Wie es Euch gefällt

von
William Shakespeare

 

 

Phantasievolles Spiel mit Schräglage

 

 

Theater am Kurfürstendamm

Regie: Katharina Thalbach, Wenka von Mikulicz;  Bühne: Momme Röhrbein; Kostüme: Guido M. Kretschmer, Annette Bätz; Musikalische Einrichtung: Christoph Israel

Mit:
Schwermut Jaques/William: Anna Thalbach; Orlando de Boys: Inga Busch; Oliver de Boys/Amien: Antje Brameyer; Rosalind: Jana Klinge; Celia: Laura Lo Zito; Touchstone/Adam: Katharina Thalbach; Charles der Ringer/Audrey: Swantje Henke; Phoebe/Le Beau 1: Nadine Schori; Livius: Le Beau 2: Karina Krawczyk; Oliver Schwachtext: Jasmin Orthbrandt

 

Laute: Andreas Arend, Mechthild Darqunne, Chalune Seiberth

 
  Man kann es sich gut vorstellen: zwischen den anstrengenden Königsdramen, in denen sich die Häupter der Herrscherhäuser im Kampf um Macht und Rache schaurige Schlachten liefern und den sich in neuem psychologischen Tiefgang ergänzenden menschlichen Schicksalstragödien lockerte sich William Shakespeare wohl gar zu gern von der historischen Last ein wenig auf, indem er sich in die Welt der wunderbar leichtfüßigen Lustspiele begab, wo die Liebe mit luftigem Charme in immer neuen Variationen die Hauptrolle spielt. Die leichteste, wenn auch nicht ganz so harmlose Fingerübung stellt sicher das bizarre Komödchen "Wie es Euch gefällt" dar, in dem eigentlich der Inhalt gar nicht so wesentlich ist, vielmehr die Freude an der Darstellung verschiedenster und sich doch so ähnlicher Charaktere, die sich des Sarkasmus des Narren, der flatterhaften Liebeleien höfischer Damen und Herren, der noch immer rudimenär verhandenen Machtgier der Monarchen und der Träume einer verzauberten Sommernacht bedient. Natürlich müssen hier, wie es die Regeln der Renaissance-Komödie, aber auch die des derben Globe-Theatre gebieten, die Liebe und das Gute siegen; ein jeder bekommt, was und wen er verdient, und dies - dem Narren sie Dank - mit augenzwinkernder Bosheit. 

Spielten im elisabethanischen Theater ausschließlich männliche Schauspieler, so möchte man heute oft an diese Tradition anknüpfen und wie jüngst im Gastspiel der Companie "Shakespeare und Partner" unter ihrem verdienstvollen Impressario Norbert Kentrup alle Rollen wieder wie einst im guten alten Globe besetzen. Doch bleibt dabei ein zwiespältiges Gefühl zurück. Männer in Frauenkleidern meinen stets, sie müssten diese Rollen mit seltsam kicherndem Jungmädchen-Gehabe persiflieren, wobei die eingebauten Anzüglichkeiten und Grobheiten dann doch wohl wieder eher männliche Attribute sind. Jetzt startete die all-round-Künstlerin Katharina Thalbach, selbst eine Liebhaberin von vor allem skurriler Rollen, ein amüsantes Experiment und steckte alle ihre Darstellerinnen in männliche Kleider. Damit gelang ihr, dank der mit Hingabe, ernsthaftem Schalk und prachtvollen Kostümen ausgestatteten Rollen ein reizvolles, musikalisch aufgepepptes Verwandlungsspektakel. Mit ausschweifenden Ideen und Phantasien tauchen Frau Thalbach und ihre Kolleginnen tief und sehr weiblich in den Weltenbrunnen der Gedankenspiele. Und gar vieles in der märchenhaften Bühnenausstattung erinnert an Leoš Janáčeks Oper "Das schlaue Füchslein", dass diese Regisseurin vor einigen Jahren in der Deutschen Oper in märchenhaftem Ambiente in Szene setzte.

Aber was vor allem besticht, ist die Ernsthaftigkeit der Damen, die alle Herrenrollen in passender Pose und Maske sowie tief modulierten Stimmen glaubwürdig spielen, und so schnell und gänzlich neu geschminkt blitzschnell ihre Rollen wechseln, wobei ihr Übermut, mit dem sie hier wirklich voller Lust zu agieren verstehen, auch einige Grobheiten und Anzüglichkeiten geschickt zulässt, mit denen sich das Globe-Publikum wohl einst schenkelklopfend, schmatzend und schlürfend identifizierte. Hier und heute bleibt man distinguierter, lächelt, lacht gar, wenn es sich nicht vermeiden läßt, ansonsten hat das Berliner Publikum hier doch wohl einige Mühe, dem Schalk von Shakespeare-Thalbach zu folgen. Dabei ist die Inszenierung bis zur Pause überaus kurzweilig und liebenswert- hernach treten leider unnötige Längen im Robin-Hood-Forest ein, in dem sich die vom Hofe Verbannten und Enteigneten zu einer neuen Stände-Gemeinschaft zusammenfinden und man des Versteck- und Verdunklungsspiels nicht müde zu werden scheint. Was mich ein wenig störte, war die textliche Veränderung, waren die aufgepfropften modernen Anzüglichkeiten, war der Verlust von Versmaß und phonetischer Klangschönheit, was zeitweilig auch zur Minderung der geistreichen    Aphorismen führt.

Alles in allem aber ein poetisches Spiel mit Schräglage zur Groteske. Sollte neben Katharina Thalbach als Narr in zweifacher Ausgabe aus dem eigentlich sehr homogenen Ensemble noch jemand herausgehoben werden, so ist das vor allem Andreja Schneider, die groß und schlank mit der selbstverständlichen Autorität und Eleganz geborener Machthaber die Bühne und ihren gleißenden Hofstaat beherrscht sowie die sehr begabte Anna Thalbach, die allerdings die undankbare (eigentlich eine sehr wichtige) Rolle des Melancholikers Jaques auf sich nimmt, der sich aber mit seiner unappetitlichen physischen Pein dann doch rasch die Sympathie verscherzt. Was einst im Globe zum Klamauk gereichte, ist für heutige Ästheten doch wohl kein rechter Spaß mehr - es sei denn, man besucht eine dementsprechend ausgerichtete Inszenierung an verschiedenen staatlichen Berliner Bühnen. Jedem also, wie es ihm gefällt! A.C.