Aleko
eine Zigeunerhochzeit

nach
Sergej Rachmaninow

 


Gar kein lustiges Zigeunerleben

 

   

Neuköllner Oper

Oper in einem Akt von Sergej Rachmaninow; Fassung von Bernhard Glocksin und Andreas Nathusius; Instrumentierung: Winfried Radeke; Inszenierung: Andreas Nathusius; Ausstattung: Günter Hellweg; Dramaturgie: Bernhard Glocksin

mit Thomas Heiß, Helena Köhne, Likka Leppänen, Miriam Neururer, Robert Rosenkranz, Svetlana Smolentseva, Markus Vollberg und Deniz Yilmas;

Orchester: Peter Wünnenberg, Anja-Susann Hammer, Volker Suhre, Dejan Jovanovic, Valeriu Cascaval, Michael Villanueva, Ulf Marcus Behrens, Winfried Radeke.

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Für die größte Überraschung in dieser neuen Inszenierung der Neuköllner Oper sorgt diesmal der Bühnenbildner Günter Hellweg: Er hat die Hälfte des Bühnenraumes in zwei lange Tischreihen aufgeteilt, die sich überkreuzen und eigentlich im Nirgendwo enden. Auf und unter diesen mit weißen Tüchern bedecktem Tischkreuz spielt sich die kurze und heftige Ballade des jungen Mannes Aleko ab, der - laut Puschkin - vom bürgerlichen Leben hinausgezogen ist, um ein freies, ungebundenes, romantisches Dasein in der Gemeinschaft von Zigeunern zu erleben. An niemanden gefesselt zu sein, keiner gesetzlichen Ordnung sich beugen zu müssen, frei von allen gesellschaftlichen Bürden - doch da irrt sich dieser selbst ernannte Zigeunerbaron gewaltig: denn die menschlichen Regeln des Zusammenlebens sind auch in der "freien Wildbahn" bestimmten Riten und Regeln unterworfen; und das von ihm selbst zusammengestellte und bezahlte Zigeunerorchester, dass zu seiner arrangierten Hochzeit aufspielen soll, läßt unter seinem Meister Winfried Radeke keinen Zweifel daran aufkommen, dass seine Töne nicht nur zärtlich sind und wild romantisch, sondern doch häufiger drohend von gefährlichen Strudeln durchwoben werden; einerseits steht hier junge wilde Rachmaninow, der Liebe und Leidenschaft, Sinnlichkeit und Eifersucht aus der Perspektive und mit der romantischen Glut einer jungen russischen Seele in Musik verwandelt -  andrerseits die eindringliche frühe Atonalität eines Kurt Weill, die bereits an die rauhe Wirklichkeit jenseits aller verklärenden Vorstellungen eines ungebundenen Daseins die harte Wirklichkeit offenbart.

Dieser Aleko, von dem großen schlanken Robert Rosenkranz mit tiefem Glanz seines sonoren Bass getragen, läßt von Anfang an keinen Zweifel an seinem Besitzanspruch und seiner Gewalttätigkeit gegenüber der jungen hübschen Braut Zemfira aufkommen; Svetlana Smolentseva, deren wundervoll schwingender, weit fließender Sopran sofort die klassische Stimmausbildung der Moskauer Musikakademie   verrät und sie als Belcanto-Interpretin vorbestimmt, versteht es,  in diesem schwer zu arrangierenden Stück , ihre Gefühle auch darstellerisch unmißverständlich zu offenbaren; während ihr Liebhaber, der junge Zigeuner Sladjan, nicht sehr viel mehr Möglichkeiten erhält, als der jungen Schönen in einem Bärenkostüm nachzustellen; Der türkische Tenor Deniz Yilmar kann sich dabei glücklicherweise ganz auf seine sanften Verführungskünste verlassen. Aus Finnland kommt der Brautvater Dragan, der sich mit dem reichen Aleko eine gute Partie für seine aufmüpfige Tochter versprochen hat- Likka Leppänen verkörpert ganz die autoritäre Macht der Sippenväter. Thomas Heiß singt den Lolo, und Markus Vollberg den Medo - zwei Zigeuner, die das ganze Drama mit ansehen müssen, ohne den tragischen Ausgang verhindern zu können. Mehr Ausdruck und Variationen hat man den beiden anderen Frauenrollen zugedacht: Miriam Neururer kann auch als hochschwangere Semra stolz und aufmüpfig ihre Position verteidigen, wenngleich die Männer noch längst nicht auf dem Weg der Erkenntnis sind, dass die Frauen in ihrem Clan dieselben Rechte besitzen wie sie; die hierarchische Struktur wäre hier ein Punkt, den man beachten sollte - abgesehen von dem im Programmheft ausgiebig dargestellten politischen Schicksal der Sinti und Roma. Herausragend ist auch Helena Köhne als Kasida (erinnert sehr an Kassandra, die warnende trojanische Wahrsagerin!), die sowohl ihre üppigen körperlichen Reize charmant einzusetzen versteht als auch ihre sanfte Altstimme.

Eigentlich geschieht nicht viel in diesem einstündigen Spiel um Heirat, Liebe, Eifersucht, Tod - in anderen Opern reicht dies Thema für viele Stunden, ausufernde Inszenierungen und musikalische Glanzrollen; hier ist es nur die Erinnerung an eine Fingerübung eines jungen russischen Komponisten, der später sich und seinen Interpreten weitaus größeres Kopfzerbrechen bereiten sollte als in diesem kleinen Kammerspiel.

Vielleicht könnte man ja diesen Abend mit einem zweiten Operneinakter verlängern - da diese kleine Vorspeise eigentlich erst Lust und Appetit auf zusätzliche Kost macht! A.C.