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Jud Süß von Barbara Abend |
Tödliches Spiel mit der Macht und den Mächtigen
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2. Teil der Trilogie zum Thema: Krieg - Macht - Leid Regie: Barbara Abend Dramaturgie: Birgid Gysi Bühnenbild und Kostüme: Christine Perthen Musik und am Klavier: Ute Falkenau Choreografische Beratung: Klaus Kretschmar Kurzfassung Hier wird eine literarische Vorlage von hoher Qualität einfühlsam, psychologisch feinsinnig, und historisch treu bearbeitet. Der Ablauf des Geschehens bleibt durchgehend spannend, vor allem als die Ereignisse im zweiten Teil der Inszenierung kulminieren. Die Schauspielern erreichen durch ihr brillantes, blitzschnelles Wechselspiel zwischen dramatischer und epischer Darstellung bei ihrem Publikum ein hohes Maß an Konzentration.
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Der jüdische Kaufmann Joseph Süß Oppenheimer wurde am 4. Februar 1738 "am oberen Galgen bei hellem Sonnenschein" in Stuttgart gehenkt. Er hatte sich geweigert, den christlichen Glauben anzunehmen, das war sein letztes Delikt. Die übrigen Anklagen hielten einer gesetzeskonformen Prüfung ebenso wenig stand. Es war ein rassistischer Justizmord, vom Mob schrill eingefordert und von den Mächtigen und Machthabern aus Neid und Missgunst sanktioniert, aus all jenen unerklärlichen Gründen, die Hass gegen Außenseiter und Erfolgreiche schüren. Oppenheimer, Finanzier und Ratgeber des Herzogs Carl Alexander von Württemberg, wurde den Stadträten mit der Zeit zu einflussreich und zu mächtig. Er beherrschte Handel und Wirtschaft im Namen und Auftrag des Herzogs und genoss ausschließliche, absolute Privilegien wie kein anderer Jude. Die historische Gestalt dieses Mannes und sein schreckliches Ende sind so schillernd, so aufreizend vor ihrem gesellschaftlichen und politischen Hintergrund, dass es seither viele Dichter und Schriftsteller reizte, sich mit der Geschichte des Joseph Süß Oppenheimer zu befassen. Literarisch am eindrucksvollsten ist sicherlich die Fassung von Lion Feuchtwanger, dessen Roman aus dem Jahre 1925 Barbara Abend in ihrer Konzeption gefolgt ist. Sie hat ein von Anfang bis Ende temporeiches, spannendes Drama vom Aufstieg und Fall des genialen Bankiers und Wirtschaftsmanagers mit einem choreografisch perfekten Ablauf entwickelt. Ute Falkenau begleitet die szenischen Bilder mit eindrucksvoll gesetzten Akzenten am Klavier. Christine Perthen hat die Bühne mit einem durchlässigen Gitter rundum ausgestattet, gleichsam einem Schutzwall, hinter dem Oppenheimer seine Tochter Naemi behütet und bewahrt weiß. Diese (Iris Radunz) flattert dahinter in weißen Schleiern wie ein kaum flügger Vogel. Hier wird später ihr auswegloses Gefängnis sein. Für die übrigen Darsteller hat sich die Kostümbildnerin elegant-rustikale Lodenmantelkleider ausgedacht, die Strenge, Würde und Unnahbarkeit, aber auch Biederkeit signalisieren. Nur der Jude trägt einen eleganten schwarzen, leicht ausgestellten Rock mit brokatverzierten hohen Ärmelmanschetten und Schuhe im gleichen Material und Muster, Ausdruck seiner Eitelkeit. Jens-Uwe Bogadtke verleiht diesem Oppenheimer eine faszinierende psychologische Präsenz als kühl-rechnender und machtbesessener Emporkömmling, der sich aus Eigennutz seinem Herzog gegenüber loyal verhält und damit die Frau, die er liebt, opfert. Ergreifend, wie diese Magdalena Weißensee (Gabriele Streichhahn) sich von einem rührend gläubigem Kind in ein leidenschaftlich verliebtes junges Mädchen und dann, verraten und missbraucht, in eine depressive Frau verwandelt. Man mag dem gierig-geilen Herzog noch so gram sein, weil er ihr und anderer Leute Leben unbedacht zerstört; aber Karl Alexander (Peter Rauch) ist durchaus kein unsympathischer Wüstling; eher ein ungehobelter, gleichwohl schlauer Bauer, der sich der Intelligenz des ungeliebten Juden bedient, wohl wissend, dass er sich seiner zum passenden Zeitpunkt entledigen wird. Damit spielen die beiden ein tödliches Pokerspiel, das Oppenheimer verliert, nicht, weil er der schlechtere Spieler war, sondern weil er im Rausch der Macht vergessen hat, dass er als Jude stets für die Un-taten der anderen aufkommen muss. Das Unbehagen des Stadtrats, das missliche Spiel des Herzogs mitspielen zu müssen, kann Carl Martin Spengler, auch im körperlichen Sinne überragend, katzbucklerisch darstellen; man wird fortwährend an Konsistorialräte moderner Art erinnert. Es sind Opportunisten, die sich die Strömung der Zeit zunutze machen, um ihre eigennützigen Ziele durchzusetzen. Und was macht der kleine, knabenhafte Prälat, naiv und gutgläubig, der einzige fromme Christ unter den bigotten Evangelischen und innerhalb der hinterhältigen katholischen Herrscherclique? Volker Ranisch gibt diesem scheuen Jaakob Schober in der Geschichte einen Ruck, er wird zum aufbegehrenden, handelnden, streitbaren Mann. Aber gegen das Unrecht, das man letztlich auch ihm antut, kann er nur hilflos aufschreien. Wie er den Juden in letzter Minute vergeblich zum Christentum bekehren und ihn damit vor dem Tode zu retten versucht, ist atemberaubend.
Ein ausführliches Programmheft befasst sich mit Historie, Literatur und Interpretationen zum Schicksal des Joseph Süß Oppenheimer. A.C. |