André Chénier

von
Umberto Giordano

 

 

 Leben und Liebe gegen Machtwillkür und Heuchelei

  
Wiederaufnahme

Komische Oper 

Musikalisches Drama mit historischem Hintergrund
Oper in vier Akten
Libretto von Luigi Illica
Uraufführung: 28.März 1896 in Mailand

Inszenierung:
John Dew;
Bühne:
Peter Sykora;
Kostüme:
Osé-Maanuel Vazquez;
Chöre:
Ulrich Paetzhold;
Musik.Leitung:
Pier Giorgio Morandi;

mit:
Zvetan Michailov (Chénier), Lado Ataneli (Gérard), Maria Guleghina (Madeleine), Ulrike Helzel (Bersi), Cheri Rose Katz (Mutter von Madeleine), Ute Walther (Madelon), Harold Wilson, Bernd Valentin, Peter Maus, Markus Brück, Burkhard Ulrich, Miomir Nikolic, Markus beam, Hyung-Wook Lee, Klaus Lang

Kurz und kritisch
Die etwas steife Inszenierung steht mit einer dramatisch überbetonten Orchesterführung zeitweilig in Konkurrenz zu einem ausdrucksstarken, präsenten Ensemble. Am historischen Schicksal des Dichterhelden André Chérnier führt uns der Komponist leidenschaftlichen vor Augen, das der idealistische Freiheitskämpfer irgendwann das Opfer seiner sich in Willkür umkehrenden guten Absichten wird und nur die Liebe den einzig wahrhaften Wert in unserem Leben darstellt.  
Sehr informativ und empfehlenswert ist das Programmheft

 

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 "Ich war ein Dichter und machte meine Feder zur scharfen Waffe gegen die Heuchelei" schrieb André Chénier (1762-1794). Das hat ihn seinen Kopf gekostet. Einhundert Jahre später wird sein Schicksal von dem italienischen Komponisten Umberto Giordano (1867-1947) als kritisches Revolutionsdrama mit einem leidenschaftlichen Bekenntnis zur alles überwindenden und andauernden Liebe in Mailand gefeiert. Beides, die Vergegenwärtigung des scheiternden Revolutionärs, der irgendwann zum Opfer der neuen herrschenden Klasse und ihrer pervertierten Ideologie wird, und die einzigartige Bindung zweier Menschen aneinander bis in den Tod, sind Themen, die zeitlos berühren und aufwühlen, wie es nur in der Oper möglich ist.

Langanhaltender Szenenbeifall also für den stimmgewaltigen Lado Ataneli, der als ehemaliger Diener Charles Gérard, der mit der Revolution zu Amt und Einfluss auf der Seite der Jakobiner gekommen ist, jedoch zu spät erkennt, wie Unschuldige im Namen Marats gemeuchelt werden und wie die Revolution "ihre Söhne frißt". Mit Gérards menschlich großartigem Verzicht auf die von ihm seit seiner Kindheit geliebte und begehrte Tochter seiner Herrschaft, Madeleine, ist Giordano eine einzigartige musikalische Darstellung der Selbstüberwindung und der Nächstenliebe gelungen.

