Glückliche Reise

 nach

Eduard Künneke

 

 

In neuer Fassung: 

Ein absurdes Spiel mit der Realität

 

   Uraufführung

Maxim Gorki

Text: Andreas Bisowski
Musikalische Bearbeitung: Thomas Zaufke
Songtexte von Kurt Schwabach und Max Bertuch

 

Regie: Bernd Mottl
Choreographie: Götz Hellriegel
Bühne: Tom Musch
Kostüme: Nicole von Graevenitz
Musikalische Leitung: Nicolaus Thärichen/Jörg Straßburger
Dramaturgie: Remsi Al Khalisi

 

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  Nur noch die Musik erinnert an die Operettenseligkeit von anno 1932, als der beliebte Komponist Eduard Künneke (1885-1953) die Berliner und vor allem die Damenwelt mit romantischen Glückseligkeiten auf der Bühne verzauberte.
Jetzt versucht man in Berlin mit einigen Repros aus jenen Tagen ein altes und - durch die poppige Bearbeitung - auch junges Publikum für dieses Genre als eine Art Musical-Ersatz zu begeistern.
Man wähnt sich dabei allerdings zunächst im falschen Hause. Der richtige Ort für dieses Arrangement voller Blödeleien, mit manch passablem Witz und mit einem heillosen Durcheinander in der Machart einer spießig-spaßigen Comedy Vorabendserie - wäre wohl eher in der Neuköllner Oper zu suchen, wo man Bisowski und Mottl von manch anderen Inszenierungen kennt und schätzt. Nun gilt es auch im durchaus höher ambitionierten Gorki-Theater die Leute aufzumischen, doch die Botschaft kommt nur spärlich an - oder vielleicht gibt es gar keine, und Mottl hat nur für seine tollen Schauspieler ein Spiel inszeniert, in dem sie sich nach Herzenslust einmal austoben dürfen? Denn es scheint, als ob es den meisten Zuschauern an Erfahrung mit gewaltträchtigen und von sexistischen Szenen durchzogenen Theateraufführungen fehlt. Vielleicht kennt auch mancher nicht den ermüdenden Starkult um große und kleine Sänger und Sängerinnen, die sich um ihr Leben tanzen und schreien, um auf dem Multimedia-Markt ihren Wert zu erhalten oder zu behalten. Gewiss aber weiß der eine oder andere Gast doch um die Schicksale von Künstlern - und anderen Leuten! - denen die Gesundheit jäh einen Strich durch ihre Karriere macht und die nun am Rande der Gesellschaft stehen. Das alles und noch einiges mehr wird in dieser Villa Kunterbunt zwar nach Themen orientiert abgehandelt, aber leider fehlt ein zielgerichtetes, konsequent durchdachtes Handlungsgerüst; stattdessen werden viele gute Ideen nur scheibchenweise serviert:

Zur Genüge auch kennt man so allerlei Persiflagen auf Heilpraktiken  und Segnungen therapeutischer Gurus, denen alternative und esoterische Fans gruppenweise zu Füßen kauern. Dass sich hier eine gute Rahmenstory für ein "Theater auf dem Theater" hätte ergeben können, steht außer Frage. Aber man will vielleicht zuviel; Da soll unter anderem die alters- und deutschtümliche Fassung von Künneke's Operettensound zumindest in ihrer Liedqualität erhalten ble iben, zugleich aber durch Neonazis und andere verrutschte Persönlichkeiten in Frage gestellt werden. Neue songs werden höchst willkürlich und ein wenig hölzern in das seltsame Geschehen im therapeutischen Zentrum, das sich in einer einstigen Flugzeugträgerhalle befindet, eingestreut.

Als biestige Leiterin dieser obskuren Bühnen-Heilungsstätte bietet Ursula Werner die ganze Bandbreite ihres Temperaments und ihrer tonalen Fähigkeiten auf.  In einen weißen Hosenanzug und Goldstiefeletten gepreßt, singt, tanzt, turnt und wütet sie angstgebietend und furios. Da kuscht ein jeder Mann, nicht nur ihr jugendlicher Liebhaber (Thomas Bischofberger mit bauchnabelfreier Schlaksigkeit eines großen Jungen, der Indianer spielt). Er begreift genauso wenig wie alle anderen im Patientenensemble, dass hier eine gewiefte Nazitussi versucht, eine  üble Vergangenheit zu verdecken und unliebsame Kunden zu eliminieren. (Da gefriert dann doch so mancher Gag!) Dabei ist es ja mittlerweile auf deutschen Bühnen durchaus üblich, dass Leichenteile irgendwo herumliegen, dass Kopulationsangebote auf Lebensnähe hinweisen, dass in fröhlicher Unbefangenheit abwechselnd getanzt, gesungen und gemordet wird. Dabei wackelt die Wände - hier die Palmen im Hintergrund vor der hoch aufgetürmten Wand, recht kräftig Im Bemühen, diese Gruppe von psychotischen Chaoten zu disziplinieren, wechselt die Behandlungsmethode zwischen Zuckerbrot und Peitsche.

  Für den gewalttätigen Armin (Bleifuß - Rosenfeld) ist es daher nur allzu natürlich, sich dem zu widersetzen. Ohnehin erziehungs- und vor allem mutter- und bastelgeschädigt (s. "Elternabend " in der Neuköllner Oper!) macht Norman Schenk aus diesem wütenden Looser einen Frauenfeind, der keinen Spaß versteht, wenn man ihm an die Psyche will. Überkandidelt und höchst gefährlich dünkt ihm vor allem die aufreizende, männermordende amerikanische Milliardärin April Davenpoint, der Jacqueline Macaulay eine attraktive Figur und eine köstlich-dümmliche Naivität zu geben versteht.
In dem platten Psycho-Patienten-Getümmel abartiger Neigungen und abwegiger Handlungsabläufe führt uns die spitzmausartige Popsängerin Doreen (Anna Kubin) mit ihrer glasklaren, kindlichen Stimme und mit erbarmungswürdigen Verrenkungen den kümmerlichen Glanz ihrer verlorenen Popkarriere vor. Bettina Hoppe darf als ausgemusterte Operndiva immer wieder neue prächtige Kostüme tragen und sich in den verrückten Promianwalt verlieben, der von Rudolf Krause als ein psychopathischer Seiltänzer zwischen extremen Politagitationen gezeichnet wird.
Dass sich der Herr von der "Deutschen Sichtbetonveredelung" (Eckhard Strehle) in gut Berliner Gemütlichkeit hier am falschen Ort wiederfindet, mag die Spleenigkeit der "echten" Patienten zunächst noch unterstreichen... Für die staubsaugende und steppende Damengruppe "Berliner Spätlese", gibt es die Regieanweisung, nie und unter keinen Umständen die Miene zu verzieren. Daran halten sich die Damen und bringen damit einige köstliche absurde Momente ins auf- und abwippende Spiel, dem man bei aller Kritik einen gewissen Heiterkeitseffekt nicht absprechen kann! A.C.