Einsame Menschen

von

Gerhart Hauptmann

Kalt und Heiß - Gefühle und Konventionen
 

Deutsches Theater

Regie:Michael Thalheimer

Dramaturgie: Oliver Reese

mit: Jörg Gudzuhn (Vockerat), Barbara Schnitzler (Frau Vockerat), Robert Gallinowski (Johannes Vockerat), Nina Hoss (Käthe Vockerat), Ingo Hülsmann (Braun), Katharina Schmalenberg (Anna Mahr), Gabriele Heinz (Frau Lehmann)

 

Bühne: Henrik Ahr

 

Musik Bert Wrede

Kurz und bündig:

Leider tut hier einem niemand so richtig leid, stattdessen breitet sich Langeweile über eine pausenlose Aufführung, der man mit dem Verstand zwar beikommen kann, die das Herz aber unberührt lässt. Das soll wohl auch so sein; aber Gerhard Hauptmann hat es ganz sicher nicht so gemeint.

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Was um aller Welt will uns der Regisseur mit dieser Inszenierung sagen? Wenn eine unerlaubte Leidenschaft sich wie ein irres Panoptikum darstellt, auf dessen Bühne sich der Hauptakteur wie ein wahnsinniger, lächerlicher Clown aufführt? Wenn sich seine Familie herz- und gefühllos, versteinert und versteift neben ihm wie ein Zaun von lauter Hopfenstangen ausmacht? Wenn die junge Ehefrau Käthe sich wie ein Gartenpfosten reg- und leblos im strengen Hosenanzug (der um den vernachlässigten Körper schlottert) sich in ihrer tiefsten Demütigung auch noch selbst mit stereotypen Lächeln die letzten Selbstwert-Verletzungen zufügt? Dass sich die Mutter des jungen Ehemanns Johannes in monotonen Endlossätzen zwar einigermaßen lebensklug äußert, aber zugleich verständnislos in ihren engen geistigen und moralischen Bahnen verharrt? Genau wie ihr Ehemann, dem als Landwirt aus unerfindlichen Gründen immerhin ein paar lebendige, allerdings gleichzeitig stark senile Regungen erlaubt sind?

Dass der Vater, wie auch bereits sein Sohn Johannes, an ausgiebig dargebotenen Herzattacken leidet, soll wohl ein Hinweis auf ihrer beider Lebendigkeit sein, die aber von der Umwelt stark eingeengt ist. Und was ist mit diesem zweiten Clown, einem Maler namens Braun, Freund von Johannes, der mal schreiend, mal wispernd, mal herrisch, dann unbeherrscht, nicht weiß, wohin er gehört? Er soll vielleicht ein salopper Salon-Anarchist sein, ist aber viel zu lethargisch, um von der bürgerlichen Norm abzuweichen: eine unbefriedigende, nicht wirklich dramatisch existierende Figur in dieser statisch dargebotenen Aufreihung erzählerischer Momente. Begleitet werden die Szenen von epischer Filmmusik, wie sich überhaupt sehr viele Szenen in eine lang gezogene Sparsamkeit zu verirren scheinen.

Auf der kahlen, von rechteckigen Rahmen flankierten, in graublaues Licht getauchten Bühne stehen die Menschen herum, lehnen sich manchmal aneinander. Sie bilden flüchtig einen Kreis, um ihre enge Gemeinschaft zu verdeutlichen, aus der allerdings die beiden jungen Frauen - die Verführerin Anna und die betrogene Ehefrau Käthe - ausgeschlossen sind. Der stark gekürzte Text, der zu Lücken im Handlungsablauf führt, wird emotionslos heruntergeleiert, ein Zeichen dafür, das die erzieherischen und gesellschaftlichen Netze jede gefühlte Realität einengen. Leider gibt es auch keine Lösung für den armen Johannes, der vor Liebesglut beinahe platzt und seine außer Kontrolle geratenen Emotionen nur hüpfend und schreiend entladen kann. Ohne Lösungsangebot muss er - im Gegensatz zu Hauptmanns Drama - unverstanden weiterleben:

Die junge Frau namens Anna, die das ganze Drama auslöst, ist eigentlich eine Bekanntschaft des Malers und kommt von Paris aus mal so vorbei nach Berlin, und gleich weiter an den Müggelsee zur Familie Vockerat, wo gerade die Taufe des jüngsten Familienmitglieds stattfindet. Von allen bedrängt, zu bleiben, nimmt Anna die Gastfreundschaft nur zu gerne an. Diese Frau ist es gewohnt, irgendwo einzubrechen, hereinzuschneien und sich zu nehmen, was ihr gefällt. Hier gefällt ihr der sich verkannt fühlende Schriftsteller Johannes ausnehmend gut, und so gibt sie sich den Ausflügen und Annehmlichkeiten, die ihr der verliebte Gastgeber bietet, nur allzu gerne hin, das allgemeine Gefühlselend um sie herum augenscheinlich ignorierend. Dann aber wird sie doch hinausgeworfen oder geht von allein, das ist auch ziemlich egal, und Johannes bleibt wie die anderen einsamen Menschen hilflos zurück. Er könnte nun wieder arbeiten, um die Familie zu versorgen zu können, was ihm Käthchen, tapfer die mutige Maske wahrend, vorsichtig anträgt; aber in diese niederen Ebenen möchte er gar nicht hinabsteigen. Das ist noch so ein Thema, das aber leider auch nur eben mal in Gesprächsfetzen angerissen wird. Johannes möchte kein Geld verdienen, sondern lieber seiner Frau an die Bluse, wenn er schon nicht mit Anna schlafen darf.

Kurz eingeblendet ist eine Szene , die völlig aus dem Zusammenhang gerissen wurde, die nämlich das soziale Gewissen, wenn nicht das der Inszenierung, so doch das mancher Besucher ansprechen soll: Die arme Waschfrau, Vermieterin des Malers, muss ihre fünf Kinder allein versorgen, nachdem ihr Mann, ein unheilbarer Trunkenbold, sie fast an den Abgrund ihres Daseins gebracht hat. Das hat nun mit der eisgekühlten Familie Vockerat eigentlich nichts mehr zu tun, aber der Regisseur mochte wohl auf den Hinweis, dass es neben bürgerlicher Depression auch echte Existenznot gibt, nicht so ganz verzichten. A.C.