Cassandra

von
Vittorio Gnecchi(1876-1954)

Elektra

von
Richard Strauss (1864-1949)
 

Ein musikalischer Blutrausch

- Die Rache gebiert ihre Kinder


Deutsche Oper Berlin

Musikalische Leitung: Leopold Hager

Inszenierung: Kirsten Harms; Bühne und Kostüme: Bernd Damovsky; Dramaturgie: Andreas K.W. Meyer; Chöre: William Spaulding; Choreographie: Silvana Schröder

Der Chor der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung von William Spaulding

Sänger in "Cassandra"::

Agamennone: Gustavo Porta,  Clitennestra: Susan Anthony Cassandra: Malgorzata Walewska, Egisto: Piero Terranova, Il Prologo: Alfred Walker, Una voce sola: Julia Benzinger, Una vecchia: Sarah Ferede

Sänger in "Elektra":

Klytämnestra: Jane Henschel, Elektra: Jeanne-Michèle Charbonnet,Chrysothemis: Manuela Uhl  Aegisth :Burkhard UlrichOrest: Alfred Walker, Der Pfleger des Orest: Ante Jerkunica, Die Vertraute: Sarah Ferede, Schleppträgerin: Anna Fleischer, ein junger Diener: Paul Kaufmann, ein alter Diener Jörn Schümann, Die Aufseherin: Stephanie Weiss  1. Magd Nicole Piccolomini  2. Magd Julia Benzinger, 3. Magd Ulrike Helzel, 4. Magd Andion Fernandez, 5. Magd Burcu Uyar

Auch das Programmheft sollte ausreichend gewürdigt werden!

Kurz erinnert::

Agamemnon opfert die Tochter Iphigenie, um die Götter für seinen Feldzug gegen Troja gnädig zu stimmen; Klytämnestra, seine Gattin, erschlägt den Ehemann nach seiner Rückkehr, Orest, beider Sohn erschlägt Mutter und Liebhaber und flieht fortan vor den Erynnien, die seine Schwester Elektra in den Wahnsinn getrieben haben;   Der Götter und des Schicksals Mächte geben keine Ruhe bis das Geschlecht der Atriden ausgerottet ist. So schrieb man in der Antike Mythen und Märchen.

 
 
Menschenopfer, Kinder- und Gattenmord, Schicksale gelenkt von den unberechenbaren Göttern des Olymp, Blutrache und Blutrausch, Kriegsgemetzel um Gold und Geld, Helden des Tötens, Verirrte, Verwirrte - so schrieb die Antike ihre dramatischen und drastischen Epen, zumeist in Versmaß, gewaltig wie das Leben und die Macht  eines unausweichlichen Schicksals.

In die Mythologie des Herrscher- und Heldengeschlechts der Atriden gehören die erschütternsten Geschichten, die von vielen großen Dichtern für die Bühne geschrieben und von vielen Komponisten für ein fasziniertes Publikum immer wieder neu vertont wurden. Den Dramen angemessen, schreitet die Tragödie menschlicher Leidenschaften wie ein Orkan über Bühne und Zuschauer hinweg, tobt und wütet wie im Rausch der Apokalypse, läßt die Wände und Trommelfelle bersten, dringt bis in die tiefsten Poren aller Sensitivität und läßt anschließend ein ermattetes Publikum zurück, dass dann doch dankbar ist, dass das Wüten und Morden nun ein Ende hat. Jedenfalls bis die nächste Tragödie auf dem Programmplan steht.

Um der Tiefe und Inbrunst der Wörter und der noch sehr in der Romantik verhafteten Musik ihre volle, von jeglichem antikisierenden Kulissenzauber unbeeinträchtigte Entfaltung zu garantieren, fängt Kirsten Harms in Gnecchis Komposition (Libretto: Luigi Illica) das Tosen der Gefühle mit einer gleichermaßen schweren wie auch zurückgehaltenen Fassade auf: Große breite vergoldete Wände verschieben sich, lassen Hof und Vorraum frei und bereiten den Sängern ein weites Spielfeld. Sopran- und Alt-Chöre werden auf die zweiten Balkone placiert, und erzeugen damit einen weiten räumlichen Widerhall. Die Baritone und Bässe bleiben an den Seiten des Orchestergrabens - bewusst im Halbdunkel des sich anbahnenden Geschehens gehalten.  Da kommt der die Handlung begleitende Gesang des griechischen Chores, seine preisenden Gesänge und Wehklagen direkt aus dem diffusen Volke. Ganz in schwarz und weiß, die Gesichter und Haare maskenhaft hell geschminkt, die Bewegungen  marionettenhaft starr, kommentiert der Chor, was sich bei der Ankunft des umjubelten Agamemnon und später im Herrscherhaus vollzieht: Klytämnestra, die weder den Mord an der kleinen Tochter, noch die lange Abwesenheit des Gatten verkraftet hat, sinnt seit der Ankündigung seiner Wiederkehr auf Rache; Sie ist Ägisth, ihrem Liebhaber und Tröster in den vielen Jahren, die Agamemnon sie zurück ließt, in unbändiger Leidenschaft verfallen. Und sie weiß in aller Klarheit: in der zwingenden Ordnung jener Zeit ist sie nicht länger gottgleiche Königin, sondern eine Ehebrecherin, eine Buhlerin, eine Frau, der Verbannung oder gar der Tod droht.

