Nachtasyl

von
Maxim Gorki

 

  

 Bilder aus der Tiefe: 

Hier ist der Mensch des Menschen Wolf

 

 

 Maxim Gorki Theater

Deutsch von Ulrike Zemme

Spielfassung und Regie: Alexander Lang

Dramaturgie: Remsi Al Khalisi

Bühne und Kostüme: Peter Schubert

Kurzfassung

Kein Elends- und Mitleidsdrama, wohl aber eines, das nachdenklich macht. Alexander Lang hat Gorkis "Nachtasyl" auf eine kühle abstrakte Bühne gestellt, die mehrfach eingerahmt, in das grausame Dunkel  menschlicher Schicksale taucht. Die Situation der gestrauchelten Menschen ist zwar zeitlos, aber nicht hoffnungslos.

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Da gibt es eine Flut von Lebensweisheiten, Einsichten, Ansichten über das Menschsein, über Würde und Niedertracht, über Armut und Reichtum -insgesamt eine kluge Philosophie, die sich jedoch nicht für die Armen eignet, die aus der Gesellschaft ausgestoßen worden sind. Für Alexander Lang, nach 20 Jahren als Gastregisseur ans Gorki Theater zurückgekehrt, bietet das 1903 uraufgeführte Drama "Nachtasyl" von Maxim Gorki eine Gelegenheit, sein hohes handwerkliches Können zu präsentieren. Das Gorki ist ihm dankbar, und das Publikum wird es auch sein. Denn hier macht ein Meister Theater; er dirigiert die Akteure so bestechend durch den wortgeführten Handlungs- oder besser Schicksalsablauf, dass man das Staunen  lernt.

Es beginnt ganz ruhig, sieht man vom einzigen Laut der ersten langen Minuten einmal ab: von dem Schnarchen des Asylbewohners Satin (Eric Laufenberg), der an dem kalten Pfeiler lehnt, der den Menschen in den kargen Räumen notdürftigen Halt gibt. Sein Bruder im Elend, ein alter Shakespeare-Schauspieler (Michael Gitter) weckt ihn, und die ersten Worte werden gewechselt. Noch geschieht nichts; die übrigen Bewohner des kühlen Quartiers lehnen in unnatürlichen Posen an anderen Pfeilern oder gehen schnell durch den Raum, laufen auf einander zu, halten jäh inne, wenden sich wie von einer inneren Unruhe getrieben, ziellos wieder ab. Im Vordergrund hat sich die grell geschminkte und ärmlich aufgetakelte Nastja (Anna Kubin) in einen Groschenroman vertieft. Nichts passiert, und doch entwickeln sich in dieser stillen, knisternden Spannung die individuellen Geschichten der seltsamen Typen, die sich alle, obwohl aus der "ordentlichen" Bahn geworfen, einen letzten Rest von Persönlichkeit bewahrt haben. Doch nicht alle sind deshalb auch liebenswert: Da ist der ebenso kasperige wie bösartige Besitzer des Nachtasyls Iwanow (Ulrich Anschütz), der seine Familie quält und die Bewohner schikaniert; da ist Wasilissa (Ruth Reinecke) seine Frau, eine bösartig zischende Schlange, die mit allen Mitteln versucht, ihren Liebhaber zu halten, der mit ihrer Schwester und mit neuem Lebensmut diese unwirtliche Bleibe verlassen will. Da ist diese Schwester Natascha (Rosa Enskat), von der man nicht weiß, ob sie ein bisschen blöde oder nur unsagbar ängstlich ist.

 Und da ist der lange Wassja, ein cooler Typ, wie man heute sagen würde, ein junger Dieb, der wohl noch nicht so restlos dem Alkohol verfallen ist wie die älteren Bewohner, wie etwa der bösartige Kleschtsch, der sich selbst und seine lungenkranke Frau Anna (Anya Fischer) schon lange aufgegeben hat. Als sie stirbt, zeigt sich, dass niemand mit ihrem Tod umgehen kann, mit dem Tod nicht, und mit dem Leben auch nicht. Als eine fremde Frau (bei Gorki ein männlicher Pilger), die aus dem nirgendwo in dieser Herberge auftaucht, der Sterbenden resolut und mit guten Worten ein besseres Sein im Jenseits verspricht, bezichtigen sie die Männer verächtlich der Lüge. Böse ist wiederum ihre Reaktion, böse, weil sie selbst dies letzte kleine Fünkchen Hoffnung auf eine bessere Existenz längst verloren haben. Debil und heruntergekommen ist auch der smarte Baron, der das Geld seiner Familie veruntreut hat und zum Alkoholiker geworden ist; das Mädchen Nastja hält er wie eine Nutte aus und fühlt sich noch immer als etwas Besseres. Nastja liest vor allem und "arbeitet" so ganz nebenbei, wenn dieser bockige Bubnow (Silvio Hildebrandt) etwas von ihr will.

 Das alles ist schrecklich deprimierend; und doch hält diese Inszenierung emotionale Distanz. Sie lässt aufhorchen, wenn Luka, die Pilgerin (Margarita Broich) furchtlos diesen Menschen ihrem Menschsein mit einer kleinen Lebenslüge ein Fünkchen Hoffnung gibt, und wenn sich zum Beispiel der alte Schauspieler noch einmal auf den Weg macht, vielleicht in eine Heilanstalt,  vielleicht auch nur ins nächste Wirtshaus.

Lang hat einen sehr schönen Abschluss gefunden, anders als bei Gorki, hoffnungsfroher, leise und so einfühlsam, das einem erst jetzt die Tränen kommen. Er gibt Satin, der wie alle anderen alles verloren hat, ein Fünkchen Lebensfreude zurück.

Unnötig zu betonen, dass alle Schauspieler ein hervorragendes Zusammen-Spiel leisten. A.C.