Der Rosenkavalier

von
Richard Strass und Hugo von Hofmannsthal

 

 

 

Des einen Glück ist des anderen Leid

    

  Komische Oper

Musikalische Leitung: Kirill Petrenko
Inszenierung: Andreas Homoki
Co-Regie: Werner Sauer;
Bühnenbild: Frank Philipp Schlößmann
Kostüme: Gideon Davey

Dramaturgie: Antje Kaiser
Chöre: Robert Heimann
Kinderchor: Christoph Rosiny, Jane Richter
Licht: Franck Evin

 

mit: Geraldine McGreevy (Feldmarschallin, Fürstin von Werdenberg), Jen Larsen (Baron Ochs auf Lerchenau), Stella Doufexis (Octavian), Klaus Kuttler (Herr von Faninal, Sophies Vater), Brigitte Geller (Sophie), Peter Renz (Haushofmeister bei der Marschallin) u.a.

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  Andreas Homoki hat in seiner Inszenierung Milieu und Ambiente der im Barock und Rokoko spielenden Handlung nur im ersten langen Akt beibehalten, in dem die Fürstin anfangs mit ihrem jungen Liebhaber verspielt herumturtelt. Sie verkleidet ihn, als sich ihr Vetter Ochs mit seinen rauhbeinigen Begleitern sowie der gesamte Hofstaat samt Bittstellern rund um ihr Bett postiert, rasch in ein anmutiges Kammerkätzchen. Der Baron Ochs, groß und grob, verguckt sich in die hübsche Zofe und will ihr flugs an die Wäsche, woran sowohl Octavian als auch die Fürstin ihren Spaß haben. Ihr Scherz endet irgendwann ohne Malheur, allerdings bestimmt nun die Marschallin den Geliebten als Brautwerber für die von Ochs ausgewählte junge Schöne, die vor allem reich ist. Eine gute Partie für den Schwerenöter, der unter permanenten Geldproblemen leidet. Man kann sich denken, dass hier ein gutes altes Komödienkonzept angewandt wird. Aber richtig lustig ist es deshalb noch lange nicht.

 Denn Homoki demontiert sowohl das alte barocke  Schäferidyll als auch die Sinnesfreude und den Übermut der alten höfischen Gesellschaft mit Getöse. Nach dem beinahe steril kühlen Bühnenbild des ersten Aktes - hohe weiße Wände   mit hohen Türen, und inmitten ein weißes Bett, verwandelt sich im zweiten Akt das in Guckkastenform gehaltene Bühnenbild und kippt in Schräglage. Die Welt gerät schon aus den Fugen. Die Wohnung des neureichen Geldadels -ebenso in Schräglage  - enthält einige chice schwarze Möbel, wie man sie wohl in Gründerjahren goutierte, viel zu viele Silberleuchter und eine Menge Personal. Darin trifft Octavian auf Sophie, die Auswählte von Ochs und - es ist Liebe auf den ersten Blick! Damit nimmt die Geschichte ihren Lauf. Zunächst sind allerlei allerlei Ränkespiele und Intrigen nötig, um Sophie von dem alten Ochs zu befreien und diese in eine kompromittierende Situation zu bringen. Nachweislich hat das Hofmannsthal und Strauss viel Vergnügen bereitet, diese Geschichte auszuspinnen und mit entsprechenden Tönen zu salzen und zu pfeffern.  

Im dritten Akt dann herrscht echtes Chaos, alle Möbel sind durcheinander geworfen und die Fensterläden zerbrochen, es blitzt und donnert - das äußerliche und innere Chaos ist perfekt! Nichts ist mehr so wie es einmal war: Der selbstherrliche Baron ist ausgespielt, die bürgerliche  Beinhae-Baronin bestimmt ihre Liebe selbst, der junge Liebhaber löst sich von der Fürstin und bekennt sich zu Sophie, und die letzte aller schönen Opern verläßt die Romantik, und ihre Verfasser betreten - musikalisch - eine neue Zeit. Die alte Welt ist aus den Fugen geraten, die Kapriolen und vergnüglichen Spiele, die es ohnehin nur in der  Phantasie der Opernkomponisten gab, sind dahin, das 20. Jahrhundert, so die Intention dieser Inszenierung, kündigt sich an mit  allen Schrecknissen und Zerstörungen, die folgen werden.