Kirsten Harms zeichnet Clitennestra (Susan Anthony) als blonde  Sirene, als Monroeverschnitt; mit langen platinhellen Locken und in kurzem kleinen Schwarzen sucht sie hilflos, hysterisch und völlig außer sich den Beistand ihres Liebhabers, wirft sich in die steifen Arme des Egisto (Piero Terranova), der seine Hände nur kurz und ungern für eine tröstende Umarmung aus den Hosentaschen entfernt. Der Chor bescheinigt ihm zwar Traurigkeit und Tränen, doch hat er innerlich längst die Flucht ergriffen; als Ehebrecher (und Kriegsverweigerer) weiß er genau, was ihn erwartet, wenn niemand handelt. Und er kann sich dessen gewiss sein: Clitennestra wird hasserfüllt die Rache an dem Mörder ihres ersten Kindes Iphigenie vollziehen! Und sie schwingt von Anfang an das große, schwere, blutgetränkte Schlachtbeil in den Händen, so dass einem die Noten kalt den Rücken hinunterrieseln.

Furios ist bereits der Auftakt des Orchesters, furios bleibt die Musik während des einstündigen Spiels, drohend und unheilverhündend und doch auch immer wieder innehaltend, um Augenblicke der Zärtlichkeit, der Ruhe, des Hoffens wie Seifenblasen tanzen zu lassen. Momente der blinden Rückbesinnung auf ihre frühe Liebe bei dem stattlichen, vom Blut der Schlachten gekennzeichneten Agamennone (Gustavo Porta mit voluminösem Tenor), die ihn allerdings die Realität nicht sehen lassen, tragen bereits einen schweren tragischen Unterton. Nur seine Sklavin Kassandra (Matgorzata Walewska), Tochter des Troer-Königs Priamos und seiner Gattin Hekabe, warnt den Helden, von dunkler Ahnung gequält: Tod ist ihre erste Vision bei der Rückkehr, und sie meint nicht ihren eigenen, der nach ihrer zweiten Weissagung, in der sie mit erschütterndem Schrei den Namen Orests ausstößt, besiegelt ist. Tod, Mord, Unheil - das Grauen schwillt auf und ab, die Gewalt zieht wie ein Tornado durch den Orchestergraben, schwingt sich wie das geballte Böse in die Luft, streift kalt über Bühne und Zuschauer, bannt den Chor, vernichtet Liebe und Lust, Zärtlichkeit und Hingabe, zerstört erbarmungslos alle Menschlichkeit. 

Von beeindruckendem Format ist die Clitennestra Susan Anthonys, deren Schicksal diese Oper eigentlich gewidmet ist; ihre Körpersprache und ihre weit ausschwingende Stimmbrisanz fügen sich zu einer geschlossenen Persönlichkeit. Diese Frau ist keine eigentliche bösartige Mörderin, obgleich sie sich zunehmend in eine Furie zu verwandeln scheint. Doch entgegen der musikalischen Nachfolge eines Richard Strauss behauptet Vittorio Gnecchi  noch eine eigene, sich abgrenzende Melodik und Harmonie, die einer differenzierten Gefühlswelt genügend Entfaltungsmöglichkeiten gibt.
Die Person Kassandras aber steht für das unglaubliche Moment in der griechischen Mythologie: Es ist die Inkarnation der Vorhersage, des Sehens, des Ahnens um den ewigen Neid der Götter und die Schwachheit der Menschen, ihre Blindheit, der Warnung zu glauben.. Kassandra, die Seherin, ist das Gewissen, ist das Vorhersehbare, das sich für den Menschen noch im Dunkel der Zukunft verbirgt, weil er eben nicht den Göttern gleicht, sondern schuldhaft seinem Schicksal nicht zu entgehen vermag. In dem dunklen tiefen Mezzo der Waleska bricht sich das Orakel der Kassandra drohend und schwelend, aus der   Tiefe des Unbewussten heraufsteigend wie eine sich aufbäumende Welle, warnend seine Bahn, um am Ufer der Unwissenden unverstanden auszulaufen. Die spannendste Szene, nämlich die seherische, hysterisch-angstvolle Vision Kassandras, die außerhalb des Palastes inmitten des Volkes ihre düsteren Vorahnungen gepeinigt verkündet, während innerhalb das todbringende Freudengelage zu Ehren Agamemnons die Sinne aller beraucht, ist arg zusammengestrichen. Schade, denn bei Strauss' Elektra, demzweiten teil dieses Abends, hätte man dafür ruhig auf einige anstrengende Passagen verzichten können.

