Die Zauberflöte
in der U-Bahn

von
W.A. Mozart/E. Schikaneder

 

Das hohe Lied der Liebe unter den Regierungstempeln

 


 bearbeitet von Christoph Hagel und Andreas Hass (Text)

und den Berliner Symphonikern
eine Produktion der
www-tocc-conzept.de

Regisseur, Dirigent: Christopf Hagel, Orchester Berliner Symphoniker, Konzertmeister Michael Yokas, Juan Gonzales, Karl-Forster-Chor, Sängerknaben des Händelchors, Kostüme Miranda Konstantinidou, Teresa Grosser; Projektionen Tina Zimmermann, Choreografie Sabina Ferenc,  Licht Harald Frings

Sänger: Sarastro Sascha Boris, Ronald Zeidler,Bass; Tamino Michael Müller, Joseph Schnurr, Tenor; Königin der Nacht Darlene Ann Dobisch, Doris Sonja Langara, Koloratursopran; Pamina Therea Derksen, Monica Garcia Albea, Sopran; 1. Dame Tersia Potgieter, Sopran 2. Dame Alexandra Parshina, Mezzo, Norma Kutz, Sopran; 3. Dame Marie Giroux, Mezzo; Papgeno Jan Plewka, Wolfgang Mirlach, Bariton; Papgena Sonja Bisgil, Sopran; Monostatos Marcel Sindermann, Tenor

 
Welch ein kahles, karges Ambiente und doch - die massiven Säulen im U-Bahnschacht unter dem Regierungsviertel tragen eine schwere Bürde, und die Gleise führen irgendwo ins Nirgendwo... Da sitzt eine liebliche junge Frau auf der Bank und hat weder einen Fahrschein noch einen Nachnamen und weiß nur eines mit Bestimmtheit: dass sie Pamina gerufen wird und dass ihre Mutter die " sternenflammende Königin ist..." Der rabiate Bahnbeamte heißt nicht ohne Grund Monostratos und gebärdet sich gleichwohl wie ein mit Macht ausgestatteter Untertan. Die "Königin der Nacht" - die kennt er nicht, er weiß nur, dass da oben eine Frau als Kanzler regiert, und die hat durchaus einen richtigen Namen. Noch sind die Lacher auf seiner Seite. Doch als er das Mädchen in Handschellen legt und abführt, begleitet von flirrenden Filmaufnahmen an den Wänden, die hastende und eilende Menschen oberhalb der Erde und auf den Rolltreppen zeigen, weiß man, dass es außerhalb dieser unterirdischen Welt noch eine andere gibt!.
Die Ouvertüre schwillt geheimnisvoll an, verspielt sich zwischen heiteren Kapriolen und ruhiger Dramatik, die Mozarts Zauberwerk begleiten und seit hunderten von Jahren alle Menschen immer wieder mitreißen und tief berühren. Einst als Volksoper geschrieben und komponiert, allerdings jedoch bereits mit einigen feinen Hintergründlichkeiten, hat sie jetzt, auf gut zwei Stunden herabgekürzt und mit modernen Zutaten gewürzt, wieder ihren ursprünglichen Reiz jenseits aller angestrengter Regietheater und Interpretationskapriolen zurückgewonnen. Ein neues Märchen ist entstanden, das Witz und Schabernack aufs Vergnüglichste auskostet, ohne dabei die ernsthaften Prüfungen, denen sich die beiden Liebenden unterziehen müssen, zu vernachlässigen. Und der Streit zwischen den Zeiten, den Elementen, den Geschlechtern, zwischen der Königin und dem Herrscher Sarastro, die um ihrer beider Tochter mit harten Einsätzen kämpfen, bleibt immer noch im Mysteriösen der beginnenden Aufklärung des 18. Jahrhunderts haften.

