|
Cassandra
von
von |
Ein musikalischer Blutrausch - Die Rache gebiert ihre Kinder |
|
|
Musikalische Leitung: Leopold Hager Inszenierung: Kirsten Harms; Bühne und Kostüme: Bernd Damovsky; Dramaturgie: Andreas K.W. Meyer; Chöre: William Spaulding; Choreographie: Silvana Schröder Der Chor der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung von William Spaulding Sänger in "Cassandra":: Agamennone:
Gustavo Porta, Clitennestra:
Susan Anthony,
Sänger in "Elektra": Klytämnestra:
Jane Henschel, Elektra:
Jeanne-Michèle Charbonnet, Auch das Programmheft sollte ausreichend gewürdigt werden! Kurz erinnert:: Agamemnon opfert die Tochter Iphigenie, um die Götter für seinen Feldzug gegen Troja gnädig zu stimmen; Klytämnestra, seine Gattin, erschlägt den Ehemann nach seiner Rückkehr, Orest, beider Sohn erschlägt Mutter und Liebhaber und flieht fortan vor den Erynnien, die seine Schwester Elektra in den Wahnsinn getrieben haben; Der Götter und des Schicksals Mächte geben keine Ruhe bis das Geschlecht der Atriden ausgerottet ist. So schrieb man in der Antike Mythen und Märchen. |
Menschenopfer, Kinder- und Gattenmord, Schicksale gelenkt von den unberechenbaren Göttern des Olymp, Blutrache und Blutrausch, Kriegsgemetzel um Gold und Geld, Helden des Tötens, Verirrte, Verwirrte - so schrieb die Antike ihre dramatischen und drastischen Epen, zumeist in Versmaß, gewaltig wie das Leben und die Macht eines unausweichlichen Schicksals. In die Mythologie des Herrscher- und Heldengeschlechts der Atriden gehören die erschütternsten Geschichten, die von vielen großen Dichtern für die Bühne geschrieben und von vielen Komponisten für ein fasziniertes Publikum immer wieder neu vertont wurden. Den Dramen angemessen, schreitet die Tragödie menschlicher Leidenschaften wie ein Orkan über Bühne und Zuschauer hinweg, tobt und wütet wie im Rausch der Apokalypse, läßt die Wände und Trommelfelle bersten, dringt bis in die tiefsten Poren aller Sensitivität und läßt anschließend ein ermattetes Publikum zurück, dass dann doch dankbar ist, dass das Wüten und Morden nun ein Ende hat. Jedenfalls bis die nächste Tragödie auf dem Programmplan steht. Um der Tiefe und Inbrunst der Wörter und der noch sehr in der Romantik verhafteten Musik ihre volle, von jeglichem antikisierenden Kulissenzauber unbeeinträchtigte Entfaltung zu garantieren, fängt Kirsten Harms in Gnecchis Komposition (Libretto: Luigi Illica) das Tosen der Gefühle mit einer gleichermaßen schweren wie auch zurückgehaltenen Fassade auf: Große breite vergoldete Wände verschieben sich, lassen Hof und Vorraum frei und bereiten den Sängern ein weites Spielfeld. Sopran- und Alt-Chöre werden auf die zweiten Balkone placiert, und erzeugen damit einen weiten räumlichen Widerhall. Die Baritone und Bässe bleiben an den Seiten des Orchestergrabens - bewusst im Halbdunkel des sich anbahnenden Geschehens gehalten. Da kommt der die Handlung begleitende Gesang des griechischen Chores, seine preisenden Gesänge und Wehklagen direkt aus dem diffusen Volke. Ganz in schwarz und weiß, die Gesichter und Haare maskenhaft hell geschminkt, die Bewegungen marionettenhaft starr, kommentiert der Chor, was sich bei der Ankunft des umjubelten Agamemnon und später im Herrscherhaus vollzieht: Klytämnestra, die weder den Mord an der kleinen Tochter, noch die lange Abwesenheit des Gatten verkraftet hat, sinnt seit der Ankündigung seiner Wiederkehr auf Rache; Sie ist Ägisth, ihrem Liebhaber und Tröster in den vielen Jahren, die Agamemnon sie zurück ließt, in unbändiger Leidenschaft verfallen. Und sie weiß in aller Klarheit: in der zwingenden Ordnung jener Zeit ist sie nicht länger gottgleiche Königin, sondern eine Ehebrecherin, eine Buhlerin, eine Frau, der Verbannung oder gar der Tod droht. Kirsten Harms zeichnet Clitennestra
(Susan Anthony) als blonde Sirene, als Monroeverschnitt; mit
langen platinhellen Locken und in kurzem kleinen Schwarzen sucht sie
hilflos, hysterisch und völlig außer sich den Beistand ihres Liebhabers,
wirft sich in die steifen Arme des Egisto (Piero Terranova), der seine
Hände nur kurz und ungern für eine tröstende Umarmung aus den
Hosentaschen entfernt. Der Chor bescheinigt ihm zwar Traurigkeit und
Tränen, doch hat er innerlich längst die Flucht ergriffen; als
Ehebrecher (und Kriegsverweigerer) weiß er genau, was ihn erwartet, wenn
