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Die Entführung aus dem Serail von Deutsches Singspiel in drei Aufzügen
nicht mehr im Programm |
Geteert und gefedert - geschlagen und massakriert Mozart im Bordell |
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Libretto von Christoph Friedrich Bretzner bearbeitet von Johann Gottlieb Stephanie d.J. Musikalische Leitung: Kirill Petrenko Inszenierung: Calixto Bieito Bühnenbild: Alfons Flores Kostüme: Anna Eiermann Video-Film: Rebecca Ringst Chöre: Hagen Enke Dramaturgie: Antje Kaiser, Pablo Ley Licht: Franck Evin Bassa Selim: Guntbert Warns Konstanze: Maria Bengtsson Blonde: Valentina Farcas Belmonte: Finnur Bjarnason Pedrillo: Christoph Späth Osmin: Jens Larsen Am Trapez: Yutah Lorenz
Kurzkritik Mit dieser Inszenierung ist die Komische Oper nun auch auf das Niveau gestiegen oder gesunken, das auf vielen Berliner Bühnen seit längerem die Gemüter verwirrt und die Meinungen spaltet. Die dritte große Oper der Hauptstadt beantwortet auf ihre Weise die Frage, wie weit die Darstellung von Gewalt, Erotik und Abartigkeiten realistisch sein muß, um dem jeweiligen alten oder neuen Stück eine aktuelle Aussage zu geben. |
Mozart wird hier von Regisseur Bieito konterkariert - nichts ist mehr, wie es war, wie es vielleicht auch nie gemeint war, aber auch gewiss nie vorgesehen war. Musik und Darstellung befinden sich in absoluter Gegensätzlichkeit. Zeitweise steigern sich leidenschaftliche Arien und Liebesduette zu Absurditäten angesichts der rohen Gewalt und Brutalität, die das Bühnengeschehen bestimmen. Missbrauch, Folter und Mord herrschen im Bordell von Bassa Selim vor, der mit seinem sadistischen Bordellwächter Osmin über Leben und Tod herrscht. Und jeder brave Bürger im Parkett und auf den Rängen darf dem Treiben in diesem Freudenhaus ungeniert zuschauen und seinen Voyeurismus noch mit dem Mäntelchen der Kulturbeflissenheit versehen. Hatte Mozart eine unbeschwerte Romanze ( angesichts seiner Heirat mit Konstanze) vor Augen, in der Liebe, Güte, Toleranz über Hass und Rache siegen, so ist jetzt eine bitterernste Tragödie daraus entstanden.
Zur Ouvertüre turnt eine gelenkige junge Dame am Trapez, während sich auf den Bildschirmen an den Seitenwänden in Zeitlupe eine Dame für ihren Beruf herrichtet. In hohen Glaskästen auf der Bühne und in den Seitenlogen präsentieren sich aufreizende Liebedienerinnen mit und ohne Hüllen, auf die nächsten Freier wartend... Jetzt tritt ein bekleideter blonder Tenor vor das Freudenhaus und entpuppt sich als Belmonte, der seine von Selim Bassa geraubte Braut ( die nicht von ungefähr Konstanze heißt) gern befreien möchte. Die schmachtet derweil an Ketten... Während nun Pedrillo seinem alten Kumpel Belmonte zu einem überzeugenden Eintritt verhilft, indem er ihn als Transvestiten schminkt und verkleidet, versucht dieser sich hingebungsvoll an seine Konstanze zu erinnern. Na, bis hierher hat man noch einige heitere Momente, und wäre das Ganze eine Farce, so könnte man sich wirklich freuen, das dieser ganze Libretto-Schmarrn neu zubereitet wird. Aber hier inszeniert nicht Harald Wilson (Leonce und Lena/ Berliner Ensemble), sondern Calixto Bieito, und der will aus dem Singspiel ein Trauerspiel machen, schlimmer noch, eine bluttriefende Geschlechter- und Machtkampf-Tragödie von Shakespear`schen Ausmaßen. Und somit kann man sich schon auf eine der nächsten Inszenierungen an diesem Hause vorbereiten, die von Hans Neuenfels (Titus Andronicus, Deutsches Theater) gewiss nicht zimperlich hergerichtet werden wird! Gute zwei Stunden lang (ohne Pause) stehen die widerlichen Bordellbosse entweder unter der Dusche oder gehen mal schnell einem der Mädchen an die dürftige Wäsche, und zwischen allen Akten, Aktionen und Abartigkeiten, die schließlich in der Massakrierung eines der Mädchen gipfeln, klingt immer wieder - ach ja, Mozart! hindurch. Kirill Petrenko ringt seinem Orchester die höchstmögliche Koordinierung angesichts der szenischen Gewalttaten ab, lässt Liebesglut gleißen und Rachedurst zur Qual werden. Der Tod erhält - wie auch bei Mozart - angesichts der angedrohten "Martern aller Arten"( "geteert und gefedert, ... erst geköpft und dann gehangen...") eine real erlösende Qualität ("Meinetwegen sollst du sterben"). Am Ende ist Mozart entzaubert, die Liebe auch. Der Ausbruch ist gescheitert, die Freiheit bleibt eine Utopie, und die Erinnerung wird genauso grausam wie die Rache sein; alle Mädchen und Männer im Bordell sind tot, der Rest steht unter Schock. Wahrscheinlich lebenslänglich. A.C.
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