Das gewaltige goldene Bühnentor bleibt auch in der zweiten Oper bestimmend, nur das jetzt der Vorhof der Burg mit schwarzem Sand gefüllt ist - und wer einmal über schweren Dünenstrand gelaufen ist, weiß um die Anstrengung, sich darauf fortzubewegen. Hier müssen die Sänger sich durch den lockeren Boden und harte kompositorische Aufgaben kämpfen, und dass die arme Elektra (Jeanne-Michèle Charbonnet) am Ende kraftlos nieder sinkt, kann man aus mehreren Gründen gut verstehen. Zum einen hat sie ihren endlich, zunächst noch inkognito heimkehrenden Bruder Orest (Alfred Walker) angesichts ihres erbarmungswürdigen seelischen und körperlichen Zustands kaum noch zu überreden brauchen, das verhasste Herrscherpaar Klytemnästra und Aegisth zu töten, zum anderen hat sie sich durch Wahn und Hass anderthalb Stunden pausenlos hindurchgewütet, schwerste tonale Anforderungen gemeistert und mit schöner, schwerer, erddunkler Stimme die Herzen ihres Publikums aufgewühlt.

Unbändig ist ihr Hass auf die buhlerische Mutter-Mörderin, kindlich und wahnhaft verzückt zeigt sich die Liebe für den gemordeten Vater, fokussiert auf einen einzigen Moment ihres Lebens: die Rache durch Orest zu vollziehen. Klanghell und schneidend wehrt sich die Schwester Crysothemis (Manuela Uhl) gegen den Mord an der Mutter, verzweifelt ringt sie in wahrlich höchsten Tönen um ihrer beider Leben, fleht und fordert Elektra mit gleicher Inbrunst und Leidenschaft, den Ort der Gefangenschaft zu verlassen und vor Vergangenheit und Gegenwart zu fliehen. Vergebens, Elektra weiß um den Auftrag der Götter, den Fluch  zu vollziehen.

Gemein ist die Aufmachung der Klytämnestra in diesem Spiel; flirrte sie zuvor schlank und schön und betörend, eine glutvolle Liebhaberin und eine gnadenlose Rächerin, so schwingt jetzt Jane Henschel in dieser Rolle das schwere Henkersbeil als Krücke für ihre Fülligkeit, verunstaltet mit strähniger weißer Perücke und flatterhaftem roten Federboamantel. Grell und grässlich geschminkt, zeigt sie die Karikatur einer verfallenen Bordellmutter, kreischend, vulgär und jämmerlich in ihrer Angst vor bösen Träumen, bereit, den Göttern jedes Opfer darzubieten, das sie von ihren Albträumen befreit. Jede Folter, jeder Mord wären ihr recht; Beinahe plaudern stehen sich Mutter und Tochter im schwarz düsteren Schlamm des Hinterhofes gegenüber, knöcheltief begraben im tiefen Sumpf ihrer  Leidenschaften; fast nette Tochter hört Elektra der Alten wortlos zu, während diese über ihre schlaflosen Nächte klagt und um Hilfe wimmert. Doch dann läßt Elektra den Blitz des Hasses in das Dunkel ihrer Verwirrung einschlagen! Oh Wut, oh Weh - dass der einzige Tod, der die Nachtmaren vertreiben könnte, ihr eigener sei, das versteht Klytämnestra wohl; aber wer hört das schon gerne. Da ist wohl eher der Tod der Tochter besiegelt.

Orest taucht nicht nur aus dramaturgischen Gründen rechtzeitig auf, sondern, weil es vor allem die Götter so wollten. So vollzieht sich, was sein muss. Gemeinsam mit seinem Freund dringt er in den Palast ein, um an der Mutter zu vollziehen, was ihm das Schicksal vorgeschrieben hat. Aegisth erscheint im Normalanzug des modernen Herrschers, was bei aller inszenatorischen Pointierung nun doch sehr aus dem Bild fällt, und wird mit süßen Worten der Reue von Elektra ins Haus des Todes getrieben...

Strauss-Liebhaber werden dieser Aufführung, die nur selten Gelegenheit hat, in stillen Passagen zu verharren, ebenso atemlos folgen und nicht eine Note missen wollen. Ob der schwülstige Text von Hugo von Hofmannsthal dann nicht doch zu zähflüssig ist und jegliches Blut gerinnen läßt, darüber gibt es sicher verschiedene Ansichten. Ob nicht der tosende musikalische Wasserfall aber mit ein paar Staudämmen gebremst werden sollte, wäre eine Sache des Dirigats des temperamentvollen Maestro. Und es ist bewundernswert, über welches Potential alle Sänger verfügen, um sich gegen diese monumentalen Klangwogen in einem ständig Höhen und Tiefen wechselnden Sprechgesang zu behaupten! Emphatischer Beifall, ewig lang, für alle Beteiligten. A.C.