Warten auf Regen

nach
Samuel Beckett

 
 

 

 

Auf Becketts Spuren durch die Wüste

 

 
Gastspiel aus dem Irak

Koproduktion der Hochschule der Künste Bagdad und des Kulturministeriums der kurdischen Region/Irak mit deutschen Untertiteln

Hans Otto Theater Potsdam

 
Mit einem ungewöhnlichen und leider nur zurückhaltend angekündigtem Gastspiel überraschte das Hans Otto Theater seine Potsdamer Freunde in dieser neuen Saison: In der Reithalle stellte es einem fast ausschließlich kurdischem Publikum das Ergebnis einer zweijährigen Zusammenarbeit von irakischen und Potsdamer Schauspielern auf der Bühne vor:

Frei nach Samuel Beckett's absurdem Schauspiel "Warten auf Godot" hecheln hier die beiden (irakischen) Protagonisten - durstend und verzweifelnd der eine, hoffend und ermutigend der andere - durch den Wüstensand. Sie heißen hier nicht Estragon und Wladimir, sondern Arbo und Kaki, und sie bleiben auch nicht so abstrakt wie Becketts Vagabunden, die erfolglos Ziel und Sinn ihres untätigen Lebens suchen; denn sie sind sich als gläubige Moslems ihres Gottes ja sicher, Hoffnung und Heil liegen irgendwo und irgendwann in der Zukunft, im Morgen!  Ein Fünkchen Zuversicht also, das hier aufblitzt und zwar nach beiden Akten sich konkretisierend, wenn ein vom Himmel gleitender Engel erscheint, der nicht mehr als Ja und Nein zu antworten beliebt. Das allerdings liegt an der Fragestellung der beiden Wüstenläufer: sie geben bereits die wenig ermutigenden, doch nicht ganz aussichtslosen Antworten vor, indem sie ihr Schicksal nicht so sehr befragen, sondern den ungewissen Ausgang gleichmütig vorwegnehmen: es wird kommen, wie es kommen muss. Abwarten bis etwas geschieht. Allah wird's schon richten. (und er hat ja dann auch, kein Wasser, nein, aber Öl in die Wüste des Irak versenkt!) Hier offenbart sich doch eben eine andere, eine orientalische Gemütskomponente, die dem strengen europäischen Defaitismus entgegensteht. Auch können die beiden vitalen Schauspieler mit ihrer temperamentvollen Gebärdensprache und ihrem emphatischen Mienenspiel die diabolische Ironie des irischen Autors mit so viel komödiantischer und kindlicher Spielfreude würzen, dass sie der total sinnlosen Situation (ihres Landes?) eine tröstliche Hoffnung geben.

Die beiden Männer sprechen ihre kurdische Heimatsprache, während die deutsche Übersetzung auf der hohen Wand aufleuchtet. Allerdings haben sich Herr und Sklave, die bei Beckett (nun die Realität im Absurden) plötzlich als Herr und Sklave aus der Kolonialzeit auftauchen  - Lucky, der Herr und Pozzo, der Knecht -, in der deutsch-irakischen Gemeinschaftsproduktion nun in zwei englisch und deutsch sprechende Soldaten verwandelt, die von von zwei Frauen gespielt werden; der Vorgesetzte, ein US-Leutnant, quält mit letzter, schon erschöpfter Härte, seinen Untergebenen, einen deutschen Söldner, der voll beladen alle möglichen unnötigen Utensilien durch die Wüste schleppt. Doch letztlich sind auch diese beiden nur Reliquien einer verzweifelten, verdurstenden, zum Scheitern verurteilten Zivilisation. Getrieben von einer zwanghaft verinnerlichtern Disziplin, deren Sinnlosigkeit angesichts des permanenten Irrweges durch die Wüste mehr grotesk als tragisch wirkt. Der geprügelte Sergeant, der die Sinnlosigkeit dieser Befehl-Gehorsam-Beziehung und des Soldatentums nicht erbarmungswürdiger zum Ausdruck bringen könnte, schleppt mit Sand gefüllte Koffer. Dass aber so viel Spaß an diesem Spiel vermittelt wird, liegt ganz sicherlich an der nicht minder tiefgehenden, aber doch ausgesprochen flexiblen Auffassung der befreundeten Theaterschulen in Bagdad, wo man die Freude am Theaterspiel, die leichthändige und behände Umgehensweise mit Stücken - über die wir uns hier die Köpfe heiß reden mögen - locker umzugehen versteht.

Es ist leider nur ein einziger Abend, aber der vermag doch erfrischend aufzuzeigen, wie fern uns diese Welt und ihre Menschen zwar sind, aber welche Impulse ihre Sicht- und Lebensweise unserem Kunstverständnis zu geben vermögen. A.C.