Wallenstein

von

Friedrich Schiller

 


Aufstieg und Fall eines Feldherrn- ein Comeback des großen Theaters

 

    

Berliner Ensemble
in der Kindl-Brauerei

 Regie:  Peter Stein

Bühne: Ferdinand Wögerbauer; Kostüme: Moidele Bickel, Musik: Arturo Annecchino, Dramaturgie: Anika Bardós und Hermann Beil

mit: Klaus Maria Brandauer (Wallenstein, Herzog zu Friedland); Peter Fitz (Octavio Piccolomini); Aleander Fehling (Max Piccolomini), Daniel Friedrich (Graf Terzky); Rainer Phillipi (Illo), Jürgen Holtz (Buttler); Elke Petri (Herzogin von Friedland), Frederike Becht (Thekla); Elisabeth Rath (des Herzogs Schwester) und über 50 Mitwirkende: das Ensemble des BE, Musiker, Scharfschützen, Dragoner, Jäger, Arkebusier und Pappenheimer Kürassiere; Techniker, Assistenten u.a.

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Wallensteins Tragödie als Mammut-Event aufgezäumt - nicht nur ein Pferd, sondern die gesamte Maschinerie des 30jährigen Krieges scheint in Bewegung gesetzt, um dieses wohl bedeutendste deutsche Versdrama auf eine gewaltige Bühne zu stellen: Peter Stein hat sich mit 73 Jahren seine Schaubühne noch einmal neu errichtet - diesmal in einer übergroßen Halle der Kindl-Brauerei samt Zelt und Vorzelt und allen Schikanen, die man so benötigt, wenn zehneinhalb Stunden Spielzeit angesagt sind. Und als Star in dieser großartigen Manege steht der Schauspieler Klaus Maria Brandauer, der in sich alle Eigenschaften so leidenschaftlich vereint, wie sie kluge Köpfe ( von Thomas Mann bis Rüdiger Safranski in der hochglanzfeinen Programmillustrierten) in den Charakter des Feldherrn Albrecht von Wallenstein, Fürst zu Friedland, hineininterpretiert und herausanalysiert haben.

Und doch steht auch jeder andere Schauspieler, Damen wie Herren des Adels, der Generalität, der Politik, Pfaffen, Diener und die gesamte Soldateska des Lagers ihren so sauber ausgefeilten und mit wahrer Inbrunst dargestellten Part in diesem langen Spiel, dass man nicht müde wird, zu hören, zu sehen und zu bestaunen. Es ist ganz sicher das Theaterereignis dieser Saison in Berlin. Dass solche großen Schauspielwunder allerdings stets Eventcharakter annehmen müssen und nicht in einem "normalen" Theater - dazu wurde ja einmal die Schaubühne mit beträchtlichen finanziellen und technischen Mitteln gebaut - gespielt werden können, liegt nicht nur an der Bombastizität der Kulissen oder der Länge eines Stückes. Es gehört heute eben auch viel Schaumschlägerei dazu, um Theater wieder als solches anzubieten - es ginge wohl sonst keiner hin...

Schillers psychologische Version beschreibt den historischen Feldherrn Wallenstein, der mit genialer Strategie, einem angeborenen Charisma, übergroßem Ehrgeiz und wachem Verstand, aber wankelmütigen Sinn - zunächst für den Kaiser, der sich in höchster Bedrängnis durch die erfolgreichen Feldzüge der Schweden befand, ein neues Heer aufbaute und siegreich - das heißt, brennend, verwüstend, mordend - durch die Lande zog, um das Reich für Kaiser und katholische Kirche zurückzuerobern. Wallenstein drängte die Evangelischen zurück bis an die Ostsee, wurde gar Herzog von Mecklenburg, konnte sich dann aber dort aber nicht halten und musste sich zurückziehen - nach Böhmen, in das Land, dessen Königskrone er sich erhoffte. Dichtkunst und Fabel vermischen sich mit Authentizität. Das erhöht den Reiz, verunsichert zwar, schafft aber völlige Gefühlsfreiheit, und der berühmte Feldherr, der auf dem Höhepunkt seines Ruhms in Ungnade fiel, in die Acht gebannt und ermordet wurde, gewinnt ein neues psychologisches Verständnis. 

