Sophies Choice von Nicholas Maw
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In den Fängen von Schuld, Hass und Liebe
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Musik und Libretto von Nicholas Maw in englischer und deutscher Sprache mit deutschen
Übertiteln Chöre: Hellwart Matthiesen Narrator: Lenus Carlos, Sophie: Angelika Kirchschlager, Nathan: Morten Frank Larsen, Stingo: Matthias Klink, Zbigniew Bieganski: Wicus Slabbert, R.F. Höss: Kurt Schreibmayer, Doktor: Markus Brück, Wanda: Melba Ramos, Larry Landau: Guillaume Antoine, Bibliothekar: Bernd Valentin; Bartender: Markus Beam |
"Larger than life" - überlebensgroß in den Obsessionen ihrer von Schuld, Hass, Sex und euphorischer Hingabe durchsetzten Liebesbeziehung - nennt Nicholas Maw die Figuren der erschütternden Dreiecksgeschichte seiner Oper. Und das ist vielleicht der Schlüssel zum Verständnis dieser auf mehreren Zeitebenen spielenden Geschichte von Schuld, Verstrickung und Sühne, die in der Musik in eindrucksvoller Art (sowohl begleitend als auch rück- und vorausschauend) ihre dramatische Tiefenschärfe erhält. Im Sommer 1947 begegnet der junge Schriftsteller Stingo aus den Südstaaten in Brooklyn Nathan und Sophie, einem reizenden Liebespaar. Obwohl Nathan, wie sich sehr bald zeigt, Sophie in unkontrollierten Ausbrüchen auf das Unflätigste beschimpft und auch körperlich misshandelt, hegt Stingo für diesen Mann, von seinem Charme und seiner Bildung beeindruckt, große Sympathie. Doch nach und nach, als er Sophies Lebensgeschichte erfährt, kommen ihm Zweifel an der Liebe Nathans, mit der er Sophie an sich zu binden scheint. Sophie ist Polin; sie hat das KZ in Auschwitz überlebt, ihren Vater aber und den Ehemann sowie ihre beiden kleinen Kinder verloren. Nach und nach erzählt sie einige Kapitel aus ihrem Leben. Es ist eine erschütternde Analyse und Bilanz zugleich, die ihr unsagbares Leid niemals aus ihrem Herzen wird tilgen können. Es gibt für sie keine Versöhnung mit sich selbst und der Gegenwart. Sie verdrängt an harmonischen Tagen die Erinnerungen, aber dann, wenn sie erneut die Quälereien Nathans vielleicht als verdiente Buße der Überlebenden erträgt, vervielfachen sich ihre Schuldgefühle. Denn Nathan, der scheinbar lässige Intellektuelle, ist nicht nur ein Paranoiker, sondern auch ein Sadist, wenn er die Kontrolle über sich verliert. Er quält Sophie und versöhnt sich wieder mit ihr, zieht sie auf die niederste Ebene hinab und erhöht sie darauf wieder mit einer unbändigen Leidenschaft. Nach und bemerkt Stingo, dass Nathans Verhalten krankhaft sein muß, und wird von dessen Bruder, einem Mediziner, über Nathans wahre Identität und seine Erkrankung aufgeklärt. Als Stingo Sophie mit zu sich in die Südstaaten nehmen will, erzählt sie ihm das letzte und schmerzlichste Kapitel ihrer Lebensbeichte. Dann kehrt sie zu Nathan zurück, beide nehmen sich das Leben. Das ist alles kaum spielbar, kaum erzählbar, es sei denn, jemand besitzt die Gabe der Distanz wie Imre Kertesz. Denn immer noch ist unfassbar, was zuvor geschah, was Menschen immer wieder einander anzutun imstande sind. Die Frage nach Gott, aber auch die Frage nach Menschlichkeit bleibt gültig im Raum. Um so beeindruckender, erschütternder ist diese Opern- und Bühnenfassung, zuvor im Jahre 2002 in London unter Sir Simon Rattle uraufgeführt und drei Jahre später auf der Romangrundlage mit Meryl Streep in der Hauptrolle erfolgreich verfilmt! Robert Schweer hat nun für die Deutsche Oper eine kleine, erhöhte Bühnen-Welt in