niemand handelt. Und er kann sich dessen gewiss sein: Clitennestra wird
hasserfüllt die Rache an dem Mörder ihres ersten Kindes Iphigenie
vollziehen! Und sie schwingt von Anfang an das große, schwere,
blutgetränkte Schlachtbeil in den Händen, so dass einem die Noten kalt
den Rücken hinunterrieseln. Von beeindruckendem Format ist die
Clitennestra Susan Anthonys, deren Schicksal diese Oper eigentlich
gewidmet ist; ihre Körpersprache und ihre weit ausschwingende
Stimmbrisanz fügen sich zu einer geschlossenen Persönlichkeit. Diese
Frau ist keine eigentliche bösartige Mörderin, obgleich sie sich
zunehmend in eine Furie zu verwandeln scheint. Doch entgegen der
musikalischen Nachfolge eines Richard Strauss behauptet Vittorio Gnecchi
noch eine eigene, sich abgrenzende Melodik und Harmonie, die einer
differenzierten Gefühlswelt genügend Entfaltungsmöglichkeiten gibt. Das gewaltige goldene Bühnentor
bleibt auch in der zweiten Oper bestimmend, nur das jetzt der Vorhof der
Burg mit schwarzem Sand gefüllt ist - und wer einmal über schweren
Dünenstrand gelaufen ist, weiß um die Anstrengung, sich darauf
fortzubewegen. Hier müssen die Sänger sich durch den lockeren Boden und
harte kompositorische Aufgaben kämpfen, und dass die arme Elektra (Jeanne-Michèle
Charbonnet) am Ende kraftlos nieder sinkt, kann man aus mehreren Gründen
gut verstehen. Zum einen hat sie ihren endlich, zunächst noch inkognito
heimkehrenden Bruder Orest (Alfred Walker) angesichts ihres
erbarmungswürdigen seelischen und körperlichen Zustands kaum noch zu
überreden brauchen, das verhasste Herrscherpaar Klytemnästra und Aegisth
zu töten, zum anderen hat sie sich durch Wahn und Hass anderthalb
Stunden pausenlos hindurchgewütet, schwerste tonale Anforderungen
gemeistert und mit schöner, schwerer, erddunkler Stimme die
Herzen ihres Publikums aufgewühlt. Gemein ist die Aufmachung der Klytämnestra in diesem Spiel; flirrte sie zuvor schlank und schön und betörend, eine glutvolle Liebhaberin und eine gnadenlose Rächerin, so schwingt jetzt Jane Henschel in dieser Rolle das schwere Henkersbeil als Krücke für ihre Fülligkeit, verunstaltet mit strähniger weißer Perücke und flatterhaftem roten Federboamantel. Grell und grässlich geschminkt, zeigt sie die Karikatur einer verfallenen Bordellmutter, kreischend, vulgär und jämmerlich in ihrer Angst vor bösen Träumen, bereit, den Göttern jedes Opfer darzubieten, das sie von ihren Albträumen befreit. Jede Folter, jeder Mord wären ihr recht; Beinahe plaudern stehen sich Mutter und Tochter im schwarz düsteren Schlamm des Hinterhofes gegenüber, knöcheltief begraben im tiefen Sumpf ihrer Leidenschaften; fast nette Tochter hört Elektra der Alten wortlos zu, während diese über ihre schlaflosen Nächte klagt und um Hilfe wimmert. Doch dann läßt Elektra den Blitz des Hasses in das Dunkel ihrer Verwirrung einschlagen! Oh Wut, oh Weh - dass der einzige Tod, der die Nachtmaren vertreiben könnte, ihr eigener sei, das versteht Klytämnestra wohl; aber wer hört das schon gerne. Da ist wohl eher der Tod der Tochter besiegelt. Orest taucht nicht nur aus dramaturgischen Gründen rechtzeitig auf, sondern, weil es vor allem die Götter so wollten. So vollzieht sich, was sein muss. Gemeinsam mit seinem Freund dringt er in den Palast ein, um an der Mutter zu vollziehen, was ihm das Schicksal vorgeschrieben hat. Aegisth erscheint im Normalanzug des modernen Herrschers, was bei aller inszenatorischen Pointierung nun doch sehr aus dem Bild fällt, und wird mit süßen Worten der Reue von Elektra ins Haus des Todes getrieben... Strauss-Liebhaber werden dieser Aufführung, die nur selten Gelegenheit hat, in stillen Passagen zu verharren, ebenso atemlos folgen und nicht eine Note missen wollen. Ob der schwülstige Text von Hugo von Hofmannsthal dann nicht doch zu zähflüssig ist und jegliches Blut gerinnen läßt, darüber gibt es sicher verschiedene Ansichten. Ob nicht der tosende musikalische Wasserfall aber mit ein paar Staudämmen gebremst werden sollte, wäre eine Sache des Dirigats des temperamentvollen Maestro. Und es ist bewundernswert, über welches Potential alle Sänger verfügen, um sich gegen diese monumentalen Klangwogen in einem ständig Höhen und Tiefen wechselnden Sprechgesang zu behaupten! Emphatischer Beifall, ewig lang, für alle Beteiligten. A.C.
|