Antigone

nach Jean Anouilh

Drama in einem Akt
Uraufführung 4. Februar 1944 in Paris
Deutsch von Franz Geiger

 

Familiendrama vor laufender Kamera

 

 

 

Vaganten Bühne

Regie:
Folke Brabant
Regie-Assistenz:
Anne-Maria Dobsa
Bühne:
Tom Presting
Kostüme:
Katharina Beth

Mitwirkende:
mAntigone:
Dominique Chiout,
Kreon:
Romanus Fuhrmann,
Chora, die Moderatorin:
Doris Prilop
Wächter:
Guido Hammesfahr

Kurzfassung
Eteokles und Polyneikes, die Söhne des Ödipus, sind im Kampf um Theben gefallen. Ihr Onkel und nun König, hat Eteokles als den Verteidiger der Stadt in allen Ehren begraben lassen, doch die Bestattung des Aufrührers Polyneikes bei Todesstrafe untersagt. Ausgerechnet Antigone, seine Nichte und Verlobte seines Sohnes Hämons, widersetzt sich wissentlich dem Verbot ihres Onkels und versucht, den Leichnams des geschmähten Bruders mit Erde zu bedecken.

Eine faszinierende moderne Darstellung, die dem klassischen Vorbild eine eigene Sichtweise gibt und damit nicht nur dem Autor Jean Anouilh folgt, sondern auch den (zu jeder Zeit vor Konflikten stehenden) Familien-Generationen einen Spiegel vorhält. Brabants Inszenierung gibt ausreichend Stoff für anregende Diskussionen.

 

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Nur mit Mühe kann die smarte Moderatorin ihren ersten Talkshowgast bremsen, der die Bedeutung seiner Rolle und Aufgabe als Wärter am Leichnam des geschmähten Polyneikes vor der laufenden Fernsehkamera wichtigtuerisch auskostet. Da hat doch jemand fast vor seinen Augen gewagt, den Toten mit Erde zu bedecken - und damit gegen das Verbot des Königs gehandelt; und das nicht nur einmal, sondern gleich am nächsten Tag sogar ein zweites Mal! Sozusagen in aller Öffentlichkeit hat sich dieses kleine Mädchen, das die Wärter zunächst für ein scharrendes Tier hielten, gegen den mächtigen Herrscher Thebens aufgelehnt, wohl wissend, das ihm darauf die Todesstrafe drohe.

Die Moderatorin hat sich auf eine Sendung vorbereitet, in der alle Beteiligten ihre Sicht- und Vorgehensweise darstellen dürfen. Ist Antigone noch zu retten? So lautet der plakative Titel ihres Konzepts, und kapriziös wendet sie sich nun der bisher im Schatten der Kamera wartenden Tochter des unglücklichen Ödipus zu (Wir erinnern uns: Der ausgesetzte Königssohn Thebens, der seinem Schicksal folgen sollte, seinen Vater unwissentlich erschlagen, seine Mutter ebenso ahnungslos heiraten und mit ihr vier Kinder zeugen sollte, um sich nachher in Gram und griechischer Götterergebenheit das Augenlicht zu nehmen); also jene ziemlich verzweifelte und alleingelassene TochterAntigone hockt da nun auf dem durchsichtigen Plastikschalenstuhl, in Jeans und Kapuzenpulli, nachlässig und voller Trotz. Sie will bewusst Kreons Verbot zuwiderhandeln, ihren als Staatsfeind geschmähten Bruder mit heiliger Erde bedecken; mehr noch, sie will nicht nur der Tradition und ihrer Familie die Treue halten, sondern vor allem ihrer Weltsicht, und koste es das Leben.

Das ist die Intention Anouilhs: Seine Helden(innen) sind Fanatiker der Reinheit, Kämpfer für Ideale, sind Gegenpol zu Vernunft, Pragmatismus undzu einer oft unbarmherzigen Realität. Der antike Stoff der Königstochter Antigone wird in seiner Version modellhaft, exemplarisch aufbereitet. Die Aufgabe des Chors übernimmt ein Sprecher - hier in der Vaganten-Bearbeitung ist eine coole Moderatorin das verbindende Element, und die Menschen leben in unserer Gegenwart.

So ist auch Kreon nicht, wie im klassischen Vorbild, der hartherzige Despot, der Verächter aller geheiligten Traditionen, ein Mann der die Staatsmacht zu Unrecht in den Händen hält, sondern im großen TV-Duell der beiden Kontrahenten offenbart sich Kreons Tragödie, letztlich als die aller Herrschenden und Mächtigen: Wenn der König von Theben die Staatsautorität sichern und Ordnung für die Zukunft schaffen will, muss er sich auf seine eigenen Gesetze und Verordnungen stützen, darf weder unglaubwürdig noch schwächlich wirken gegenüber dem Volk, das als Masse stets unreflektiert und emotional reagiert. Zwar kann er alle Argumente Antigones widerlegen, nicht aber ihre Gefühle, ihre Sehnsüchte, ihrem Ideal einer "besseren, ehrlicheren, reineren Welt" die Erfüllung versprechen. Selbst als er alle Register in dem Kampf um Leben und Tod zieht, nämlich die Liebe seines Sohnes Hämons einsetzt und die Wahrheit über ihre gleichermaßen ehrlosen Brüder offenbart, hält Antigone an ihrer tödlichen Konsequenz fest: Sie will vom Leben entweder alles oder nichts.

Das ist zunächst in eine peppige Sendung eingepackt, noch spöttisch, distanziert durch das Medium; doch nach und nach, als die Tragik der Familiengeschichte immer härtere Formen annimmt, verlässt auch die coole Moderatorin ihre Lockerheit Die Sendung droht aus dem Ruder zu laufen. Hastig eingeschobene Sendepausen erbringen keine Entspannung, sondern entfernen Onkel und Nichte immer weiter von einander, wenn sie sich denn jemals nahe waren; die Kluft wird tiefer, der Hass größer, die Verzweiflung auswegloser: Kreon muss die Todesstrafe anordnen, denn Antigone lässt ihm keine Wahl - oder doch, und dann welche, mit welchen Konsequenzen? Anouilh jedoch und Brabant, der Regisseur dieser Inszenierung, führen die Tragödie zu Ende, wie es Sophokles vorgab. Die Familie ist beinahe ausgelöscht, und Kreon ist der Geschlagene. A.C.