Vorläufig aber wütet nur der Himmel über der Bühne und der genashörnte Ochs, der um die vermeintliche Kammerzofe herumbalzt bis er sich jäh bloß gestellt sieht und der - zumindest - versuchten Untreue gegenüber der Verlobten Sophie überführt wird. Das alles ist musikalisch spannend verpackt,  mal stürmisch fiebrig, temperamentvoll aufbrausend, dynamisch und gewaltig in den Leidenschaften, dann wieder zärtlich mozartäisch, verspielt und versponnen und gar dem Ränkespiel in Figaros Hochzeit sehr ähnlich. Hier wird sogar die Obrigkeit, die sich das Recht des beliebigen Zugriffs nimmt, vom gesellschaftlichen Umbruch erfasst, der dem Bürgertum plötzlich zu Reichtum und Ansehen verhilft und das Volk von fürstlicher Knechtschaft erlöst. Aber - der alte Adel ist auch von Güte und Herz, und menschliche Größe, wie man sie bei der schönen Marschallin herzzerreißend erlebt, ist nicht an irgendeinen Stand gebunden.

Das Orchester spielt furios und zärtlich, je nachdem wie der Seelen- und Gesellschaftszustand auf der Bühne es vorgeben. Kirill Petrenko und sein vorzüglich geleitetes Orchester, dessen Bläser vor allem mit den Gewittergetöse ihren Spaß haben, erhalten dafür den verdienten Applaus. Dass man vom gesungenen Text nur sehr wenig versteht, ist äußerst bedauerlich; diese Unsitte sollte mit einem Laufband beseitigt werden, denn gerade der Text von Hugo von Hofmannsthal wäre es - im Gegensatz zu vielen anderen Libretti - wert, verstanden zu werden, und zwar Wort für Wort. Oder man sollte ihn im Programmheft abdrucken!

Da die Darsteller aber so lebendig agieren, garantieren sie - vor allem der köstliche Jens Larsen als Baron Ochs mit seinen wilden Kumpanen, wie auch Sophies Vater, ein blendender Blender, der seine Tochter wohlfeil zu verkaufen gedenkt, sowie die munteren Chorsänger, die sich in ein sehr bewegliches Kabinett verwandelt haben - ein erquickliches Spiel. Der Marschallin von Geraldine McGreevy bleibt die große edle Pose. Sie erhält als Grande Dame nur wenig Gelegenheit, aus dem Korsett ins Frauliche zu schlüpfen - am Anfang in Octavians Armen und am Ende, als sie, allein gelassen, die silberne Rose ihrem kleinen Pagen übergeben wird. Also in der Liebe und im Verzicht. Für Stella Doufexis, die man glücklicherweise auch in anderen Inszenierungen an der Komischen Oper erleben wird, ist der Octavian eine grandiose Rolle: Als ein beweglicher, mutiger junger Mann, als entzückende Kammerjungfer ist sie ein großes schauspielerisches, mimisches Talent, mit einem betörenden, variationsreichen Mezzo gesegnet. Da Komponisten bekanntlich kein Ende finden können, dauern hier die schönen Töne viereinhalb Stunden lang. Mit zwei Pausen.

