Eugen Onegin

von
Pjotr.I.Tschaikowskij 

 

 

 

 Ein musikalischer Hochgenuss

 

   Wiederaufnahme 

Deutsche Oper 

Lyrische Szenen in 3 Akten

Text von Konstantin Schilowskij nach einem Roman von Alexander Puschkin

Musikalische Leitung: Michail Jurowski
Inszenierung: Götz Friedrich
Spielleitung: Gerlinde Pelkowski
Bühne, Kostüme: Andreas Reinhardt
Chör:e Ulrich Paetzholdt
Choreografie: Stefano Gianett

Solisten des Balletts der Deutschen Operi

Larina: Ute Walther, Mezzo;
Tatjana: Elena Prokina, Sopran; Olga: Marina Prudenskaja, Alt; Filipjewna: Ceri Williams, Mezzo; Eugen Onegin: Lucio Gallo, Bar.; Lenski: Vsevolod Grivnov, Ten.; Fürst Gremin: Reinhard Hagen, Bass; Ein Hauptmann: Hyung-Wook Lee, Bass; Saretzki: Harrals Wilson, Bass; Triquet: Peter Maus, Ten.; Vorsänger: Olli Juhani Rantaseppä

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Zwei Menschen, die nicht zueinander finden konnten. Das ist die Geschichte. Sie könnte immer und immer wieder an allen Orten und in allen Herzen der Welt spielen. Enttäuschte Liebe, Vernunftsheirat, Rückkehr des Geliebten, Entscheidung und ein Über-sich-Hinauswachsen in der Verpflichtung und Entscheidung für das eheliche Versprechen und Treue. Das alles musikalisch in einer der schönsten Kompositionen Tschaikowskijs in klassischer Inszenierung dargeboten - da muss man sich doch einfach der Musik ganz hingeben...

 

Ein glückliches Erbe hat Götz Friedrich mit vielen seiner Inszenierungen hinterlassen. Zu ihnen gehört auch die stilisierte, selten leichte Bühnenfassung dieser Oper, die das Liebesleid der jungen schönen Gutstochter Larina beschreibt, die sich unsterblich in den attraktiven Eugen Onegin verliebt, von ihm jedoch kühl und freundlich abgewiesen wird. Wie hier wird dieses Werk wohl öfter als Ballett aufgeführt als als Oper, weil sich romantische Gefühle zusätzlich in der Bewegung noch eindrucksvoller artikulieren können und weil jeder Ballerina und jedem Corps de Ballet eine Vielzahl von sinnlichen und expressiven Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung steht: für Liebe, Leid und Eifersucht, für die Schwermut der russischen Seele, in dem Arrangement folkloristischer Tänze, in einer hingebungsvoll schwelgenden Musik Tschaikowskis - mit der unaufgeregten, souveränen Handschrift eines Dirigenten wie Michail Jurowski.

Inder Wiederaufnahme von "Eugen Onegin" -  in der schönen melodischen russischen Sprache mit deutschen Übertiteln - singt Elena Prokina zum erstenmal die Tatjana an der Deutschen Oper, noch ein wenig verhalten und sich zurücknehmend, was vermuten lässt, dass ihr noch größere Reserven zur Verfügung stehen. Oder sie hat die Rolle der verschüchterten jungen Tatjana ganz so verinnerlicht, wie es einem gut erzogenen Mädchen aus den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zustand. Denn welch eine Kühnheit war es damals, dem geliebten Mann als erste Avancen zu machen, ihm einen glühenden Liebesbrief zu schreiben, sich zu demütigen, den jungmädchenhaften Stolz beiseite zu schieben? Und dann die niederschmetternde Zurückweisung. Dabei müsste sich  dieser "Weltmann" Eugen Onegin aus Petersburg, ein guter Freund Lenskis, des Verlobten von Tatjanas kecker Schwester   Olga, der Erwartungen dieses gastfreundlichen Hauses (mit zwei ledigen Töchtern) durchaus bewusst sein! Wie die anmutige Marina Prudenskaja mit ungemein volltönenden Alt ihren Lenski umgarnt und wie hinreißend sie mit Onegin auf dem großen Ernteball flirtet, das belebt diese Aufführung ungemein.

