Aufstieg und Fall
der Stadt Mahagonny

von Kurt Weill
und Bert Brecht

 

  

Abgesang auf einen Menschheitstraum 

oder

Der Tag, an dem Jakob Schmidt in die Torte fiel

 

  

Deutsche Oper

Wiederaufnahme 2006

Musikalische Leitung:
David Stahl
Inszenierung:
Günter Krämer
Spielleitung:
Gerlinde Pelkowski
Bühne und Kostüme: Gottfried Pilz, Isabel Ines Glathar
Choreographische Mitarbeit: Darrel Toulon
Chöre Hellwart Matthiesen
Mit Leokadja Begbick: Karah Armstrong, Fatty, der Prokurist: Burkhard Ulrich, Dreieinigkeitsmoses: Günter Missenhardt, Jenny Hill: Nicola Beller Carbone, Jim Mahoney: Robert Brubaker, Jakob Schmidt: Clemens Bieber, Bill: Markus Beam, Joe: Harold Wilson,Tobby Higgins: Paul Kaufmann

 

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 Inmitten der Wüste Nevadas? (dunkle Bühne vor gelblicher Wand) gründen drei Gauner - Fatty, der "Prokurist", der Dreieinigkeitsmoses und die Witwe Begblick - eine neue Stadt, eben Mahagonny, in der sie mit Prostitution und Glücksspiel ein Fangnetz für die durchziehenden Goldgräber auswerfen. Und diese tapsen in großer Zahl auch hinein. Aber hin und wieder kommt auch ein "anständiger " Mann wie Jim Mahoney vorbei, ein Holzfäller mit einem ebenso kräftigen Tenor, und verliebt sich - vermutlich auch in den kristallklar ausschwingenden Sopran der hübschen Jenny, eines der käuflichen Mädchen. Er verzweifelt an dem sinnlosen, verbrecherischen Treiben, das in der Stadt herrscht. Er will fort, doch Jenny hält ihn magnetisch fest. Als sich ein Hurrikan nähert und droht, die Stadt zu vernichten, gibt sich alles in Endzeitstimmung dem zügellosen Leben hin. Erlaubt ist, was gefällt: die strengen Gesetze der Dreiermafia -  die ja immerhin, wenn auch mit harten Mettoden, für Ordnung sorgten - sind aufgehoben, Schlägerei, Mord, Falschspiel, Korruption ziehen jetzt ihre vernichtende Bahn. Auch Jim, der erst einem Freund sein Geld leiht, dann den Rest mit Kumpels vertrinkt, wird ein Opfer dieser zügellosen, egoistischen Gesellschaft; denn er wird seiner Schulden wegen zum Tode verurteilt - weil er kein Geld hat: die größte Sünde in dieser Stadt, über der zeitweilig ein schwarz-rot-goldener Baldachin allzu aufdringliche Interpretation erheischt.

Die eher puristische Mädchengruppe aus der Amüsementtruppe ist trotz der  biederen Kittelkleidchen und den wahnsinnig erotischen roten Pumps sehr hübsch anzusehen und zu hören. Ihre Freier stehen mehr steif und linkisch in ihren feinen Anzügen herum, folgen den Waschgeboten des safer Sex und saufen, fressen und raufen sich um Liebe, Geld und Leben. Zuletzt hängt der arme Jim wie Christus am Kreuz, umwickelt von Seilen und der Liebeslüge Jenny's, die sich längst mit einem anderen Galan geeinigt hat. Gemeinsam mit der emsigen Witwe, die mit Karan Armstrong hochgradig körperliche und gewohnt stimmliche Präsenz sowie echte Führungsqualitäten zeigt!, wird Jenny sich ihres alten Mannes, der sich "Gott" nennt und ergebnislos das Gute sucht, sowie aller anderen Männer erledigen und mit einem Koffer voller Geld davonziehen. Ende und Abgesang - noch einmal in unheimlicher Formation der Frackmarionetten, die Mahagonny und alles um sich herum im Revolutionsmarsch zu Tode stampfen.

So zügig, so temperamentvoll, aber auch so zärtlich und poetisch führt David Stahl das Orchester durch die mit vielen kompositorischen Variationen und formalen Kunstmitteln gemixten Oper Kurt Weills, dass es eine Freude ist. Ein langer Abend zwar, aber da Weill ohnehin stets frappierende Abwechslung bereithält und Neues - damals, 1930, für seine Zeit und Zeitgenossen Schockierendes - ausprobierte, wird auch der episch ausgedehnte, inszenatorisch nicht allzu aufregende 3. Akt erträglich. Zumal Kurt Weill erstmalig in diesem Werk Oper und Singspiel (Dreigroschenoper), mit populistischen Gassenhauern, symphonischen Passagen und klangvollen Chören von Verdi-Format, sakrale Elemente und romantisch-freche Revolutionssongs spannungsreich und schlagkräftig aufeinanderprallen läßt. Das erfordert schnell wechselnde Tempi, mentale und technische Umstellung für Musiker und Sänger gleichermaßen, die sich auf rasch wechselnde Emotionen einlassen müssen. Der Regisseur muss einen ebenso schnell wechselnden Ablauf diktieren, um Text und Musik ihrer jeweiligen Intention entsprechend in bühnenwirksame Aktionen und Bilder umzusetzen.

Da gibt es in Krämers Inszenierung von 1999 allerdings nicht so sehr viele neue Stilmittel, zumal die damals als schockierend gedachten  Einfälle mittlerweile andernorts von drastischeren Regieangeboten überholt wurden. Auch der Angriff auf eine überbordende Konsumgier des deutschen Kapitalismus, jetzt nur noch zaghaft angedeutet, zündet nicht mehr. Auch Stühle als Metapher für das Chaos benutzte schon Ruth Berghaus, und das war niemals so richtig schockierend. Man hat sich an so vieles gewöhnt. Überwiegend bestimmen also Gesangspartien und rhythmische Bewegungsabläufe des großen Chors, der im Kontrast zum strengen Frack mit Mickey-Mouse-Masken das Unisono der Masse kennzeichnet, den Ablauf der aus Gedankenspielen zusammengepuzzelten Handlung.

 

Diese ist, wie bei Brecht üblich, politisch eindeutig, sozialkritisch kämpferisch sowie in der Quintessenz negativ und deprimierend. Die Schlechtigkeit des Menschen dominiert - das ist der große Klageruf. Allerdings haben beide Meister ja die göttliche Gabe des Humors, und dieser ist es letztlich, der die Distanz und Abstraktion schafft und damit die Möglichkeit zur bewussten Reflexion. Zumal hier Brecht und Weill ja eng zusammengearbeitet haben, und jeder auf die Schöpfung des anderen stark eingegangen ist. So stehen denn auch die radikalen Elemente, die das gesellschaftliche Drama aufgreifen neben den kabarettistischen Liedern und humorvollen Moritaten, die das Ganze zur großen Oper verbinden oder - wie in dem Abgesang von Jenny's Liebe zu Jim im 3. Akt - zur zärtlichen Anti-Poesie: der traurig dahin fliehenden Illusion von Liebe und Treue - und einer gerechten Gesellschaft, "die weiß, woran sie sich halten kann".