Aida

von
Guiseppe Verdi

 

 

 Nach dem Theater werden die Opern entzaubert

 


 
Deutsche Oper Berlin

 Musikalische Leitung Renato Palumbo, Inszenierung Christopher Alden, Spielleitung Lou Ulla Brunk, Bühne Andrew Liebermann, Kostüme Doey Luethi, Dramaturgie Carsten Jenß, Chöre William Spaulding

 

Der König: Ante Jerkunica, Amneris: Irinia Mashura, Aida: Annalisa Raspagliosi, Radamés: Carlo Ventre, Ramphis: Raymond Aceto, Amonasro: Zeljko Lucic, Ein Bote: Joel Prieto, Eine Priesterin :Andion Fernandez; Cheerleader aus der Kennedy Schule, Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin

 

 

 
 Unentschuldbar ist es bei dieser Inszenierung, auf den Kauf eines Programmheftes zu verzichten, etwa in dem Glauben, man kenne diese Oper hinlänglich und wüsste genau, was Verdi und sein Librettist mit Musik und Text sagen wollen. Weit gefehlt. So ein armer Mensch wird nämlich niemals erfahren, was der amerikanische Regisseur Christopher Alden sich gedacht hat und wird womöglich meinen, hier handle es sich schlicht um Dilettantentum, wenn nicht Schlimmeres. Und er wird die grauen hässlichen Röcke und schmutzig-weißen Blusen, die nicht einmal der schlanksten Dame noch eine Figur zubilligen, als eine Art entweiblichten Einheitsdress á la DDR oder so betrachten. Weit gefehlt auch, wer da etwa meint, die mit Friedenstauben eingelegte Kunstholztäfelung der leicht versetzten Wände mit ihrer altbackenen Resopal-Struktur sei eine moderne weiträumige Eingangshalle - nein das ist eine Art Kirchenschiff! Und der mit einem übergroßen Schaf und runden Felsbrocken gestaltete Brunnen in der Mitte des Raumes gliche dem Eingangsportal zum Ostberliner Tierpark, der lernt, laut Programmheft: dass es sich hier um ein Taufbecken handelt, in dem auch schon mal der eine oder andere Widersacher ertränkt wird!

Nein, der Regisseur möchte das Liebes- und Freiheitsdrama von gestern als ein warnendes Beispiel für religiös-fanatische Gemeinschaften und autoritäre Machtstrukturen von heute sehen. Er setzt nämlich seine Aida-Geschichte nicht mehr in die prachtvolle Kulisse der altägyptischen Götter, und er möchte auch gar nicht mehr an die Oper als Auftragskomposition zur Eröffnung des Suezkanal erinnert werden. Das Schicksal ihrer Protagonisten fällt auch nicht mehr in die Zuständigkeit einer übergeordneten göttlichen Instanz, wie es noch immer auch in Mozarts Zauberflöte anklingt, nein, Alden hat explizit gegen den amerikanischen Präsidenten George W. Bush mobil gemacht und konsequent dessen Feindbild fortgeschrieben - der Krieg gegen Saddam Hussein und die Kampfansage gegen alle Feinde der amerikanischen Staaten sollen präsent sein. Der Terrorismus soll an den Pranger gestellt werden  - wohlgemerkt, der amerikanische!, der die Sekten (Beispiel hier: Amish people) als Instrument benutzt, um seine politischen und imperialistischen Ziele zu verfolgen. 

Das muss man erst alles einmal verstehen.. Und dann mißt man die Aufführung an diesen intellektuellen Vorgaben. Und ist bitter enttäuscht. Denn hier stimmt nichts überein - von der Musik ganz zu schweigen, die sich allerdings - glücklicherweise  - ihren eigenen Weg bahnt, ohne auf die unverstandenen Hintergründigkeiten der Inszenierung Rücksicht zu nehmen.