Für den unruhigen, lebenshungrigen Onegin scheint nicht nur diese ländliche Idylle zu eng, sondern auch eine Liebesbindung zu früh. Er möchte die Welt erfahren, und er wird sie durchstreifen und sich in ihren wilden Wirbeln und Strudeln verfangen ( Die karnevalesken Ballettszenen, die die wohlgeordneten Regeln der gesellschaftlichen Formen durchbrechen, sind wunderbar arrangiert!). Er wird in die Tiefen sinken und wieder auftauchen und nach zwei rastlosen Jahren (wie Peer Gynt) wieder in seine Heimat zurückkehren. Wo er Tatjana wiedertrifft, die inzwischen den angesehenen Fürsten Gremin (eine prachtvolle Mannsstatur mit ebensolchem Bass!) geheiratet hat und  liebenswürdig und selbstsicher eine gesellschaftliche Rolle spielt. Jetzt verliebt sich Onegin leidenschaftlich in Tatjana, und versucht sie, zurück zu gewinnen. Und so wird die einzige große Liebesszene zugleich die Abschiedsszene, die von überwältigenden, sich widerstreitenden Gefühlen beherrscht wird: Tatjana entscheidet  sich nun mit beinahe übermenschlicher Kraft, der erneut aufgeflammten Liebe zu Onegin zu widerstehen und ihrem Gatten treu zu bleiben.   

Nun hat aber Tschaikowskij kein schwermütiges Drama komponiert, sondern eine heitere  und zuweilen glutvolle Romanze - eine kleine Rache an den Männern aller Zeiten, die wahre Liebe nicht rechtzeitig erkennen können oder wollen. Der Komponist verbindet seine Seele mit Tatjana, Onegin mochte er nicht. Und so bestimmt das zarte, feingesponnene Liebesmotiv den musikalischen Geist des Stückes, elegisch begleiten die Instrumente Zurückweisung und tiefes Leid wie das sinnlose Todesduell der beiden Freunde. Immer wieder bestimmen diese lyrisch-melancholischen Weisen die Bilder, die das Ballett so luftig und anmutig machen und die Menschen so hilflos und liebenswert. Wenn Tatjana und Olga bereits zum Auftakt im hellen, weiten und luftig-hellem Raum der Gutshalle ihr Duett von Liebe und Glück singen, während die Frauen das Gemüse putzen und das Gesinde erste Erntegaben mit übermütigen Tänzchen hereinbringt. Angedeutete Blattranken an hohen Gestellen verstärken das Ambiente einer weiten Gartenlandschaft, durch die Onegin und Tatjana, Olga und Lenski plaudernd spazieren, ernst das eine, scherzend und flirtend das andere Paar. Nach dem nächtlichen Geständnis folgt ein neuer Tag, der Tatjanas Sehnsüchte mit einer betörend sinnlichen, im üppigen Rot gehaltenen Bühne nicht besser symbolisieren könnte: Pflückerinnen in prächtigen glutroten Kleidern stehen choreographisch perfekt auf den Sprossen hoher Leitern verteilt und sammeln dicke rote Kirschen von den Bäumen. Als Tatjana und Onegin erscheinen, räumen sie die Obstbaumwiese und verlassen den Raum, der nun wieder im kühl abgedeckten Weiß den Fortlauf der Handlung aufnimmt.

Unaufdringlich-elegant präsentiert sich dann die dörfliche Ballszene mit festlichen Tänzen und einem drolligen kleinen Couplet, einem volkstümlichen Chorgesang und dem wehmütigen Abschiedslied Lenskis, der - nach einem  heftigen Eifersuchtsanfall - den Freund und vermeintlichen Nebenbuhler zum Duell herausgefordert hat. Man versteht zu feiern und zu trinken und  leider auch auch zu kränken. Und wieder  bleibt die Bühne leer, nur schemenhaft heben sich im Morgengrauen die dunklen Gestalten der Sekundanten ab, während sich Lenski und Onegin im besten Einvernehmen noch einmal ihrer Freundschaft und der Sinnlosigkeit ihres Duells im Duett, Rücken an Rücken lehnend, versichern. Doch Ehre ist Ehre und Onegin trifft trotz aller Nachlässigkeit den Freund tödlich.

Und wieder folgt ein prachtvolles Bild einer Festlichkeit - fast wie ein schöner flüchtiger Schein einer alten, untergegangenen Welt, in der adrette Leutnants und schöne Frauen an der Dame des Hauses vorbeidefilieren, um ihr ihre Aufwartung zu machen. Onegin, erscheint als Außenseiter dieser Gesellschaft, die sich tuschelnd und raunend seiner erinnert - vom Fürsten aber wird er freundlich aufgenommen, ist dieser doch selbst gänzlich von Glück erfüllt, seitdem er Tatjana heiratete. Was dem strengen Bariton Lucio Gallos an Wärme und Mitgefühl fehlt ( ja, fehlen muß!) verleiht hier nun des Fürsten wunderbarer Bassarie Glanz und Innigkeit. Onegin hingegen bleibt nur die feine Körpersprache, um seine jäh auf- und ausbrechenden Gefühle auszudrücken. A.C.