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Simon Boccanegra
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Jede Menge schönster Noten Zum Abschluss der Verdiwochen 2008
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Oper in einem Vorspiel und drei Aufzügen
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Dirigent
Renato Palumbo
Der Regisseur hat sich augenscheinlich stark an die Vorlage des früheren Intendanten Götz Friedrich gehalten, vor allem an dessen intensive Vorliebe für Eisenbahnen und Lokomotiven. Natürlich kann man ein im Mittelalter Italiens angesiedeltes Stück (der echte Boccanegra regierte als Doge von von 1339-44 und 1354-64) mit besten Absichten in die Zeit des Komponisten verschieben und damit ein aktuelles Ambiente schaffen: das Proletariat steht in der frühen Geschichte der Industrialisierung, und der stolze Patriotismus ganz im Zeichen des Risorgiomento (1861). Italien drängt unter seinem wilden Freiheitskämpfer Garibaldi zum Aufbruch in "eine neue Zeit", zu einem vereinten Italien, das ein neues Nationalgefühl aufbrechen läßt- und zu einem politischen Umsturz: die Privilegien des Adels, wie die Vererbung hoher staatlicher Ämter, werden abgelöst durch eine Wahl des Volkes. Dass dies bis heute eigentlich Utopie geblieben ist, wird dann in den unattraktiven Fetzen gezeigt, mit der man heute die "modernen" Menschen auf der Bühne gerne einkleidet. Dass Italien schon immer sehr viel mehr wert auf Äußeres, auf Show, auf Darstellung gelegt hat, werden die hiesigen Bühnenbildner und Kostümbildnerin wohl kaum mehr begreifen. Sie hätten längst Gelegenheit dazu gehabt. So rollt also das schwere Schicksals- und Politdrama unter der leicht romantisierenden Führung des Dirigenten Palumbo in zwei Zeiten eher emotional und ergreifend als bewußtseinsbildend über den tristen Bahnhofsvorplatz, den eine schwarz drohende Lok einnimmt und wo eine Art Café an der Seite die Fahrgäste bewirtet; zwei Treppen weisen zur Unterführung, wo sich weitere Eisenbahngleise befinden, die aber sinnbildlich zugleich auch wohl den Orkus darstellen, denn hier welken auch die letzten weißen Blumen für die Toten. Der Inhalt ist eigentlich recht verwirrend, aber dann auch wieder schnell auf die opernüblichen Verwirrungen und Irrungen zu bringen: Simon Boccanegra, ein berühmter Korsar, liebt Amelia Grimaldi, die Tochter aus dem Adelsgeschlecht der Fiesco und zeugt eine Tochter mit ihr. Jacopo Fiesco ist nicht nur als Vater, sondern auch als Haupt der Adelspartei in seiner Ehre verletzt, schließt die Tochter fortan in seinem Palazzo ein und schwört dem Verführer ewige Feindschaft. Amelia stirbt nach einigen Jahren, die kleine Tochter wird fortgegeben, und ihr Vater wird vom Volk zum Dogen von Genua gewählt. Boccanegra regiert 25 Jahre lang streng und energisch im Versuch, seinen humanen und nationalen Idealen gerecht zu werden. Doch als die verschollene Tochter Amelia eines Tages als junge Schönheit wieder auftaucht und ausgerechnet einen jungen Adeligen liebt, bricht auch bei Boccanegra der alte Hass wieder auf, und er verspricht Amelia, die wiederum einen jungen Adeligen liebt, seinem Mitstreiter und Kanzler Paolo. Zutiefst gedemütigt, weil Amelia ihn ablehnt, stellt sich Paolo an die Spitze der aufständischen Masse, die ein Attentat auf den Dogen plant - wohl in der Furcht, dieser könnte sich mit dem maritimen Erbfeind Venedig verbünden. Natürlich kommen wie für den dramatischen Ablauf von Opern notwendig, die richtigen Worte zur falschen