Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

von

Edward Albee

 

  Wenn der Teufel einlädt:

   Im Feuerofen der Gefühle

   

Deutsches Theater

Regie: Jürgen Gosch

Bühnenbild und Kostüme: Johannes Schütz

mit: 

Corinna Harfouch, Katharina Schmalenburg, Alexander Khuon und Ullrich Matthes

Kurzbetrachtung

Vier exzellente Schauspieler verkörpern zwei Ehepaare, die sich im Laufe einer späten Nacht wie besessen alle nur möglichen Gemeinheiten und Widerwärtigkeiten an den Kopf und um die Ohren peitschen und nicht aufhören können, gegeneinander Gift und Galle zu speien.  Am Ende gehen sie auseinander - in diesem Spiel gibt es keinen Sieger.

Wie und in welcher Art sich heutzutage eheliche Kampfszenen abspielen, kann man in entschärften Varianten zur Zeit an verschiedenen Berliner Bühnen sehen, z.B.: " Freunde zum Essen" am Renaissance-Theater, und "Die Zimmerschlacht" an der Vaganten-Bühne".

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Je roher desto besser - so lautet eigentlich die Devise heutiger Theatermacher. Wenn allerdings das Stück selbst schon an Gemeinheit und Grausamkeit nicht mehr zu überbieten ist, dann tut man gut daran wie Johannes Schütz, auf jegliche Zutaten zu verzichten und eine kühle, lang in den Hintergrund auslaufende leere Bühne zu bauen, in deren Vordergrund lediglich ein provisorischer Heimwerkertisch mit einer Unmenge hochprozentiger alkoholischer Getränke den Fortlauf der Zerstörung und Selbstzerstörung bestimmt.
Das Thema, mit dem Edward Albee, der amerikanische Wegbereiter des absurden Theaters, an ein harmlos klingendes altes Kinderspiel "Wer hat Angst vor dem bösen Wolf" anknüpfte und eine ganze Nation und darüber hinaus 1962 eine internationale Theaterwelt aufschreckte, hat heute zwar an dramatischer Zugkraft nichts verloren; wohl aber fehlt es an glaubwürdiger aktueller Übertragung in unsere heutige Welt, auch in Amerika, das uns mit einem schlichten und blinden Puritanismus erlösen möchte. Das bedeutet: Ehen oder Beziehungen, die zu solch einem Inferno ausgeartet sind, werden zumeist "rechtzeitig" getrennt. Und daher löst das Drama im Publikum wohl mehr Heiterkeit aus, als ihm eigentlich innewohnt. Was angesichts der skrupellosen verbalen Zerfleischung von vier Wesen, die sich als Menschen bezeichnen, zunächst unverständlich erscheint, kann dann aber wohl doch einerseits mit dem geistreichen Wortwitz des Autors und seines überaus "coolen" Hauptdarstellers Ullrich Matthes erklärt werden. Zum anderen aber gibt es sicher auch eine neue emanzipierte, gesellschaftliche Einstellung und Orientierung, nach der man sich fragt: Wie ist es möglich, dass sich ein kultiviertes, geistvolles Ehepaar zwanzig Jahr lange gegenseitig ins Messer rennen lässt, ohne jede Konsequenz und Einsicht. Was bindet sie noch immer aneinander? Die Freudianische Auflösung müsste man bei anderen Autoren wie etwa Arthur Miller suchen... Zum Verständnis bei Albee muss man sich in die Zeit zurückbegeben, in der sich Albee als "junger Wilder" vehement und schonungslos dem sogenannten "American Way of Life" und jeder Art von Rassendiskriminierung entgegenstellte. (Seine ersten Stücke mussten übrigens in Berlin uraufgeführt werden - in den Staaten waren die Themen zu heiß!)
Die Geschichte, in der Albee schonungslos Illusionen, betrogene Hoffnungen und zerstörerischen gesellschaftlichen Ehrgeiz aufzudecken gedachte, liest sich etwa folgendermaßen: George und Martha sind seit 20 Jahren schlecht und recht verheiratet. Sie, die verwöhnte, vaterbezogene Professorentochter und er, der Historiker, der die Karriere- und Kinderhoffnungen seiner ehrgeizigen Frau nicht erfüllt hat. Martha ist Alkoholikerin, obwohl man das so einfach nicht feststellen kann, da alle Personen in dieser Nacht pausenlos Brandy in sich hineinschütten; es fällt lediglich nur einmal die Andeutung einer Entziehungskur. Nach einer Party bei Marthas Vater haben George und Martha noch ein junges Paar zu sich eingeladen: Nick, ein gut aussehender Biologe und seine kleine mäuschenhafte Frau Honey. Das wütende Spiel kann beginnen; Martha und George sind abwechselnd die Spielführer und das in aller Grausamkeit, die ihnen zur Verfügung steht. Ohne Rücksicht auf irgendjemanden brechen sie jedes Tabu, reißen 

