Erbe des alten Geheimrats so gut wie unter sich aufgeteilt und diesen mit lähmender Liebe wie in einen Kokon eingehüllt. Die Pflicht zur Trauer mahnt ihn in Form eines überlebensgroßen Porträts seiner schönen Frau, die von allen wie eine Ikone verehrt wird. Nun wagt der alte Herr auszubrechen, und die Kinder und Schwiegerkinder spielen Erniedrigte und Beleidigte. Auch der Familienarzt, bei allen Anlässen anwesend, krümmt sich vor Unbehagen, bleibt jedoch dezent im Abseits, als die Familie mit versteckten und offenen Drohungen und übler Nachrede gegen die „unstandesgemäße" Beziehung ihres Vaters intrigiert. Nur sein alter Jugendfreund versteht Clausen, ihm die letzte Liebe herzlich gönnend, doch warnend vor der Götter Neide... Für den Dichter selbst - einen geistvollen Recken, zugleich auch einen Patriarchen von unangefochtener gesellschaftlicher Autorität - ist dieser Geheimrat Clausen vielleicht sogar ein Alter Ego: Hauptmann wünscht es in späten Jahren wohl für sich, aus der Enge von Konventionen auszubrechen, dabei jedoch selbst in Habitus und Anspruch fest gefügt in alter Ordnung zu stehen. Volker Hesse verändert wenig an Wort und Bild und Intention. Aber er gibt Alexander Lang, diesem großen, leicht schlaksigen stimmgewaltigen Mann die Möglichkeit, seine Rolle so auszuformen, wie es seiner Auffassung und seinem Temperament entspricht. Und damit tritt uns wahrhaftig ein Pater Familias alten Schlages entgegen, der regiert und dirigiert, der Familie und Personal unter seinem Dach in Schach hält, das Verlagshaus bis dato selbst leitet und dabei die Abhängigkeiten aller als selbstverständliche, gefügte Ordnung ansieht. Selbstsicher und ich-fixiert übersieht er, wie exzessiv sich Töchter und Schwiegertochter, Söhne und Schwiegersöhne hinter seinem Rücken gebärden, wie falsch die gehorsame Untertänigkeit, wie abgeschmackt ihre Liebesbeteuerungen sind; und er ahnt nicht, was sich hinter seinem Rücken zusammenbraut, als er ihnen eröffnet, noch einmal zu heiraten. Als rasender Donnergott zuweilen schüttet dieser Mann seinen Zorn über die "Schlangen, Wölfe und Füchse" aus, die sich weigern, die junge Frau an ihrem Familientisch aufzunehmen. Ganz von den eigenen Gefühlen durchflutet, noch einmal lebendig wie kaum je zuvor, kennt Clausen allerdings auch keinen Kompromiss. Die Hingabe und Zärtlichkeit, die ihm Inken gibt, vermag er nicht auf andere zu übertragen – deren Gefühle zu verstehen, Kompromisse einzugehen, ist nicht seine Sache. Er ist ein moderner, mächtiger Faust, der das Gretchen seiner alten Tage gefunden hat. Und wenn er sich am Ende wie ein König Lear mit letzter unheimlicher Energie gegen die Kleinmütigkeit von Clan und Gesellschaft aufbäumt, verabschiedet er sich wie ein untergehender Titan der alten Mythen. Die Freunde erwähnten wir: Ulrich Anschütz als Leibarzt, der sich der Autorität des Patienten schweigend beugt, aber in der Körpersprache deutlich signalisiert, wie sehr er unter dieser schwierigen Situation leidet. Hilmar Baumann ist der ganz und gar sympathische gute alte Kumpel aus Studientagen, der nicht nur die alten Komments und Zechrituale beherrscht, sondern auch in die Seele seines Freundes einzusehen vermag. Nachdem da nun einmal die Zeiten des expressionistischen Salontheaters wirklich vorbei sind, sollte man die guten Stücke nicht gerade zerfetzen, sie aber irgendwie doch aufpolieren; Auf der Bühne des Gorki hat sich hier eine skurrile, absurde Gesellschaft zusammengefunden, deren degeneriertes Verhalten recht amüsant auf den Untergang der alten Ordnung anspielt, aber auch auf die jetzige geistige Enge focussiert, die weder zeit- noch gesellschaftsgebunden ist. Das dekorative Nashorn in der Ecke des Esszimmers, bisweilen als Reittier benutzt, verweist verschmitzt sogar auf Eugne Ionesco’s absurdes Theater. Da ist der jüngste Sohn, riesigengroß und schlaksig wie der Vater, ein bisschen knabenhaft-tumb, immer irgendwo zuckend und herumhampelnd, Glieder und Geist im unfertigen Zustand: echt nervig Felix Rech! Dann seine Schwester (Heike Warmuth), hübsch und artig, die ihren Mann blind vergöttert, einen rüden Manager modernen Typs, dem Thorsten Merten als Komiker auf der Spur bleibt. Ihrer beider kleine Tochter, die nur kurz, aber entzückend auf der Bühne herumspaziert, ist ganz das Ebenbild ihrer Mutter wie auch die älteste Schwester (Ruth Reinecke), erstaunlich deren Porträt gleicht. Köstlich, wie sie mit hinsterbender Elegie die Märtyerin spielt, sie, die ihr ganzes Leben dem Vater geopfert hat, muss sich nun als Verliererin sehen, entthront, beiseite geschoben. Und die weiteren Männer in der skurrilen Familienrunde: Ein ganz seltenes Exemplar ist der nervös-ängstliche, ebenfalls zuckende Professor, der älteste Sohn, von Michael Wenninger erbarmungslos karikiert: ein charakterliches Nichts, von Vater und Ehefrau gedemütigt und geschlagen, der sich unter Tischen und Bänken verkriecht, sich stotternd aufbäumt, unbeholfen, unerträglich, ein sich windender Wurm unter der Knute menschlicher Unbarmherzigkeit. Seine hochmütige Frau Paula ist vielleicht neben ihm die skurrilste Person dieser gnadenlosen Milieu-Aufzeichnung. Für Rosa Enskat ist es ein Heidenspaß, sich nur scheinbar in eine graue und zugeschnürte Hülle der Professorin zu hüllen, sich jedoch in jeder freien Sekunde allerdings als Nymphomanin jedermann und jederzeit zur Verfügung zu stellen und ihr ätzendes Gift wirksam einzubringen. Der Jurist, ein Freund des Hauses von Kindesbeinen an, lässt sich in das Netz der Intrigen einwickeln, unfähig, seinem weichen Charakter eine feste Form zu geben. Auch die unverzichtbare Ursula Werner, diesmal als schlichte, verzweifelte Mutter Inkens, Rainer Kühn als korrekter Butler mit leicht unheimlichem Habitus und Julian Mehne als sein Kollege sowie Eckhard Strehle als engherziger Pastor finden in ihren kürzeren Parts durchaus Gelegenheit zur überzeugenden Persönlichkeitsdarstellung. A.C.
|