Wer zwischen der sich aufopfernde Liebe der ägyptischen Prinzessin Amneris zu dem jungen Heerführer und Helden Radamés und dessen Liebe wiederum zu Aida, der gefangenen Königstochter des Feindes, hin- und hergerissen wird, der sollte sich nicht länger bei solchen Gefühlswallungen aufhalten; denn dieser Radamés ist zwar militärisch begabt, aber menschlich ein Langweiler und Dummkopf, der die Fallen, die ihm das Schicksal permanent stellt, nicht einmal wahrnimmt. Und als Sänger ist Carlo Ventre zwar ein kraftvoller Vertreter der zur Zeit an der Deutschen Oper vorgestellten Tenöre, aber als Schauspieler steht er stocksteif, die Augen geradeaus gerichtet, und seine Liebesarien richten sich ohnehin nur an den Dirigenten, die Frauen bleiben im Abseits; so viel Nebeneinander sah man selten zwischen Liebenden! Der einzige, der neben der sich grandios steigernden leidenschaftlichen Irina Mishura Verständnis für das glühende Werk Verdis zeigt, ist Renato Palumbo, der mit seinem Orchester säuselnde Zartheit und wilde Stürme entfachen und zeigen kann, zu welchen wundersamen Pizzicati und leise hingehauchten Tonfolgen in unverzeihlich altmodisch-romantischer Art er seine Musiker und Sänger verleiten kann.
Denn der Chor, in eben diese gräuliche Schlichtkleidung gepresst, singt wundersam - zuweilen wie aus den mittelalterlichen Mönchsgesängen entliehen - und hat so gar nichts mit Terror und Irakkrieg am Hut; ihn interessieren auch nicht die Solidaritäten und Gemeinschaften in politisch-religiösen Gruppen - er sitzt, wie man ihm befohlen hat, auf Plastikstühlen oder er steht im Halbrund und setzt zauberhaft zärtliche oder donnergrollende olympische Träume wach.

Für Annalisa Raspagliosi als Aida bleibt gegen ihre auch stimmlich wärmere Rivalin Amneris als Bewegungsausgleich nur der Putzfrauenzwang; Zwischen Wischen und Feudeln, die Schürze bindend und knetend, das Tuch vor der Brust, klagen, leiden, wimmern und werben sie beide um den Helden, der sich immer wieder klar für Aida entscheidet, auch als diese ihn auf Drängen ihres ebenfalls gefangenen Vaters Amonasro recht hinterlistig überführt und er ihr den geheimen Plan des nächsten Angriffs gegen ihr äthiopisches Volk verrät. Das ist schon ein grober Verrat an dem Geliebten, der sich immerhin dafür eingesetzt hatte, dass ihre besiegten Landsleute wieder in ihr Heimatland zurückkehren durften - wo sie sich nach Art von Besiegten rasch wieder erholten und nun einen neuen Angriff wagen wollen. Radamés will ihnen zuvorkommen und hegt einen etwas einfältigen Plan: wenn er wiederum siegt, will er von seinem König (Ante Jerkunica als wundervoll tönender Bass aus dem Off) als Wunsch und Preis Aida zur Frau erbitten. Als Radamés hört, dass sein Plan von Aidas Vater belauscht worden ist und er nun bei seinem Volk als Verräter dasteht, stellt er sich freiwillig dem Gericht der Priester, dass die Todestrafe verhängen muss. Die beiden Liebenden sterben hier- getauft - im Brunnen anstatt im Kerker, und Amneris an gebrochenem Herzen.
Natürlich geht es in Wahrheit bei Verdi um mehr: um drei wesentliche Begriffe und Inhalte menschlichen Zusammenlebens: um Liebe, um Heimat, um Freiheit und Ehre. Und damit konnten bislang Generationen von Regisseuren, Musikern, Sängern und Theaterschaffenden etwas anfangen; sie konnten Bühnen gestalten und ein Publikum zu Tränen rühren; sie konnten ihre Orchester und Ensembles zu Höchstleistungen animieren und die Musik- und Operngeschichte mit Aufführungen dekorieren, die wahre Highlights waren.

Diese Inszenierung sollte man ganz schnell aus dem Gedächtnis streichen. A.C.