Michael Kramer

von

Gerhard Hauptmann

z.Zt. nicht im Spielplan

Bürgerliche Selbstzerstörung

 

Berliner Ensemble

Regie: Thomas Langhoff

 

Kurz und bündig:

Ein Klassiker, der behutsam, vielleicht auch ein bisschen zu bieder aufbereitet ist. Doch die  Hauptmanns Dramen gehen immer wieder unter die Haut und greifen ans Herz. 

 

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Das Berliner Ensemble, in dem man bisweilen gerne gegen alle Bourgeoisie zu Felde zieht, zeigt sich neuerdings aufgeschlossen gegenüber Altbewährtem. Und es sind nicht die schlechtesten Produktionen, wenn es ihnen auch an zeitgemäßer Umsetzung mangelt. Thomas Langhoff, der vor einiger Zeit die Intendanz des Deutschen Theaters abgeben musste, ist dafür als Regisseur in die Spreestadt zurückgekehrt und zeigt der jungen Avantgarde das Handwerk der alten Hasen. Bereits in München für seine Inszenierung von Strindbergs "Vater" gefeiert, hat er sich nun Gerhard Hauptmann's 1900 uraufgeführtem Familien- und Künstlerdrama "Michael Kramer" angenommen und einfühlsam aufbereitet, es jedoch in seiner Zeit belassen.

In der Rolle des von absoluter Selbstdisziplin und Pflichterfüllung mehr besessenen als beseelten Vaters verkörpert Peter Fitz den Maler Michael Kramer, der an der königlichen Kunstakademie unterrichtet. Tochter und Sohn hat er pedantisch angehalten, ihr malerisches Talent strebsam anzugehen. Mag das bei der innerlich verhärteten Michaline (Ulrike Krumbiegel) noch zum Beruf der Kunsterzieherin geführt haben, so hat bei Arnold jegliches erzieherische Reglement versagt, vielleicht, weil dieser mit einem größeren Talent und leider Gottes auch mit einer Behinderung versehen ist; beides macht es ihm unmöglich, sich in die beengende bürgerlich-biedere Ordnung einzufinden. Für David Bennent eine maßgeschneiderte Rolle, die er konsequent bis zur Selbstzerstörung Arnolds durchhält.

Eine weitere tragische Figur ist Ernst Lachmann, vor Jahren Schüler des alten Kramer. Er verdient den Lebensunterhalt für seine Familie mit Zeitungsartikeln und ist restlos unglücklich geworden - vielleicht durch die Ehe mit einer unsensiblen Frau, die ihm weder Muse war noch Muße ließ, seinen künstlerischen Weg zu finden. Götz Schubert spielt dieses in sich zusammengefallene, ohne jedwedes Rückrat dahintreibende Menschenwrack. Er weckt Mitleid und Zorn zugleich. Man möchte ihn schütteln und aufrütteln.

Die Schwarz-Weiß-Malerei Hauptmanns (und Langhoffs) bleibt bei dr Beschreibung von ruhm- und ruhelosen Künstlernaturen und ihrem Gegenpart, den akademischen Spießbürgern, die ihnen jedes Verständnis verweigern. Einzig Liese Boensch, die von Arnold hoffnungslos angebetete smarte Gastwirtstochter, ahnt etwas von diesem moralischen Ungleichgewicht, dessen Opfer auch sie wird. Sie wird nämlich von ihrem vermeintlichen "Bräut'gam", einem jener vier selbstgefälligen Herren einer wöchentlichen Stammtischrunde, in ihrer Redlichkeit betrogen und "vorgeführt". Deren allabendliches Hauptvergnügen ist es, sich an der trostlosen Figur Arnolds zu ergötzen; der kann die "Herren", zwar zeichnerisch trefflich karikieren, sich gegen ihre Bösartigkeiten aber nicht wehren; so setzt er eines Abends, zutiefst gedemütigt, seinem Leben ein Ende.

Die Kälte und Ferne der Menschen symbolisiert das Bühnenbild von Karl Ernst Herrmann, das den Blick durch das Atelier in den weiten grauen Himmel und eine sturmschiefe Pappelallee im Winter freigibt. Und die Kälte gefriert endgültig zu Eis, als Arnold, aufgebahrt, dem erschütterten Vater als letztes Modell für sein einziges großes Gemälde dient, das wohl niemals vollendet werden wird: einem Christusporträt.  A.C.