Handlung:
Erster Akt

Es ist Morgen, Octavian tändelt mit der Feldmarschallin, bei der er die Nacht zugebracht hat. Als der kleine Mohr das Frühstück bringt, wird Baron Ochs auf Lerchenau gemeldet, der seine Aufwartung machen will. Die Marschallin und Octavian sind froh, dass der Feldmarschall nicht gekommen ist. Trotzdem verkleidet sich Octavian schnell als Zofe Mariandl, die dem dicken Baron, einem derb-ländlichen Frauenhelden ( Soviel Zeiten das Jahr? Das Frauenzimmer hat gar vielerlei Arten), gut gefällt. Von der Marschallin erbittet er sich einen Brautwerber, der einer alten Sitte folgend, seiner Verlobten Sophie, der Tochter des reichen Emporkömmlings Faninal, die "Silberne Rose" überreichen soll. Immer wieder unterbrochen durch alle möglichen Bittsteller und einen Sänger ( Di rigori armato il seno), verfällt die Marschallin auf den Gedanken, Octavian mit dieser Aufgabe zu betrauen. Ochs verabschiedet sich schliesslich ( Da geht er hin, der aufgeblas'ne, schlechte Kerl). Allein zurückgeblieben, versucht die Marschallin, ihre trüben Gedanken zu zerstreuen ( Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding). Der zurückkehrende Octavian versteht den Stimmungswandel der Fürstin nicht. Sanft wird er fortgeschickt ( Quin-Quin, er soll jetzt gehn). Die Rose schickt sie Octavian durch ihren kleinen Mohren nach.

Zweiter Akt

In Faninals Haus wird aufgeregt die Ankunft des Rosenkavaliers erwartet. Der neu Geadelte empfindet es als Ehre, dass Ochs um die Hand seiner Tochter anhält. Mit grossem Gefolge betritt Octavian den Saal. ( Mir ist die Ehre widerfahren). Er ist von Sophie entzückt, die ihrerseits den jungen Kavalier gern sieht. Als Ochs hereinpoltert, schockiert er mit seinen groben Manieren das empfindsame Mädchen so sehr, dass es Hilfe bei Octavian sucht, während der Baron im Nebenzimmer nun den Ehevertrag unterschreibt. Octavian und Sophie sinken sich in die Arme ( Mit Ihren Augen voll Tränen). Plötzlich stürzen aus den riesigen Kaminen des Saales die Intriganten Valzacchi und Annina, die Ochs als Spione gemietet hat, und rufen mit ihrem Geschrei den Baron und die Dienerschaft herbei. Octavian versucht vergeblich, den Baron zum Duell zu fordern und verwundet ihn schliesslich leicht am Arm. Ein Riesenskandal ist die Folge, doch Sophie bleibt bei ihrem Entschluss, Ochs nicht zu heiraten. Der Baron hat sich inzwischen niedergelegt und etwas beruhigt ( Da lieg ich) und gibt sich vorläufig mit einem Billett, das ihm ein Stelldichein mit Mariandl verspricht, zufrieden ( Herr Kavalier? Mit mir keine Nacht dir zu lang).

Dritter Akt

Octavian hat mit Hilfe des Intrigantenpaares, das er Ochs durch gute Bezahlung abspenstig gemacht hat, im Extrazimmer eines Gasthofs das Zusammentreffen mit Ochs vorbereiten lassen. Als Zofe Mariandl verkleidet, wehrt er durch allerlei Spukgestalten die Annäherungsversuche des Barons ab, der endlich, als es ihm zu unheimlich wird, die Polizei ruft. Er gibt, um sich zu decken, Mariandl als Sophie aus; der herbeigeeilte - von Octavian informierte - Faninal ist entsetzt. Der Baron möchte sich wenigstens an Mariandl halten, doch das Mädchen ist verschwunden und Octavian kommt herein. Die Feldmarschallin erscheint und erkennt sofort den Sachverhalt. Der Baron muss das Feld räumen. Sie ist klug genug, auf Octavian zu verzichten und die beiden jungen Leute zusammenzuführen ( Marie-Theres'!? Hab mir's gelobt, Ihn lieb zu haben). Faninal ist mit dem neuen Bräutigam gern einverstanden und darf nun die Marschallin nach Haus begleiten, während Octavian und Sophie ihr Glück kaum fassen können ( Ist ein Traum kann nicht wirklich sein). A.C.