Schöne Müllerin

 von

Franz Schubert (1797-1828)

Eine Liebesgeschichte

 

Romantik im Wandel der Zeiten

 

   

Neuköllner Oper

 

Liederzyklus von Franz Schubert und Wilhelm Müller

 Mit Cathrin Romeis und Benedikt S. Zeitner

Musikalische Leitung: Klavier: Markus Zugehör; Inszenierung: Cordua Däuper; Bühne, Kostüme, Videos: Jan Müller

 

 

 

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So kann es auch gehen: Im Bühnenhalbrund laufen spektakuläre Breitwandbilder als Videoaufnahmen von Betonautobahnen ab und bilden den Kontrapunkt zum romantischen Liebeslied und -Leid des seligen Wanderburschen, der sich an den Frühling und an die schöne Frau Müllerin verliert; ein Träumer, ein Phantast, der mehr in seiner Vorstellungswelt als der Wirklichkeit zuhause ist. Benedikt Zeitner ist ein schlanker blonder und blauäugiger Interpret, wie man ihn sich für Schuberts wehmütige musikalische Spaziergänge auf deutschem Seelen- und Auengrund nicht besser vorstellen könnte. Musik gewordene Liebe, Musik gewordener Schmerz – Schuberts eigenes Leben in einen Liederzyklus aufgehoben wie ein Schatz in einem kostbaren Gefäß... Dann und wann klingt in der dramatischen Zuspitzung des Erlebten und Gefühlten bereits die atemberaubende Dramatik seines späteren Erlkönigs an.

Und das nun im Widerpart mit der heutigen Welt: Die kecke kleine Person, die ihm und uns die Liebes-Realität des 21. Jahrhunderts vorträgt, ist der Introvertiertheit des Jünglings entgegengesetzt. Ihre Worte sprudeln ebenso lebhaft und geschwind wie das muntere Bächlein, an dem entlang der Wandersbursch so sinnend entlangspaziert, bis er schließlich zur Mühle kommt, wo er die Liebe der Müllerin gewinnt. Doch so wie das Wasser in der Wiederkehr einer unendlichen Musik dahinsprudelt, so plätschert auch diese Liebe vorbei, und die Flüchtigkeit und Vergänglichkeit der Gefühle werden auf die Angst und die Sehnsucht heutiger Beziehungskonflikte übertragen. Auf dem Video fluten derweil verzerrt breite Autos über Großstadtstraßen, erheben sich Hochhäuser und schimmert eine Stadtsilhouette im Morgen- und Abendlicht. Kleine skurrile Figuren sind hineingeblendet, die sich tanzend zu Herzen formen und allerlei Liebesgetändel in luftiger Höhe vorgaukeln.
Das moderne Müller-Mädchen tragt die Lieblingsfarbe des Wanderers, Grün - wenn auch die Blumen auf dem Dachgarten, der sie zeitweilig eine zwiespältige Pflege angedeihen lässt, ziemlich zerrupft aussehen. Das moderne Plätschern kommt aus der Gießkanne, und die Romantik fließt dahin, die Dachrinne hinunter... Catrin Romels ist eine sehr gewinnende Schauspielerin, die – in diesem Part – ihren Liebeskummer mit Charme und Zuversicht bekämpft. 

Nun ist es immer dasselbe Lied und Leid in dem kleinen Studio der Neuköllner Oper: der Raum, stets bis auf den letzten Platz besetzt, verliert zu schnell an Sauerstoff, was sich besonders nachteilig für die Sänger auswirkt. Auch Benedikt ist davor leider nicht gefeit, so dass sein schöner warmer und wohlmodulierter Ton, der uns auf Schuberts schwärmerische Seelenreise mitnimmt, doch nach und fester und dunkler wird und seine zärtliche Biegsamkeit einbüßt. Allerdings werden ja auch die Lebensumstände des enttäuschten Wanderers nun härter...
Für die junge Frau, die mit klarer heller Stimme nur ein kleines modernes Liedchen zudem noch mit Hilfe eines Mikros zu singen hat, ist das kein Problem. Sie kann sich ohnehin recht gut behaupten; wahrscheinlich zu gut, denn im modernen Leben läuft auch sie an der wahren Liebe vorbei: Warum das wohl nur so sei, reflektiert sie: "Warten wir zulange auf den richtigen Partner, erkennen wir ihn gar nicht, wenn er plötzlich vor uns steht und, ist diese scheinbar so selbstbewusste und selbstständige Generation überhaupt in der Lage, eine Beziehung zu festigen? Fragen einst wie heute, früher versponnen in romantischer ängstlicher Ichbezogenheit, heute in ständiger wohl realistischer Analyse, aber dafür permanenten Zweifeln ausgesetzt, die aller Romantik frühzeitig ein Ende setzen.