Carmen

von
Georges Bizet

 

 

Keine Katze für Kuschelstunden

 

 

Deutsche Oper

Opéra Comique in vier Akten

nach einer Novelle von Prosper Mérimée; von Henri Meilhac und Ludovic Halévy

in französischer Sprache mit deutschen Untertiteln

 

 
  Carmens Schicksalsmusik erhebt sich voller Dynamik und Sinnlichkeit, und die Ouvertüre läßt kraftvoll  - jenseits aller betörenden Harmonien - bereits den tödlichen Verlauf einer Liebesleidenschaft ahnen, die der französische Komponist mit   genialer Dramatik ins heißblütige Spanien übertragen hat. Der unbeschwerte, ernsthafte Soldat José wird von den Reizen der wilden schönen Zigeunerin Carmen wie ein Insekt im Spinnennetz eingefangen und bis beinahe bis zum letzten Atemzug erdrückt; sein Herz kann sich aus dieser archaischen Gefangenschaft nicht mehr befreien. Es ist ein Drama, wie es in der Musikgeschichte kein zweites Mal zu finden ist, und obwohl immer wieder, in allen Opern, Schauspielen und in der großen Literatur Liebe und Tod in allen Variationen verewigt werden, bleibt Bizets Carmen unerreicht.

Man kann diese Oper, die heutzutage sicher in der Hand eines Andrew Lloyd Webber hervorragend aufgehoben wäre, nicht zu oft ertragen; leider, denn ihre Musik ist dermaßen zum allgemeinen Liedgut avanciert, dass es schon wundert, wie großartige Sänger es immer wieder vermögen, diesem Werk neuen Atem einzuhauchen, es vom sonntäglichen Wunschkonzertniveau zu befreien und ihm eine grandiose, unverbrauchte Dynamik jenseits aller Gassenschlager zu verleihen! So tief und so ergreifend sind Leidenschaft und Liebesverlust, das man diese große Komposition einmal für ein paar Jahrzehnte fortschließen möchte, um sie vor Abnutzung zu bewahren.

Die deutsche Oper hat das getan, und erst jetzt die Inszenierung des   bedeutenden Filmregisseurs Peter Beauvais aus dem Jahr 1979 wieder aus der Versenkung geholt. Man sollte das dankbar zur Kenntnis nehmen, denn eigentlich sollte diese Oper neu inszeniert werden, doch Dimitri Gottschef mußte aus Krankheitsgründen absagen, woraufhin man sich der Treue zum alten Werk besann. Doch standen glücklicherweise ein frisches Orchester mit einem dynamischen, unverbrauchten Dirigenten sowie fantastische Stimmen im eigenen Hause und weltberühmte Gäste zur Verfügung. Dass die antiquierten Bühnenbilder eher weniger störten als eine vielleicht moderne üblicherweise im reinem Schwarz-Grau gehaltene schlichte Fläche ohne belebendes Interieur, ist dann doch zu bedenken. Ob der Chor der Straßenkinder im süßen Unschuldsweiß (nur die Mädchen!) daherkommen muss, und die Damen des Chors in bäuerlich-bayrisch biederen Miederkorsagen - was allein Carmen als erotisches Mittel  gut ansteht - ist fraglich; auch sind die Bewegungen zumeist steif und statisch und erinnern an alte Opernzeiten, als allein Gesten und Stimme für eine szenische Darstellung ausreichten. Auch die auf Carmen zugeschnittenen verführerischen Melodien und rhythmisch mitreißenden Freiheitstänze werden von der entzückenden Angelika Kirchschläger weniger lasziv als mit den Armen hart rudernd und herausfordernd dargestellt; auch bersten ihre Freundinnen nicht vor Temperament, sondern betören eher durch Zärtlichkeit die Sinne der Soldaten - das alles ließe sich ohne Zweifel aufpeppen und dynamischer, unheimlicher, unheilvoller gestalten, weniger romantisch versponnen.

Also, die Kulissen sind es nicht, die Inszenierung auch nicht, die diesmal das Publikum restlos begeistern: es sind einzig und allein Orchester und Sänger, Chor und Solisten, die aus diesem Abend ein großes Klangfest machen und der deutschen Oper endlich wieder zeigen, wo sie eigentlich zuhause ist und wie sie bei ihren Anhängern punkten kann. Alle Versuche, es der unbeschränkten, selten erfolgreichen Inszenierungswut der Komischen Oper nachzutun, indem man Namen holt, die oft nur Schall und Rauch sind, aber an einer experimentellen Opernbühne eben gut ihren Platz finden können, sollten eben auch dort belassen werden.