Das Drama beginnt mit einem beinahe opernhaften Lagerleben, bunt und vielfältig, zwischen großen Zeltplanen, auf Flammen gestellten Wasserkesseln, in denen Kohl gekocht wird, mit langen Schanktischen und einer Frau Wirtin, bei deren Anblick ein Soldat die weltberühmten Worte spricht "Potz Blitz, das ist doch die Gustl aus Blasewitz" - jene reizende Wirtsfrau, bei der Schiller und seine Freunde in Dresden oft einzukehren pflegten, und die er in diesem Drama unsterblich machte... Es geht überhaupt eigentlich recht manierlich in diesem malerischen Lagerleben zu, so dass die düsteren Ankündigung im Prolog (von Herbert Schmidinger wohlintoniert vorgetragen), die Wallensteins Untergang bereits avisieren "Sein Lager nur erkläret sein Verbrechen" nicht ganz verständlich erscheinen lassen. Dass hier Raub- und Mordbuben so recht von Herzen zechen und raufen, kommt mehr kunstvoll als erschreckend rüber. Auch wenn der Worte viele sind, die hier auf die begangenen Kriegsgräuel hinweisen; eindringlicher klingen die Loyalitätsbekundungen zu ihrem Feldherrn, dessen Großzügigkeit und Menschlichkeit, Großmut und Macht sie preisen, an dem sie wie Söhne an einem guten Vater hängen. Er gab ihnen, was sie brauchten: Kleidung, Nahrung, Freiheit und auch den lang ausgebliebenen Sold. Ein wunderbarer Zustand eigentlich - wäre da nicht ganz zum Schluß dieses prächtigen Lagerlotterlebens die Szene, in der einige Soldaten einen harmlosen alten armen Bauern verprügeln, und sein kleiner Sohn ihn nur mühsam beschützen kann... Und auch der Kapuziner Mönch, der auf dem Tisch alle Becher beiseitefegt und wie Savanarola gegen die Sittenlosigkeit und Verderbtheit, den Übermut der Soldaten und den Hochmut Wallensteins wettert, kann nicht annähernd die Grausamkeit des Krieges deutlich machen.
Dazu hat dann Peter Stein auch wohl Gerlinde Sämann mit ihrer glasklaren Stimme ausgewählt, die während der Szenenwechsels  das traurige Lied von der "Zerstörung Magdeburgs" kalt und schneidend in den Raum trägt.

Aber es sind auch nicht die Grausamkeiten des 30jährigen Krieges - hier im 17. Jahr - die im Mittelpunkt des Dramas stehen: es ist der Abfall des großen Feldherrn von "seinem" Kaiser, der Bruch also mit dem obersten Befehlshaber, der Hochmut seines Geistes, geboren aus dem Erfolg der großen Schlachten, der Verehrung seiner Soldaten, der blinden Ergebenheit seines Stabs und der Treue seiner Familie. Als der Gesandte des Kaisers, der Kriegsrat von Questenberg (Michael Rotschopf eiskalt und messerscharf) unmißverständlich auf die Einhaltung der kaiserlichen Anordnungen und Befehle dringt, erntet er von Wallenstein und seinem Stab nur Hohn und Abfuhr. Nur einer steht in fester Loyalität hinter den Forderungen des Kaisers, und man spürt an seinen verhaltenen Gebärden, dem geneigten Kopf, der nachdenklich ernsten Miene, dem unheimlichen Schweigen, wo alle lästern und lärmen, wo der eigentliche Widersacher steht: der alte Graf Octavian Piccolomini, den Wallenstein für seinen engsten Freund und Vertrauten hält, hat sich längst von ihm abgewandt und betreibt dessen Absetzung mit politisch klugem, das heißt, hinterhältigem Kalkül. Und schnell bilden sich die spannenden Charaktere, auf der großen Bühne mit choreografischer Exaktheit verteilt, in Gruppen, im Halbrund, immer in Bewegung zwischen den hohen langen verschiebbaren Wänden, die mit unwirklichen Lichteffekten in eine ferne Welt hineinragen, trennen und teilen, verbinden und vereinen.