Wie langweilig aber wäre alleine dies, hätten die beiden Freunde Mozart und Schikaneder sich nicht in ihren absurdesten Einfällen gebadet und bereits geistige Kunststücke auf noch unbekannten Rollerskades vollbracht! Unübertroffen ist die Paradefigur des Vogelfängers Papageno, einem unangepassten grünen Naturmenschen, frivol, flatterhaft, außerhalb jeder Norm stehend, der das ernste Spiel um Macht und Zeitgeist als Possenreißer durchbricht und aufhellt, wenn es gar zu dunkel wird im Kampf zwischen den beiden Mächtigen. Ursprünglich als reine Schauspielerrolle gedacht, wurden erst später die genialen Arien und Duette für Papageno und sein reizendes Vogelweibchen Papagena in die Partitur eingeflochten. Und in dieser, der heutigen U-Bahn-Version, fläzt sich der heitere Bursche gar als Penner/Punk auf den Wartebänken und durchsucht die Papierkörbe nach irgendwelchen Resten - und findet: eine kleine Panflöte. Ein paar Takte, ein geglückter Versuch, und schon ist sein wundervolles Motiv geboren, ist ein Funke gezündet. Und während dieser Vogelfreie mit witzigen Politsprüchen das Arbeitslosenleben lobt, und ins Unbekannte enthüpft, erscheint Tamino, der Prinz aus fernen Landen, in voller Barockmontur auf der Bildfläche, schwer verwundert über das Ambiente, das er hier vorfindet und zudem verfolgt von einem gelben fauchenden Ungeheuer, das der kundige Zuschauer natürlich sofort als Bahnwaggon ausmacht. Vor dessen sicherer Attacke retten ihn glücklicherweise die Bahnputzfrauen, die Besen- und Wischlappen schwingen und mit süßesten Stimmen den vor Schreck in Ohnmacht gesunkenen schönen Jüngling bestaunen und schon einmal rasch unter sich aufteilen möchten.

Das Spiel nimmt seinen bekannten Lauf, kurzweilig mit originellen   Tanzszenen verziert, temporeich, glücklich gekürzt, klangvoll ausgelotet und mit Christoph Hagel auf dem Wachposten, der den zwischen Bahnkästen und Säulen agierenden Sängern und dem munteren Orchester Einsatzsicherheit garantiert. Und dann rauscht sie - natürlich auf Schienen - heran, die schöne, schwarz-schillernd gewandete Königin der Nacht, geschmückt mit einer spitzen glitzernden Halskrause, deren feine lange Nadeln ihre Unnahbarkeit sichern - und einer Stimme! Natürlich spielen hier unten schon auch die Verstärker eine wesentliche Rolle; aber diese Königin(nen) muß man gehört haben, diese weit tragenden, kristallklaren beschwörenden und betörenden Mezzosoprane, die dem Gatten eine erbarmungslose Kampfansage entgegenschleudern und die doch von so großer, ferner, unerreichbarer Schönheit sind. Wesen, wahrlich nicht von dieser Welt, auch wenn manche Mozartforscher in ihrer Interpretation noch immer meine, hier einen Affront gegen Maria Theresia und Mozarts Schwiegermutter zu sehen!

 Irgendwann wechselt eine rote Flöte ihren Besitzer und Tamino, der nun über den Umweg eines Bildes in der (Sponsoren-) Zeitung seine Pamina - die ja bekanntlich als Schwarzfahrerin in der U-Bahn geschnappt und ins sichere Gewahrsam gebracht wurde- entdeckt, kann den komischen Penner Papageno als Verbündeten gewinnen und sich ihm - aufrecht und anständig wie nun einmal Menschen von Adel wohl sein sollten - ohne Arg auch anvertrauen. Eigentlich sind die Duette und Begegnungen zwischen Pamina und Papageno auch viel hübscher als die zwischen dem edlen Paar, aber das haben nun einmal alle Opern gemein: das Buffo-Paar ist stets amüsanter. Es gibt der Gags viele in dieser reizvollen Inszenierung, aber es gibt auch eine ausreichende Anzahl nachdenklicher, weich-getragener Einblendungen und Arien, alte volkstümliche (Carmina Burana) wie an Oratorien anklingende musikalische Sätze. Getragen, religiös klingt es natürlich stets, wenn der milde Bass des Sarastro das junge Paar auf den schweren Leidensweg schickt, der Carl-Forster-Chor wie aus himmlischen Regionen von der Empore herüberkommt oder die drei engelsgleichen Knaben und Mädchenstimmen hin und wieder die Liebenden von ihren tödlichen Depressionen befreien müssen. 

So fährt denn diese U-Bahn im Geiste durch die Sphären, schnauft zwischen Zauber- und Märchenwelt und einer neuen Zeit, die edle Tugenden wie Geduld und Weisheit, Güte und Gnade vor unbedachte, von Rache und Begierde geleitete Gefühle (der liebes- und lebensfreudige Mozart meint hier leider eindeutig: die der Frauen!) setzt. Noch warten wir auf diese Zeit wie auf die Fertigstellung der U-Bahn-Linie unter den Regierungstempeln. A.C.