Es gibt ohne Frage genügend außerordentlich einfallsreiche Opernregisseure, die hier den Staub des Repertoires fortfegen könnten und - indem sie den Extrakt der immer frischen Kunst in einen zeitgemäßen Rahmen stellen. Denn das ist doch die entscheidende Frage, die über aller Kunst steht: sollte es wirklich nirgendwo mehr eine verführerische, freiheitsliebende, betörende Carmen geben, einen liebesblinden, artig-wohlerzogenen jungen Mann à la Don Jose, der solchem Weib nicht annähernd gerecht werden kann oder einen Macho wie den Torero Escamillo, der damals wie heute als Sinnbild des Siegers im Stierkampf (Mensch gegen die Naturgewalt) absolute Männlichkeit, Mut, Trotz, Selbstbeherrschung und Willenstärke verkörpert - Eigenschaften, mit denen er auch ein Weib wie Carmen besiegt? 

Also, das zur Inszenierung. Yves Abel läßt von Anfang an keinen Zweifel daran, wer hier das Sagen hat, und er lenkt Orchester und Sänger mit eben der Leidenschaft durch das Dickicht der exotischen und erotischen Verwirrungen, dass jede Arie, jedes Duett, Terzett, jeder Chorgesang mächtig und sehnsuchtsvoll wie aus einer geheimnisvollen Tiefe neu entsteht und zu hoher Perfektion emporsteigt. Angelika Kirchschläger ist eine aufreizende, entzückende kleine Person, die sich schlangenhaft tänzelnd an eben jenen Soldaten heranwindet, der sie, als die Mädchen aus dem Fabriktor in den Feierabend hinausschwirren, zunächst nicht beachtet. Frau Kirchschläger ist allerdings nur ansatzweise die Frau, die erobern, die siegen muss, die ihrem Körper alle Unbändigkeit und ihrer Seele alle Unabhängigkeit zugesteht, die ihre Lebens- und Sinneslust ausmacht. Das Herz und die Liebe werden als Worte viel benutzt - das ist Franzosen Art. Aber was Carmen und auch José in dem Spiel zueinander treibt, ist pure Lust, sind Adrenalinschübe mit dem Gewicht einer Bombe und der Kraft einer Explosion. Der Verstand hat weder bei Carmen noch in der gesetzesfernen Räubergesellschaft einen Platz, man lebt vom Zufall, bemüht, sich mit Tricks und Finessen, Charme und Gewehren den Schlingen der Justiz und dem Zwang einer gesellschaftlichen Ordnung zu entziehen.

Ein dermaßen zivilisierter, jäh zu einer ungeahnten Leidenschaft erwachter Mann wie Don José ist natürlich ein willenloses Opfer für solch ein Teufelsweib oder eine Evastochter - aber man weiß ja leider bis heute nicht, wie sich Frau Eva im Paradies nun eigentlich wirklich benommen hat... Die Urgewalt der Anziehungskraft jedenfalls kennt kein Erbarmen, ja, sie treibt den armen José vollends in den Wahnsinn als sich Carmen seiner mit brutalen Worten entledigt und seine Eifersucht mit der Wut einer Tigerin anstachelt, die man in Ketten legen will. Dann lieber tot als unfrei sein. Massimo Giordano, der durchaus kein weichlicher, unentschlossener Liebhaber ist, sondern jemand, der Moral und Würde, Pflicht und Sohnesliebe gewissenhaft in sein Leben eingeordnet hat und durchaus seinen Mann in diesem Dasein steht, ist der Begegnung mit dem weiblichen Vulkan nicht gewachsen. Und seine Liebe ist von Anfang an leid- und sehnsuchtsvoll und von Kurzlebigkeit bedroht; denn schon sehr schnell tritt sein Nachfolger auf: ein körperlich und stimmlich starkes und attraktives Mannesbild, das gewohnt ist, zu herrschen, siegesgewiss, souverän-kontrolliert, in seinem öffentlichen Auftritt ein König in der Manege, der eintaucht in die ihm entgegenbrandende Gunst der Masse. Raymond Aceto ist ein sehr moderner Typ und toller Gegenpart - wie ihn sich Bizet sicherlich gedacht hat, und wie er in dieser Besetzung zwischen Bass und Bariton nicht ganz eindeutig zu erkennen gibt, wer er eigentlich wirklich ist. Nur dass er Carmen erobern wird, das weiß er - und auch Carmen weiß dies ganz genau. 

Reizend singen Carmens Freundinnen, die beliebte Ulrike Helzel als Mercédès und Burcu Uyar als Frasquita, während Michaela Kaune als Josés Jugendliebe Micaela nicht nur die letzten Grüße seiner sterbenden Mutter, sondern auch ihr eigenes zärtlich klagendes Liebeswerben wohl dem hingerissenen Publikum, nicht aber dem verblendeten José vermitteln kann. Kraftvoll agieren die anderen Soldaten und Zigeuner, die keinen Zweifel aufkommen lassen, dass hier kein Platz für Samtpfötchen und Kuschelstunden ist, sondern sich  raue Wirklichkeit zwischen zwei sehr verschiedenen Welten abspielt. A.C.