Doch wer ist dieser, in der Literatur immer wieder heiß umstrittene Octavio Piccolomini, der in der beinahe unheimlichen, Unheil verkündenden Verkörperung von Peter Fitz, schwarz gekleidet, am Rande stehend und doch zentral wirkend, in diesem traurigen Schachspiel Zug und Zug voranrückt. In keiner Szene spricht er selbst mit Wallenstein, versucht niemals, ihn in seinem Sinn zu beeinflussen, erfüllt nicht andeutungsweise vermeintliche Freundespflicht. Und wie kann, so fragt man sich die nächsten Stunden unentwegt, dieser furiose Wallenstein so blind sein, dass er allen Menschen so bedingungslos vertraut? Wie kann er zungenfertigen Schwätzern erliegen, die politisch so kurzsichtig, so dumm erscheinen wie die Generäle Terzky, Illo und Isolani, wie kann er ihnen überhaupt Gehör schenken - und was schlimmer ist, ihren Einflüsterungen glauben? Wie kann ein solcher Mann, der unerbittlich Kriege führt, ein Taktiker und Stratege auf dem Gebiet der höchsten Kriegskunst im menschlichen, persönlichen Bereich so unentschieden, so beeinflussbar sein? Brandauer schöpft aus diesem Reservoir der psychologischen Widersprüchlichkeiten und entwickelt einen schier vor Lebendigkeit berstenden, doch gleichzeitig auch nachdenklichen, zögerlichen Charakter, der allzu gutgläubig jenen Worten vertraut, die sein nimmersattes Ego betören. Dass sich seine Schwester dabei als die wohl gefährlichste Stimme erweist, die ihn betört, gleitet an seiner rührenden Familienliebe ab. Elisabeth Rath ist keine Furie, sondern wacht beinahe eifersüchtig über den Bruder, den sie, vom gleichen Ehrgeiz angetrieben, mit großer Eloquenz geschickt zu lenken versteht.

Das ist es, was Schiller an der Bearbeitung dieses Stoffes gereizt hat: die beiden Seiten dieses Mannes sichtbar und vielleicht auch verständlich zu machen, der loyal und genial die deutschen Lande für den Kaiser besiegt, gute kluge Entscheidung trifft, wenn es die Situation verlangt - aber das alles hat nichts mit ihm persönlich zu tun. Als es um seine eigenen Machtvorstellungen und Pläne, seine ehrgeizigen Ziele geht, die beinahe an die Wahnhaftigkeit eines Cäsar und Napoleon grenzen - da bedient er sich der Astrologie, des Mystisch-Nebulösen, der Sternenkunde, die ihm sein Schicksal verkünden soll... Trübsinn oder gar Melancholie kann ich bei dieser vielfältigen Persönlichkeit des Brandauer'schen Wallenstein nicht entdecken: gewiss, sein Temperament ist ungezügelt, er ist ebenso undiplomatisch wie vertrauensselig, emotional, überheblich,   zögerlich, aufbrausend und dann wieder zärtlich hingebungsvoll zu seinen Frauen und Freunden. Er ringt um die Möglichkeit einer folgenschweren Entscheidung, schiebt die notwendigen Schritte aber immer wieder auf, unternimmt nur halbherzige Vorstöße ( wohin wäre er damit als Feldherr gelangt?) - und dann ist es zu spät; der Stein ist ins Rollen geraten, angestoßen von ihm selbst, aber in Schwung gebracht von den Ehrgeizlingen und gewissenlosen Freunden, und Wallenstein selbst ist nicht mehr länger Herr des Pokerspiels.   

In diesem Kontext - Wallensteins Übertritt zu den Schweden, weil der Kaiser ihm alle Macht und Befugnisse genommen hat, der Abfall seiner Generäle und seiner Soldaten, das voraussehbare Schicksal seiner Familie und sein wieder erstarkter Kampfesgeist und Glaube, dass selbst sein Verrat sich letztlich zum Guten für die Völker wenden werde - in diesen Konflikt ist ein weiterer eingebunden: Der Sohn des Generalleutnants Piccolomini, Oberst Max und die liebreizende und kluge Tochter Wallensteins, Thekla zu Friedland, sind ein Liebespaar, das durch Wallensteins Machenschaften brutal auseinander gerissen wird. Max, der seinen Feldherrn gleichermaßen liebt wie seinen Vater, zerbricht an beider Handlungen, die er nicht begreift; Und da sein Herz und sein Halt an seine Ideale und Idole gleichermaßen zerstört sind, wirft er sich mit seinen "Pappenheimern" den feindlichen Schweden buchstäblich in die Arme. Frederike Becht und Alexander Fehling übertreffen in ihren inniglichsten Szenen alle Liebesdramen der Weltliteratur.

Und noch jemand muss erwähnt werden - nämlich die entscheidende Person dieses Trauerspiels, die sich vom ergebensten Freund und Gefährten in den hasserfülltesten Feind Wallensteins verwandelt - durch eine Intrige Piccolominis angestachelt. Oberst Buttler, Chef der Dragoner, hat mit der holzgeschnitzten Mimik von Jürgen Holtz einen unheimlichen Darsteller dieser Figur gefunden; und so wie er zu Beginn beinahe wie ein ergebener Hund in Wallensteins Nähe als dessen heftigster Beschützer und Verteidiger wirkt, so unnahbar, so unheilvoll und bedrohlich ist seine Anwesenheit bis er zum Schluss die gedungenen Mörder ins Schlafgemach des Feldherrn führt. A.C.