Cabaret

von

Joe Masteroff

 nicht mehr im Programm

  "Wach auf - die Party ist vorbei" 

  

Bar jeder Vernunft

nach dem Stück "Ich bin eine Kamera"
von John van Druten

und den autobiografischen Erzählungen "Leb wohl Berlin" und "Mr. Morris steigt um"
von Christoffer Isherwood

Musik von John Kander

Gesangstexte Fred Ebb

Deutsch von Robert Gilbert

Regie und Choreografie: Vincent Paterson

Dramaturgie: Julian Kamphausen

Bühne: Momme Röhrbein

Als propere Revuegirls hüpfen auf der kleinen Bühne, mit allerlei Tand und Flitter dekoriert ( Kostüme: Nicole von Graevenitz) ,die Kit-Kat-Girls Stefanie Dreyer, Maja Pihler, Cora Wüthrich und Meike Leismann, gut gelaunt und schwungvoll nach guter alter Manier herum - auch eine männliche Dame ist dabei.

Weitere Darsteller: Torsten Stoll, Marco Billep, Michael Kargus, Käthe Be

Broadway-Erfolgsmusical;

Verfilmung mit Bob Fosse und Lisa Minelli,

zuletzt in Berlin am Theater des Westens;

 

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 Wie bereits zu lesen war, hat die "Bar jeder Vernunft" die Spielzeit   von "Cabaret" um zwei Monate verlängert - also bis Ende April. Das enge Spiegelzelt der Bar ist jeden Abend bis auf den letzten Platz besetzt, und es empfiehlt sich, rechtzeitig Karten vorzubestellen.

Worin nun liegt das Geheimnis dieses - in Wahrheit- mehr als hausbackenen Musicals, in dem der junge Amerikaner Clifford nach Berlin kommt, mittellos und unbedarft, sich als Schriftsteller outet und sich damit sofort mittendrin im Amüsierbetrieb zweifelhafter Nachtlokale befindet. Eine nette alte Wirtin namens Fräulein Schneider (so höflich war man dazumal) nimmt ihn bei sich auf (in wechselnder Besetzung: Angela Winkler und Maria Körber). Bei ihr tummeln sich noch so allerhand andere Typen, von denen sie eigentlich gar nicht so recht weiß, was die so treiben. Die eine, Fräulein Kost (lässig burschikos - Margarita Broich - sehr viel spritziger allerdings im Maxim-Gorki-Theater in "Damen der Gesellschaft"), liebt jeden Matrosen, der sich in Berlin blicken lässt (wo kamen die bloß alle her?), die andere, Sally, weiß sich gleich den Newcomer selbst zu angeln, zumal sie gerade ohne Bett und Wohnstatt ist... Sally war bisher der Star des leicht heruntergekommenen Kit-Kat-Klubs, dessen Besitzer die Aufmüpfige kurzerhand gefeuert hat.   Nun bezirzt sie verführerisch werbend wie energisch handelnd den armen Cliff und setzt ihn ruckzuck schachmatt. Ach ja, und das nette Fräulein Schneider hat auch einen liebenswürdigen Verehrer, nämlich den Herrn Schultz. Dieser ist ein reizender Gentleman-Gemüsehändler und beglückt seine Angebetete mit einer großen Ananas - das war einmal eine wertvolle Liebesgabe...
Als wackere Revuegirls hüpfen auf der kleinen Bühne, mit allerlei Tand und Flitter dekoriert ( Kostüme: Nicole von Graevenitz) ,die Kit-Kat-Girls Stefanie Dreyer, Maja Pihler, Cora Wüthrich und Meike Leismann, gut gelaunt und schwungvoll nach guter alter Manier herum - auch eine männliche Dame ist dabei.

Es ist also schon etwas Sonderbares, in diese schlicht-schwüle Atmosphäre der ausgehender 20er Jahre einzutauchen, sich genüsslich zurückzulehnen und dann plötzlich eine Geschichte zurückzuholen, die man eigentlich nur noch vom Hörensagen kennt. Die Verklärung der ebenso schillernden wie armseiligen Zeit nimmt ein jähes Ende, als das Manifest "Mein Kampf" des zunächst noch unbekannten Adolf Hitler erscheint - doch die Folgen sind bereits sichtbar und spürbar: Bisherige Freunde und Bekannte verwandeln sich plötzlich in Nazis, werden zu unerbittlichen Überwachern, Schlägern, selbst ernannten Hütern von Recht und Ordnung und Rassereinheit... Da hört denn auch der Spaß für den plötzlich aus seinen Träumen erwachten Cliff auf, und er will seine Sally mit "nach Hause" nehmen. Nur, dass für Sally nicht Amerika das Zuhause ist, sondern Deutschland. Das lässt einen tragischen Ausgang ahnen. Und es ist vielleicht auch lehrreich, noch einmal jene frühen Jahre mit den Augen eines Schriftstellers und Ausländers zu sehen: Er bestätigt die Naivität, die Gutgläubigkeit vieler Menschen, die damals dachten, der braune Spuk werde schon schnell vorüberziehen - Politik sei kurzlebig, ja das dachten wohl viele. Ein sehr ernstes Thema also, das dem unbeschwert erscheinenden Tingel-Tangel-Spiel ein vorläufiges Ende und allen die Einsicht beschert, dass das Leben eben nur an seiner Oberfläche ein fortwährendes Cabaret ist.

Eine ausgezeichnete Vier-Mann- Band unter der Leitung von Adam Benzwi trägt musikalisch ein an Niveau bei. Maria Körber und Peter Kuck geben dem älteren Liebespaar sehr viel Anrührendes, ohne rührselig zu sein, und die fesche Sally Bowles alias Anna Loos-Liefers zeigt soviel Härte und karrierebewusste Kälte, dass Guido Kleinadam als verliebt-hilfloser Cliff mit unserer vollen Sympathie rechnen darf. Einen schrägen Typ dagegen, dem man nicht so recht trauen kann, flitternd und flatternd, spielt Eric Rentmeister, kahlköpfig, ein bisschen tuntig und als Conferencier des schrägen Kit-Kat-Klubs genau richtig. A.C.