Auch Maria Guleghin`s Madeleine wird mit einem langen Szenenbeifall für ihr glut- und leidvolles Liebesbekenntnis gefeiert; Mit ungeahnter, sich von Satz zu Satz steigernder Kraft und Inbrunst fordert ihre wie ein Sturm anwachsende Leidenschaft zu Chénier die Aufgabe ihrer selbst. Als sie bereit ist, sich Gérard als Preis für ihre Liebe hinzugeben und mit dem Verurteilten in den Tod zu gehen, wächst sie über sich und Gérard hinaus. Ihr Verzicht ist ein zeitloser Sieg der Liebe über jegliche menschliche Niedertracht.
Ein weiteres Mal gibt es einen musikalischen Hochgenuss in dieser ansonsten eher bieder ausgestatteten und steifen Inszenierung von 1994 (bis auf die Anfangs- und Schlussvorhänge, die, in den Farben der Revolution, wie ein stilisiertes Fallbeil aufgeteilt sind): Nämlich als André und Madeleine dank der einzigen noch möglichen Hilfe Gérards die letzte Stunden gemeinsam im Gefängnis verbringen dürfen und als der Dichter erfährt, dass seine Geliebte ihren Namen auf die Liste der Todeskandidaten hat setzen lassen, um mit ihm gemeinsam zu sterben. Sie hat damit zugleich einer zum Tode verurteilten Mutter das Leben gerettet hat. Auch das gibt einen weiteren Blick auf Madeleines noblen Charakter.
Beider Liebes- und Abschiedsduett könnte der glanzvolle Höhepunkt sein, wenn Maistro Morandi nicht sein Orchester mit der ganzen Wucht der französischen Revolution durch die Sätze gejagt hätte, wenn er wenigstens in den Momenten der tragischen Zärtlichkeit leise Zurückhaltung geübt hätte. So hat man den Eindruck , dass sich die Sänger ihrerseits den ganzen lieben langen Abend gegen eine von Anfang an furiose Notierung durchsetzen müssen, die wahrscheinlich jedem Anflug von romantisierender Gefühlsduselei vorbeugen wollte?! Dabei besticht die Musik nicht nur durch ihren ausgesprochenen melodramatischen Charakter, was heißt, das sie ebenso leidvoll wie leidenschaftlich, leise wie laut, von blühender Melodik wie von harter tödlicher Gewalt beherrscht wird. Sondern eine sich von Bild zu Bild steigernde musikalische Dramatik spannt auch zugleich den breiten melodischen Bogen, der das Schicksal der drei Hauptdarsteller verbindet.

Selten hörte man einen so kraftvollen und energischen Tenor-Bariton wie den von Zvetan Michailov, der damit ein völlig anderes Persönlichkeitsbild sehen ließ, als es wohl auf den sensiblen und weltfremden Dichterjüngling in Wirklichkeit gepasst hätte. Denn dieser Chénier flieht nicht in die Sicherheit des Auslands, weil er auf die Liebe von Madeleine hofft, sondern weil er und der Verfolgten und Verfemten Sicherheit und Hilfe bieten will. Dass er von seinem alten Freund Gérard verraten und durch dessen Helfershelfer denunziert werden wird, ahnt er natürlich nicht.

Und Atanelis Gérard bezwingt mit seinem fulminanten Bariton mühelos und ausdrucksvoll Raum und Zeit - und sich selbst, als er schließlich über menschlichen Machtstreben und die daraus entspringende Gewaltherrschaft triumphiert. Neben dem vollen dramatischen, sich in triumphierenden Schwingungen ausdehnenden Sopran Maria Guleghinas funkelt hell und klar Ulrike Helzels glitzernder Sopran. Dunkelglühend und aus tiefstem Herzen dringt das Leid von Madelon (Ute Walther) im Namen aller Mütter dieser Erde zu uns, die dem Bürger Gérard ihren letzten Enkelsohn für die Todesmaschinerie des Freiheitskampfes übergibt.

Die Bühne wird beherrscht von einer ebenen und einer angehobenen Fläche, auf der sich zuerst die adelige Gesellschaft tanzend vergnügt und später der monumentale Kopf Marats als schreckliche Maske drohend herrscht. Unter der Fläche lauern Spione, die hier Geisteswächter heißen und das blutrünstige Straßenproletariat (wie immer als glänzender Chor!) sowie in deren Schatten die Verfolgten und Geächteten. Davor, im Halbdunkel oder von hellem Lichtstrahl verfolgt die Protagonisten. Auf der Bühne ist es wie im wirklichen Leben; wer abseits steht, wird nur schwer verstanden. Aber das ließe sich ja ändern. A.C.