Don Quijote de la Mancha

von
Miguel de Cervantes

nach dem gleichnamigen Roman

nicht mehr im Programm 

 Ein verrückter Held in einer ungewöhnlichen Inszenierung

  Theatralisches Abenteuer

Musik von Hans Zender

 

Komische Oper

Zeitgenössische Oper 

 

 

 

 

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Wenn die Zeitgenössische Oper Berlin einlädt, sollte man sich die Überraschung nicht entgehen lassen: Ihre Inszenierungen sind von ungewöhnlichem Einfallsreichtum und bunter Phantasie, ihre kompositorische Auswahl bietet selten servierte musikalische Appetithappen. Diesmal kooperiert das junge Team mit der Komischen Oper. Es nutzt ihr know how, den Bühnen- und Technikapparat, die Publikationsmittel- und Möglichkeiten und natürlich das hervorragende Orchester (unter der Leitung von Rüdiger Bohn) für Hans Zenders 1996 in Stuttgart uraufgeführte und eigens getextete Fassung von Cervantes „Don Quijote".

Diese in Bilder zerlegte absolut stimmige Operninszenierung ist die reinste Augenweide; und selbst Besucher, die gegenüber zeitgenössischer Musik höchste Skepsis einbringen, werden mit einiger Überraschung eingestehen müssen, dass hier ein ganz selten gewordenes (und eigentlich doch selbstverständliches) dramatisches Miteinander von Musik und Bühnenbearbeitung gelungen ist.

Auf der in vier Ebenen unterteilten Laufstegbühne, die wie ein riesiger offener Setzkasten konstruiert ist, dreht sich das perpetuum mobile, nämlich das Rad der Zeit, das Stahlross Rosinante des fahrenden Ritters. Im phosphorisierenden Licht blitzt es - wie auch die weißen Kostüme der Sänger - zartblau auf, ohne seine Rotation zu unterbrechen, während Sancho Pansa auf einem clownesk konstruierten Rad zwei Stockwerke tiefer vergeblich gegen die Einfalt seines Herrn anstrampelt. Diese sehr genau auf den Einklang von Auge und Ohr abgestellte Choreografie in einem genau abgestimmten Spielwerk ist nur schwer zu beschreiben und sollte daher unmittelbar auf den Besucher gleichsam sinnlich und Sinn gebend wirken. So skurril die exakt durchkonstruierte Inszenierung von Sabrina Hölzer und die puppenhafte Ausstattung von Mirella Weingarten sind, so exakt auch sind sie auf die tragikomischen Abenteuer des servilen Idealisten Don Quijote (Tom Sol) und seines treuen Dieners Sancho (Mark Bowmann-Hester) abgestellt. Wie das Pendel der Zeitenuhr skizzieren sie, vorwiegend von Bläsern, Holz- und Schlaginstrumenten exakt begleitet, die Geschichte eines Mannes, der gegen die Realitäten seiner (jeder?) Zeit anreitet und dabei, aller Schläge und Verluste zum Trotz, weiterhin seiner kindlichen-naiven Sichtweise einer durch und durch maroden Welt treu bleibt. Und als er die erdachte Dame seines Herzens, Dulcinea, realiter von Sancho als Bauernmädchen vorgestellt bekommt, weigert er sich zu glauben, was er sieht. Seine Dulcinea existiert in jenen Fernen einer so reinen Anbetung, wie sie einer Marienverehrung gleichkommt. Und das gleich in dreifacher Ausführung (Ksenija Lukic, Franziska Gottwald, Maria Kowollik) – offensichtlich nicht nur für den Komponisten ein Spaß und für die Sängerinnen ein fast himmlischer Gleichklang! Der arme, glückliche Narr, der seine Geliebte gleich mehrfach hört, der mit sich selber spricht, jedoch an seinem Schatten letzthin scheitern wird, hebt die Welt aus ihren Angeln, indem er lediglich wahrnimmt, was er zusehen wünscht. Genau das beschreibt das Stück, beschreibt der Komponist mit akribisch durchdachten Rhythmen, passend und präzise gesetzten Tempi, deren Brüche keinen Hehl aus der Derbheit der Welt machen und doch zugleich auch die filigrane Zerbrechlichkeit der Seele, die Sehnsucht nach Liebe sowie den absurden Witz der realen Situationen transparent werden lassen.

So gelingen ebenso komische wie anrührende Passagen: Wenn Don Quijote mit einem beinahe unwirklichen lyrischen Bass seine Dulcinea besingt und als Drahtskulptur umfasst, und wenn ein Sancho, der seinesgleichen in der Comedia dell ’Arte wieder finden könnte, ohne jegliche Lächerlichkeit, mit flehentlichen, unmutigen oder auch witzigen Variationen mühelos durch die Tonleitern klettert, um seinen verrückten Herrn auf den rechten Weg zu bringen. Oder, wenn die süße Stimme Dulcineas sirenenhaft betörend aus der Ferne herüber klingt, dann sind das bewegende szenische und musikalische Momente. Köstlich auch der Einfall, rhythmisch gesetzte Morsezeichen der Ankunft des fahrenden Ritters vorauseilen zu lassen.

Und, für Opern ja nicht gänzlich unwichtig: Beinahe alles ist textlich verständlich, nicht nur, weil vieles a cappella und über Live-Elektronik gesungen und gesprochen wird, sondern weil sich die Sänger auch im Verbund mit dem Orchester ganz trefflich zu artikulieren wissen.

Leider sind insgesamt nur 4 Aufführungen vorgesehen. A.C.