Albert Herring

von
Benjamin Britten

 

  

Nach einer schamlosen Butterfly - ein Lustspiel als Labsal für die Seele 

 

 Wiederaufnahme

Komische Oper

Komische Oper in drei Akten.

Text nach einer Novelle von Guy de Maupassant,
frei gestaltet von Eric Crozier
Musikalische Leitung: Jun Wang;
Inszenierung: Willy Decker
Bühnenbild und Kostüme: Wolfgang Gussmann
mit:
Inga Nielsen, Diane Pilcher, Mojca Erdmann, Nanco de Vries, Peter Renz, Christian Tschelebiew, Michael Nagy (Sid), Andreas Conrad (Albert), Elisabeth Starzinger, Christiane Oertel, Anna Wegrzyn, Maria Klier, Anna Prohaska, Chorsolistinnen der KO

Kurz gesagt:
Das ist doch ein seltsames Ding: wird ein junges Mädchen als tugendhaft und schön zur Maienkönigin kreiert, dann blüht sie weiterhin auf und alle Welt freut sich; geschieht dies Los einem Mann, dann ist das lächerlich, unwürdig und unmännlich. Ein Tugendkönig ist so grotesk wie Whisky mit Milch.

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 Dieser Albert ist wirklich ein bedauernswerter Bursche, ein Mann in bereits reiferen Jahren, ein Muttersöhnchen, ein tüchtiger Ladenbetreiber und Tugendbold aus Mangel an Mut, und von einer heuchlerischen Gesellschaft in England 1900 luchsartig beäugt und überwacht. Ein Weichei, würde man heute sagen - lächerlich und bemitleidenswert, doch gerade dies soll ihn zum prädestinierten Opfer der Honoratioren des kleinen Städtchens Loxford machen. Deren Oberhaupt und Obermoralistin, Lady Billows, entscheidet sich nach innerem Kampf und Krampf, da keine geeignete Jungfrau mehr zur Verfügung steht, den Titel des Maienkönigs in diesem Jahr Albert Herring zu verleihen - samt einer goldenen Prämie.  Dermaßen ausgepreist, seinem eigenen schwachen Willen zuwider als Tugendkönig mit albernem Maiengrün und lächerlicher Bekränzung garniert, ist Alberts Verzweiflung gar grenzenlos. Von den Mädchen verhöhnt, von der Mutter geprügelt, fügt sich der große Kind-Mann in sein auswegloses Schicksal - es sei denn, er nähme es selber in die Hand.
Das allerdings passiert erst nach der Pause, und so schleppt sich die Geschichte etwas langatmig und mühselig, nur vom Herumgewusel der Komité-Mitglieder und den herrischen Gesten der tonangebenden Lady beherrscht. Inga Nielsen ist eine großartige Befehlshaberin, elegant vom Hut bis zum Schuh, Handtasche passend zum violetten Outfit, hochmütig, erhaben und mit einer so machtvollen Stimme ausgestattet, dass sie - in jeder Hinsicht - wie eine Primadonna assoluta die Marschrichtung angibt. Allerdings kann auch Diane Pilcher als ihre grämelig-graue, unförmig daherwatschelnde Dienerin mit cantablem Alt als komischer Moralapostel brillieren, und Christiane Oertel als Mrs. Herring wirft mit ihrem vollen Sopran die entscheidende Stimme in die Waagschale, die sich zunächst noch sehr zu Ungunsten des armen Albert neigte.  

Das alles geschieht in schmeichelndem, vielfarbigen Ambiente: Eine lindgrüne Konzertmuschel, in der das prächtig gekleidete kleine Dorforchester immer wieder, von der Lady unterbrochen, aufzuspielen versucht, davor zartgrün bespannte Liegestühle, auf denen man sich dem Musikgenuss hingibt. Dahinter eine andere Welt: schwarz und düster türmt sich Muschelwand, und am Boden zeigen Getränkekisten und Kühlschrank den mühseligen Alltag in Alberts kleinem Geschäft.

Sid (Michael Nagy mit kräftigem Bariton) und Nancy (Elisabeth Starzinger mit sanftmütigem Sopran) zeigen ihm, wie schön es ist, verliebt zu sein und wecken Sehnsüchte in dem verkorksten alten Knaben. Als die Festgesellschaft sich nach üppigem Maien-Mahl teils trunken, teils liebesselig nach und nach verabschiedet, bleibt Herring allein zurück, wälzt sich unter dem Tische und findet sich grenzenlos bemitleidenswert. Bis ihn jäh die ganze feine Truggesellschaft, mit Schweinsköpfen ausstaffiert, halluzinatorisch aus dem Langzeitdämmern weckt - er zertrümmert das rosarote Sparschwein und macht sich munter auf den Weg, auf der Suche nach Liebe und Leben. Ob es nun gefällt oder nicht - jedenfalls ist Andreas Conrad perfekt in dieser zweifachen Rolle - zunächst als sanftmütiger Junggeselle, später vor 

allem mit gesanglich starkem Selbstbewusstsein als ein Mann, der zumindest schon einmal in das nächtliche Großstadtmilieu hineingeschnuppert hat...

Albert Herring (1947) ist sicher nicht Brittens bedeutendstes Opernwerk. Er wollte vor allem die britische Gesellschaft und die Unterdrückung eines Außenseiters karikiert wissen wollte. Musikkritiker mögen ihm Flachheit, Gefälligkeit, fehlende Stringenz und eine zu lockere Handhabung der (von deutschen Tugendwächtern gern gesehenen) kompositorischen Ernsthaftigkeit vorwerfen. Auch ist die Ausstattung in ihrer farbigen Fröhlichkeit mehr eine flotte Wiederholung der 60er Jahre. Und die Mädchen und Mannsbilder sind in ihrer Überzeichnung als skurrile englische Prototypen durchaus amüsant, wie die glasklar an der mangelnden Musikalität ihrer Mädchentruppe verzweifelnde Miss Wordswoth (Majca Erdmann) , die den leut- und redseligen Reverend Mr. Gedge (Nanco de Vries) gar zu gern in den Ehestand ziehen möchte.

 

Die Musik wird erzählerisch den variationsreich gestalteten Rezitativen angepasst und zugleich pointenreich eingesetzt: beschwingt begleitet die Flöte die Vorbereitungen für das Frühlingsfest, schrammelt das Orchester unheilvoll aus dem Graben als die Herrschaften den armen Alfred bekränzen, wiederholt die Geige das Signal Sids für das nächtliche Rendezvous mit seiner Nancy, klingt es wie Schadenfreude, als der Maienkönig als Popanz auftritt, begleitet Tafelmusik das Fressgelage. Herrlich übermütig pfeifen die Flöten bis sie vom Klavier zur Räson gebracht werden, schläfert die Klarinette den verwirrten Albert ein und schweigt verblüfft, als dieser vom weinerlich- zirpenden Tenor zum kräftigen Tenor-Bariton mutiert.

Da kann man nun sagen, was man will: die Wiederaufnahme scheint nicht nur einige erfolgreiche Korrekturen angebracht zu haben bis hin zur besseren Textverständlichkeit. Die Inszenierung biet vor allem einen heilsamen Opernabend, nachdem so manche sensible Seele an der von Calixto Bieito's als Bordell-Drama verwursteten "Madame Butterfly" Schaden genommen hat. A.C.