Zeit, die innige Beziehung zwischen Vater und Tochter bleibt, da geheim gehalten, für Gabriele Adorno nebulös und gibt Anlass zu furchtbarer Eifersucht. Zwar widersteht der mächtige Boccanegra dem tödlichen Gift, das Paolo ihm ins Wasser mixte, noch einige Zeit, damit er die Liebesdinge seiner Tochter ordnen und dem Volk seinen Schwiegersohn als Nachfolger empfehlen kann, aber hier regiert jetzt schon, wie an der Tafel sichtbar wird, "die neue Zeit". Das Volk nimmt keine Erbherrschaft mehr an; es will und wird frei wählen. So hoffte und wünschte es sich Guiseppe Verdi, der sein unerhörtes politisches Anliegen äußerst behutsam und kunstvoll in eine Menge schönster Noten einkleidete. Roberto Scandiuzzio gibt dem "bösen" Vater Jacopo Fiesco, der seine Tochter grausam von der Außenwelt trennt, mit tief durchdrungenem Schmerz und starkem Leidensausbruch eine eher sympathische Dimension. Hier leidet nicht einfach ein arroganter Adeliger unter dem Verlust seiner Herrschaft, sondern hier offenbart sich der tiefgreifende Einbruch einer jahrhunderte alten Tradition, die sich nicht so einfach beiseite schieben läßt. Und der Widersacher, der Mann der neuen Zeit, Ambrogio Maestri als Boccanegra, steht, obschon er die Geliebte verloren hat, noch an der Peripherie der Macht, bescheiden, eher unterwürfig (man hält ihn für das alter ego Verdis!). Noch ist er der Bittende, der Mann des Volkes, der um Ausgleich und Freundschaft wirbt - doch der alte Fiesco verweigert ihm die Gunst der Akzeptanz. Das wird im ersten Akt, der als Vorspiel gilt, bereits mit tiefer Dramatik und farbenreichen Aufwallungen aus dem Orchestergraben begleitet, eine Musik, die neugierig macht, ob sich denn diese Spannung noch steigern ließe. Im 2. Akt, 25 Jahre später, tritt die schöne Tochter Maria auf, im rot flammenden Kleid, mit pechschwarzen Haaren und einem kristallklar sich hochschwingenden, wenn auch noch ganz ausströmenden Sopran, der allerdings in den leisen zärtlichen Momenten seinesgleichen sucht. Für die bayrische Kammersängerin Anja Harteros ein wunderbarer Einstieg für weitere Vorstellungen an der Deutschen Oper. Ihr zur Seite ein wütender, intriganter Bursche Paolo, den Piero Terranova mit allen Finessen des Politmachers spielt. Ob seine Charakteristik den schurkenhaften "Jago'schen Klängen" in der dunklen c-moll Fluchszene entspricht, ist allerdings fraglich, denn seine Ziele liegen letztlich doch in einer klaren politischen Vorstellung. Ante Kerkunica als Anführer der Volkspartei ist der Dritte im Männerbund der Macht; Stefano Secco als Geliebter Marias, verleiht seinem Gabriele Adorno die Glut und die blinde Eifersucht eines scheinbar betrogenen Liebhabers. Dass Orchester, Chor und Dirigent und ein homogenes Ensemble das schwere Drama mit ebenso dramatischen Akzenten wie auch in farbenreicher glänzender Tonsprache vortragen, dass sie die Gefühle der Menschen vor die idealistische politische Vision stellen, mag der eine oder andere bedauern. Und sicher ist dabei der Verzicht auf eine angemessene Darstellung der Ratsszene ein herber Verlust. Hier wirkt sie leider eher wie ein Palaver á la Willi Brandt im fahrenden Zug, bei dem man zufällig einen Verräter überführt und Plastikflaschen von dem aufgebrachten Volk durch die Fenster fliegen! Der musikalischen Spannkraft und der ausgewogenen Harmonik dieser mitreißenden Oper (mit einem klangschön differenzierten Chor wie immer!) tut das glücklicherweise keinen Abbruch. A.C.
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