Der Bau

von
Franz Kafka

 nach der gleichnamigen Erzählung

 

 

Mensch und Tier - 

auf der Suche nach  Sicherheit

 

 

 

Vaganten

mit Axel Buchholz

Regie: Rainer Behrend

Bühne und Kostüm: Olga Lunow / Carmen Woschitzke

Regie-Assistenz: Alexander Schatte

Techn. Leitung Michael Gärtner

 

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Franz Kafka:

wurde am 3.Juli 1883 als Sohn einer jüdischen und relativ wohlhabenden Kaufmannsfamilie in Prag geboren. Der dominante Vater verlangte vom Sohn, das er einen "Brotberuf" erlernen müsse, woraufhin Franz Kafka sich nach abgebrochenem Jurastudium als Angestellter der Sozialversicherung unglücklich machte. Denn seine künstlerische Begabung vertrug weder Zwänge, Bürokratie und Kleingeist. Aber leider fand er nicht zur Pschoanalyse. sonst hätte er sicher seine Ängste und Minderwertigkeitsgefühle überwunden, zahlreiche Freundschaften geschlossen, zu Frauen ein besseres Verhältnis entwickeln können und seine Arbeiten schon bei Lebzeiten veröffentlicht. So konnte das erst sein Freund Max Brod nach Kafkas Tod (3. Juni 1924) tun.

Das ist intellektuelles schweres Kammerspiel. Buchholz und Behrend ist es geglückt.  

 

Ein seltsames Wesen - Mensch und Tier zugleich - hastet durch seinen Bau - ein großräumiges, mit halbrunden Türöffnungen und hellen Luken nach oben zur Erdoberfläche hin versehenes unterirdisches Wohnlabyrinth.  In der alten kafkaesken Parabel vom Menschen, der sich von der feindlichen Außenwelt in eine Art Fluchtburg zurückzieht, aber seinen eigenen inneren Ängsten, die ihn zunehmend bedrohen und unsicher machen, nicht entfliehen kann,  spielt Axel Buchholz mit großer sprachlicher und körperlicher Präsenz,  ungemein schillernd und bedrückend, Leid und Erlösung des vor den Anforderungen des Lebens flüchtenden Menschen.

Einem imaginären Besucher stellt dieses Wesen emphatisch und in sprachlich ungemein detaillierter, beinahe bürokratisch anmutender Präzision, seinen maulwurfsartig gewundenen Bau vor, die zahlreichen Gänge mit ihren Neben-Schauplätzen und den zentral angelegten Burgplatz, auf dem er an Wandtafeln die strategische Konzeption seiner Flucht zeichnet, fahrig, nervös, vom Verfolgungswahn getrieben. Immer wieder überlegt er, wie eine Neukonstruktion seines zerbrechlichen, ungeschützten Gedanken-Gebäudes beschaffen sein könnte, damit der Rückzug in die Einsamkeit vollend abgesichert wäre.

 Und immer wieder bangt der Zuschauer um die nächsten unglücklichen Vorstellungen eines von seinen Ängsten verfolgten Menschen (als den wir ihn doch wohl erkannt haben), der in einem beinahe anderthalb-Stunden-Monolog eine atemberaubende Entwicklung durchleidet. Zunächst wiegt er sich in Sicherheit: Nach endloser Schufterei hat er den Bau endlich fertiggestellt; fein ausgeklügelt ist diese Konstruktion, sorgsam durchdacht und nach allen Seiten hin geschützt scheint die unterirdische Burg vor allen äußeren Feinden geschützt. Doch dann nimmt ihr Bewohner plötzlich unheimliche Geräusche war, lokalisiert sie in dem Gemäuer, von seitwärts und oberhalb kommend, langsam bohrend, rasselnd, klopfend. Die Bedrohung wächst. Die unsichtbaren Kräfte, die da scheinbar unerbittlich von außerhalb durchdringen, jagen ihm Furcht ein, und er entwickelt , von panischer Angst getrieben, neue Pläne der Sicherung .Allein, es bleiben weder genügend Zeit noch Kraft für einen Neuanfang, eine neue Orientierung.

Und dann - plötzlich geschieht etwas, mit dem niemand gerechnet hat. Der Bewohner dieses Baus wird ruhig, akzeptiert die von außen eindringende Macht - ob Tier, ob Mensch, ob gefährlich oder nicht- in einem jäh erwachten Bewusstsein, das immer wieder für das Verständnis von Kafka`s Poesie wichtig ist: Eine höhere Macht wird sein und die Entscheidung treffen. Und der Mensch wird von seinen Ängsten und Zweifeln erlöst werden. Diese Gewissheit beruhigt, lässt den Gehetzten aufatmen, sich unerwartet seinem Publikum zuwenden und mit beinahe erlösten Gefühlen zu seinen Vertrauten machen. Der Bann der Einsamkeit ist mit der Hinwendung zum Mitmenschen gebrochen, der in die Bewältigung der eigenen Ängste einbezogen wird. Er wird helfen, so wie Gott helfen wird. Eine große Ruhe legt sich über den bislang Getriebenen, und die  Überlegung "dass gerade die Vorsicht, wie leider so oft, das Risiko des Lebens verlangt" wird zur verarbeiteten Erkenntnis. Und der Besucher atmet tief durch. A.C.