sie einander die Verbände von ihren seelischen Wunden und ziehen nach und nach das junge Paar in ihre Schlinge, bis auch dieses seine Unbedarftheit verliert und seine gut gehütete, noch gar nicht einmal so bewusste Privatsphäre nach und nach der Vergiftung preisgibt.
Wer die Verfilmung des Dramas mit Elisabeth Taylor und     Richard Burton in ihrer tragisch- persönlichen Glaubwürdigkeit erlebte, hatte hernach Schwierigkeit, noch einmal, so viel Gemeinheiten im ehelichen Kampf zu betrachten und zu verkraften. Im Deutschen Theater ist es Ulrich Matthes, dem es in der Rolle des George gelingt, das erbarmungswürdige Elend eines verbrauchten Mannes mit all seinen ihm noch verbliebenen Reserven wieder zu beleben. Leicht nach vornüber gebeugt, längst von der hysterischen Martha in seiner Person als Wissenschaftler und Mann entwürdigt und erniedrigt, ist ihm nur sein Sarkasmus geblieben, den er allerdings als messerscharfe Waffe benutzt. Und das in einer ungemein faszinierenden, weil seltenen Diktion. Er lässt die Worte zu akrobatischen Kurven ansteigen und wieder fallen, genau akzentuiert und placiert mit einer fein modulierten melodischen Stimme, die er dann wie eine Florettspitze mitten ins Herz treibt. Seine moralische Sezierung mit 
den Worten Albees ist von einer pedantischen Präzision.

Er schlendert zunächst hinter seiner keifenden, stark angetrunkenen Frau herein, mit wehendem Mantel und Schal, beinahe unbeteiligt wie ein fremder Gast, und versucht, ihre Beschimpfungen zu ignorieren, allerdings ohne Erfolg. Martha zieht nun das erste Mal an diesem Abend die Schlinge ihrer Enttäuschungen um seinen Hals. Noch wirkt alles ein bisschen albern, am Rande des guten Benehmens, wie nach einer Party, auf der man zuviel getrunken hat. Aber dann eröffnet Marthe ihrem Mann, dass sie noch Gäste eingeladen hat...

Corinna Harfouch's Martha ist mal Furie, mal Schlange, umzüngelt kaltschnäuzig den Gegner, schürt die schmerzhaften Flammen des Schicksals, speit Verachtung auf den Verlierer und kreischt wie eine Wahnsinnige, die außerhalb jeglicher Kontrolle steht. Während sie sich im   Wechsel des Schlagabtauschs scheinbar geschlagen gibt und als heulendes Elend am Boden krümmt und windet, von George  nur teilnahmslos in ihrem erbärmlichen Zustand betrachtet, sammelt sie bereits neue Kraft für das nächste Duell der Niederträchtigkeiten. Daran scheint kein Mangel. Zwischendurch schnappt sie sich, nun als Vamp verkleidet, den nicht einmal abgeneigten Nick; der kommt in der athletischer Gestalt von Alexander Khuon zunächst herrlich nett und naiv als freundlicher Sportsmann daher - dann aber plaudert er im heimtückischen small talk seine kleinen ehelichen Geheimnisse aus, die später im Fleischwolf der Gemeinheiten zerrieben werden. Die Reserven an Bösartigkeiten bei Martha und George scheinen schier unerschöpflich.

  Die kleine Honey, deren ganze Naivität und Unschuld in den wenigen nächtlichen Stunden zum Teufel geht, hält sich wacker neben den Über-Ich-Gestalten der teuflischen Gastgeber. Ihre Reaktion auf das Inferno ist körperliche Übelkeit, und wem würde nicht schlecht angesichts solcher Hirn- und Herzwäsche! Doch dank ihres freundlichen und naiven Wesens behält sie trotz vieler Brandys und black outs auf dem Badezimmerboden bis zuletzt einen klaren Kopf. (Für Katharina Schmalenberg endlich der Durchbruch am Deutschen Theater). Sie versteht es, ihre Mädchenhaftigkeit mit einer intuitiven Erfahrung zu ergänzen, die jenseits aller Bösartigkeiten steht; letztlich ahnt sie als Tochter eines berühmten Predigers vielleicht viel mehr von den dunklen Tiefen der menschlichen Seele als alle anderen! A.C.