Die Verurteilung des Lukullus

von
Paul Dessau/Bert Brecht

 

Kein Kochen wie bei Lukull

     


Komische Oper

Musikalische Leitung: Eberhard Kloke
Inszenierung: Katja Czellnik
Bühnenbild: Hartmut Meyer; Kostüme: Nicole Timm und Sebastian Figal
Video: Hülsey, Rechsteiner, Grenier
Chöre: Robert Heimann
Dramaturgie: Bettina Auer
Licht: Franck Evin

mit:

Kor-Jan Dusseljee: Lukullus; Markus John: der Kommentator; Jens Larsen: der Totenrichter; Hans-Peter Scheidegger: der König; Erika Roos: die Königin; Gabriela Maria Schmeide: das Fischweib: Christiane Oertel: die Kurtisane; Christoph Späth: der Lehrer; Peter Renz: der Bäcker; drei Frauenstimmen und zwei Kinder, Chorsolisten, Kinderchor und Bewegungschor; Orchester der Komischen Oper Berlin; Trautonium: Pawel Poplowski

 

 
 
Voller Enthusiasmus feiert das Volk seinen Herrscher; die Massen jubeln zu Staatsfeiern, Panzer rollen, Soldaten paradieren, Aufmärsche zu allen Zeiten, in allen Epochen, wenn die Despoten sich und ihre Siege feiern ließen. Bei Begräbnissen defilieren endlose Menschenschlangen am Sarg des Toten vorbei - als ob Willkür, Entsetzen, Diktatur, Frondienste und Leid mit dem Tod des Diktators vorbei seien. Videobilder aus allen Ländern greifen übereinander, der Circus der Weltgeschichte fliegt vorbei. An der Wand davor hocken zwei Gestalten, ein als Clown maskierter Erzähler und ein weiß gekleideter Mann, offensichtlich Lukullus, am Tor zum Schattenreich.

Ein Lehrer drillt seine Kinder mit Fähnchen und Jubelsprüchen; wer nicht einstimmt, wird unmissverständlich an die Front deportiert. Denn Krieg findet immer statt. Rom trauert facettenreich um Lukullus, den Bezwinger und Eroberer zahlreicher Königreiche, Zerstörer   prächtiger Städte, ein Totengräber für 80 000 Soldaten... Im Schattenreich kennt niemand diesen Lukullus, und er muss sich ohne Berufung auf irdisches Ansehen und weltliche Verdienste seinen Richtern stellen. Fürsprecher findet er keine, denn Alexander den mazedonischen Welteneroberer, kennt man hier nicht; die große Weltkugel zerplatzt wie ein riesiger Luftballon, die Schattenmenschen schleppen eine baumstammartige Rolle herbei, auf der das Tribunal Platz nimmt. Lukullus findet zunächst noch alles recht heiter, unglaublich, dass man ihn hier nicht kennen sollte! Die leichte fernöstliche Musik ist längst bombastisch schweren Fanfarenstößen gewichen, Musik schmettert so recht nach Herzen eines alten Kämpfers. Attacke! möchte man rufen. Aber der Richter (Jens Larsen sehr eindrucksvoll solange er nicht wieder mit obligatorischer Farbe (Pech und Federn) auf dem blanken Oberkörper daherkommt) ruft die Zeugen zusammen, die als Abbilder auf dem Grabfries verewigt sind und bereits im Schattenreich weilen: Es sind die Opfer aus den asiatischen Feldzügen; aber nicht alle sind zu bedauern, denn einer der besiegten Könige wird als Verräter entlarvt - er selbst hat seine Untertanen in den Untergang geführt. Kinder beklagen die Toten und die zerstörten Städte, 53 an der Zahl; Eine Frau ( Fischweib?) trauert um ihren gefallenen Sohn, den sie in den Krieg ziehen ließ - aber ihr Lamento ähnelt mehr einer kühlen Betrachtung, als tiefem Schmerz, und wo die Musik entsprechend akzentuiert einsetzen sollte, plätschert sie eher bedeutungslos dahin; der Lehrer und die Kurtisane, die Königin und der Bäcker sind unerbittliche Ankläger. Aber die gehen mit Pauken und Trompeten in diesem Parlando unter.

Der Koch, der Lukullus auf seinen Kriegszügen begleitete und für und mit ihm wohl so manche sprichwörtliche Köstlichkeit erdachte, steht zu ihm, und auch ein Bauer lobt des Feldherrn Verdienste um die Anpflanzung von Kirschbäumen, die er von Asien nach Rom brachte. Eine kleine Küche wird rasch auf die Bühne im "Zelt der Solidarität" aufgebaut, und der Koch kredenzt einen Gemüseteller. Die Schatten zeigen zwar einen ausgiebigen Appetit, aber realistisches Grünzeug ist im Totenreich eigentlich nicht vorgesehen; so verpufft alles wie eine blasse Erinnerung, die als Rehabilitation aber nicht ausreicht. Die Zahl der Toten wiegt schwerer, und so wird Lukullus ins Nichts verbannt und der Richter mit rotem Kirsch-Saft eingestrichen.

Ein ewiges Hin- und Her und Durcheinander, Beliebigkeit scheint auch im Totenreich vorzuherrschen; ein Feldherr, wenn er denn noch einer wäre, könnte hier wohl gut Ordnung schaffen - und würde damit   sowohl dem Komponisten gerecht, als auch dem Librettisten, der das akzentuiert gesprochene Wort bevorzugt. Der Rhythmus, bei Brecht/Weill zumeist im harten Stakkato und einer messerscharf nuancierten Diktion gehalten, wird hier überwiegend von   psalmodierenden Rezitativen beherrscht; Der Chor fällt scharf ein und läßt etwas von der Härte des Themas erahnen, die in diesem Stück steckt, dass einige Male umgeschrieben wurde und sich an den Nürnberger Prozessen wetzte! Doch nichts davon in dieser Inszenierung, die eher sanft einlullend daherkommt und im Mittelteil, dem eigentlich Verhör, der unerhörten Anklage, sogar mehr langweilt als fesselt! 
Das mag zum großen Teil auch an den sowohl musikalisch als auch textlich wenig ausgebauten und genutzten Möglichkeiten des Musiktheaters liegen; Beide, Dessau und Brecht bleiben zudem in dieser Komposition wohl weit unter ihrem gewohnten Niveau. Es hat den Anschein, als ob alles nur halbfertig ist, die Autoren agieren zu vorsichtig, um niemandem wehzutun (der Einspruch des DDR-Ministeriums hatte hier einst seine volle Destruktivität entfaltet) . Aber das ist nur die eine Wahrheit. Die andere liegt ganz in der Hand der Regisseurin und des Orchesters. Und beiden ist hier nur ein lauer Eintopf mit allerlei ungewürzten Zutaten gelungen. Nur am Ende dröhnt der Chor noch einmal mit voller Kraft voraus und hinterlässt den vagen Eindruck, wie das denn sein könnte: ein expressives Musiktheater...  A.C.