Winterreise

von
Franz Schubert/Wilhelm Müller

 


Wenn die Seele in die Romantik flüchtet

 


Deutsches Theater Kammerspiele

mit

Daniel Kirch, Tenor
Jürg Henneberger am Flügel

Leitung: Michael Thalheimer; Raum: Henrik Ahr; Kostüme: Michaela Barth;
Dramaturgie: Felicitas Zürcher;
Licht: Thomas Langguth

 

 

 
 
Eine schwarze Winternacht als umgebender Raum - wie praktisch, dass man sich ohnehin in den meisten Inszenierungen auf das Ambiente der dunklen Bühnengehäuse geeinigt hat; so hat der Lichtmeister ein vorrangiges Spiel und kann mit seinen Möglichkeiten die notwendigen Minimaleffekte herbeizaubern, Der Klang in so einem weiten Raum ist ohnehin gesichert, sogar, wenn der Sänger, was er meistens tut, sich im unbeweglich im Hintergrund aufhält, um seine traurigen Lieder sehnsuchtsvoll in die weite Nacht hinein zu träumen. Die Regie, so weiß man, schreibt die Bewegungen und Abläufe vor; da die Dramaturgie aus der Vereinigung von Musik und Text hervorgeht, ist die eigene Phantasie gefragt, die sich ihre Bilder aus der übergreifenden  Darstellungskunst - der Musik, der Mimik und der Körpersprache des Interpreten - malen muss. Der Liederzyklus, aus den Wanderer-Kompositionen nach den Gedichten von Wilhelm Müller "Die schöne Müllerin" und "Winterreise" zusammengesetzt, wird in dieser Inszenierung zur reinen Poesie, zur beängstigenden Todessehnsucht für den von der Liebe und dem Leben enttäuschten Wanderer...

Daniel Kirch fügt sich hingebungsvoll in die Rolle eines romantischen Jünglings. Sein weiches, fast kindlich-jungenhaftes Gesicht steht allerdings in erstaunlichem Widerspruch zu einer kräftigen, weit ausholenden und jede Gemütsschwankung ausschwingenden Stimmführung. Im hellen Leinenanzug steht er zu Beginn statuarisch festgenagelt im rückwärtigen Raum und wirkt wie ein fremder Lichtkörper in dunkler Nacht, dessen sanfte Visionen und Träume in der Weite des Weltalls verhallen. Er wandert mit seinen Gedanken durch eine Nacht (Jugend und Alter!) hindurch bis der Morgen ihn mit drei Sonnen in jenes stille Reich geleitet, das er nun betritt, völlig entblößt, zusammengefaltet wie ein Neugeborenes. An jener Grenze empfängt ihn ein neuer Weggefährte, ein einsamer Leierkastenmann. Ihm wird er seine Melodien, seine Lieder als Morgengabe in ein glücklicheres Dasein bringen, das von den Qualen aller Sehnsüchte eines enttäuschenden Erdenlebens befreit sein wird.

Langsam, behutsam dreht sich die schneebedeckte Scheibe unter dem Wanderer, der sich aus den Mosaiksteinchen seiner wehmütigen Erinnerungen und Träume eine eigene Welt geformt hat. Der Sänger läßt Musik und Worte miteinander verschmelzen und beugt sich der Macht aller Gefühle. Wie von unsichtbarer Hand gezwungen, krümmt er den Oberkörper als wolle er dem ungeheuren Druck seines Herzens entrinnen. Den Kopf in den Nacken gelegt, den Sinn in eine weite Ferne gewandt, richtet er seine Stimme bereits in eine imaginäre Welt. Dann, in der schmerzvollen Einsicht, hier auf Erden ungetröstet zu bleiben, beugt er sich vornüber, um die Tränen schamvoll zu verbergen.

Daniel Kirch vermag dieses unvergängliche alte deutsche Liedgut mit seinem kräftigen Tenor in entsprechende Bilder umzusetzen, mal entsteht die Szenerie mit zartem Strich, farbenprächtig und nuancenreich, dann wandelt er darin versonnen, melancholisch, verliebt und entzückt. Wiederum verliert (und verliebt) er sich tieftraurig in eine Welt zwischen Wirklichkeit und Wunsch. So wie sein langer Schatten ihn begleitet, wenn er sich schweren Schrittes und müden Hauptes über den schneebedeckten, beinahe schon eiskalt glitzernden Boden schleppt, so führt ihn der energische Anschlag von Jürg Henneberger an drei Klavieren - hinter der Bühne, dann am Flügel im Vordergrund, und zuletzt am hellen, beinahe erlösend froh klingenden E-Piano - aufwühlend und abschwellend wie der viel besungene, den Wanderer begleitende Bach - durch alle Höhen und Tiefen der romantischen Seele - aber wohl nicht nur durch eine zeitentsprechende Kunstgattung, sondern auch durch Franz Schuberts eigenes Leben, in dem er, obwohl es so kurz (1797-1828) und schmerzvoll war, eine Vielzahl großer Kompositionen schaffen konnte. A.C.