Gespenster

von

Henrik Ibsen

 z.Zt. nicht im Spielplan

Keine ehrenwerte Gesellschaft

 

  Regie: Kazuko Watanabe

Maxim Gorki Theater

  Kurz und bündig:

Welch ein Berg von Lügen, Verheimlichungen, Ängsten, Erniedrigungen usw. Und heute? Hätte sich die Frage nach der vordergründigen Moral und Aufrichtigkeit unserer Tage ansatzweise in der Inszenierung wieder gefunden, wäre vielleicht ein die zeitübergreifendes Werk daraus geworden. So blieb sie ein Melodram von gestern- immerhin eines von Ibsen.

 

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Kazuko Watanabe`s emotionale Wiedergabe der menschlichen Ohnmacht gegen die Unbarmherzigkeit von Kirche und Moral ergibt eine drastische Darstellung geschundener Ibsen-Figuren. Mitten im beinahe leeren Raum liegt, leidvoll auf das einsame Kanapee hingegossen, Helene Alvig (ergreifend Barbara Nüsse), die aus Anlass des 10. Todestages ihres - nicht sehr ehrenwerten Mannes - ein Waisenhaus gestiftet hat. Ihr zur Seite steht Pastor Manders (Burghard Klaußner), der die junge Frau einst, als sie vor den Exzessen ihres Ehemannes bei ihm Trost und Zuflucht suchte, von sich wies, der "gesellschaftlichen" Pflicht und nicht seiner Neigung folgend.

Nun ist der Tag der Abrechnung gekommen: Frau Alving erlöst sich vom Schweigen der Vergangenheit, und die Furchen in ihrem Gesicht zeugen davon, dass jedes Wort erlittene Wahrheit ist. Der Pastor schweigt und zweifelt vielleicht nun zum erstenmal in seinem Leben an der Gültigkeit und Göttlichkeit seiner rigiden Lebensregeln. Auch der heimgekehrte Sohn macht die Lügen der gut getarnten misslichen Ehe seiner Eltern und die Folgen des väterlichen Lotterlebens, wieder gegenwärtig (Fabian Krüger). Bereits gezeichnet von einer Geisteskrankheit wird er den mageren Rest seines Lebens im düsteren Norwegen bei der hingebungsvollen Mutter verbringen, ohne die sinnliche Zuwendung des frivolen Dienstmädchens Regines, die sich nun leider als Halbschwester entpuppt (Jacqueline Macaulay).

Überdies fängt durch eine Unachtsamkeit des Pastors das Waisenheim Feuer und brennt vollkommen nieder. Tischler Engstrand, der offizielle Vater des Mädchens Regine, ist ein haltloser Trunkenbold, Schwätzer und Kuppler, dem jedes Tauschgeschäft recht ist. Segen und Geld für sein Seemannsheim, in dem das Mädchen die Gäste verkuppeln wird, dafür Schweigen über die Brandursache. Ein infamer Deal, der bereits düstere Schatten voraus wirft. Ulrich Anschütz spielt diesen Mann allerdings zu liebenswert, als das man ihm eine schlechte Absicht unterstellen könnte.

Das Programmheft schweigt sich zu Henrik Ibsen (1828 - 1906) aus; stattdessen wird viel über Lebenslügen, Krankheit, gute Vorsätze und gottgewollten Reichtum, über Askese von Unternehmern und zu frühem Kapitalismus gesagt. Wahrscheinlich, um wenigstens ein Corsett für eine an ihre Zeit  gebundene Inszenierung des protestantisch-starren Lebens vor der Jahrhundertwende in Norwegen ( wie auch in anderen Ländern) zu finden. A.C.