die Mitte gestellt. Sie hat hellgrüne Wände mit Verzierungen der Freiheitsstatue und zwei Türen, die sich nach hinten öffnen und jeweils ein gleißendes Licht freigeben. Das ist die Handlungsebene der Gegenwart. Hinter der Bühne schweben vom Bühnenhimmel herab vor schwarzem Hintergrund unzählige Bilder der Toten und Vermissten aus den Ghettos und Konzentrationslagern als ständiges Mahnmal einer stets gegenwärtigen Vergangenheit. Neben der kleinen Bühne berichtet ein älter gewordener Stingo in der Zukunft nach vielen Jahren aus der Zeit, als er Nathan und Sophie kennenlernte und wie sich ihr Schicksal miteinander verband. Und wenn Sophie aus ihrer persönlichen Vergangenheit erzählt, wird die Handlung in den seitlichen Vordergrund gerückt, ebenfalls auf tieferer Ebene. Mit dieser Dreiteilung ist eine intensive Spannung erreicht, die auch und vor allem von einem ständigen Emotionswechsel beherrscht wird. Das Mitleiden für Sophie, die von Angelika Kirchschlager mit erschütternder Hingabe gesungen und gespielt wird, kann nur abgemildert werden, wenn der Komponist Nicholas Maw seine Musik in eine andere Sphäre gleiten, die harten, dumpfen, wuchtigen Bläser ausklingen lässt und mit Glocken, Harfe und Oboe die Liebe romantisch zum klingen bringt. Wenn Sophie, Nathan und Stingo in freundschaftlicher Atmosphäre miteinander herumalbern, die schriftstellerischen Fähigkeiten Stingos bestaunen oder den wissenschaftlichen Erfolg Nathans feiern, atmen die Instrumente auf, die kräftigen Instrumente treten zurück, zittern aber einsatzbereit im Hintergrund, den jähen Stimmungsumschwung Nathans, die Schwermut Sophies oder die Hilflosigkeit Stingos vorausnehmend. Der Däne Morten Frank Larsen kann seinem Nathan alle Zwischentöne abverlangen, die die Persönlichkeitsspaltung dieses Mannes so gefährlich sein lassen: leise und leidenschaftlich, werbend und energisch, bös-verschlagen und aufbrausend-gewalttätig. Der junge Sänger ist ein Meister des stimmlichen Schauspiels! Matthias Klink - mit einem Tenor zwischen den Stimmlagen und den Welten gut ausgewählt - muß die Ohnmacht deutlich machen, die er schmerzensreich empfindet - mitleidend mit Sophies Vergangenheit, leidend um ihre und seine Liebe, leidend um den verlorenen Freund. Lenus Carlson ist der alles verbindende Erzähler, der in der künstlerischen Aufarbeitung seiner Erinnerungen Ruhe und Reife erlangt hat, jedoch das Teuflische des Holocaust nicht begreifen kann und die Trauer darüber in leidenschaftlicher Betroffenheit wie eine blutende Wunde darbietet.. Man kann sich denken, wie rigoros aufbrausend und anschwellend, schrill und fatal, aufbegehrend und verzweifelt die Musik das Schicksal der Juden und Polen unter der Nazimacht begleitet. Wie das Orchester die ästhetisch gefühlvolle Klangstruktur unter Leopold Hager durch die Hölle von Willkür, Verrat und Mord auskostet, wie diese Musik die Herzen für alle Ewigkeit zerreißt, als ob wir solches Geschehen je verstehen würden. Der Wahnsinn eines Systems und einer Clique gegen den Wahnsinn eines einzelnen; der Mut des Widerstands und der Mut weiterzuleben jedoch sind zweierlei. Nicht alles ist krankhaft, was unbegreiflich ist, und nicht jede Opferbereitschaft ist Mut. Wer aber wollte das beurteilen? Wer das Schicksal jener Menschen, die überlebten, weiterleben mussten nach allem Grauen, das ihre Seelen und Körper zerstörte, wer dies begreifen will, kann das nur mit Hilfe der Kunst. Der Verstand wird es niemals fassen. Und dazu könnte diese Oper beitragen, die auch jeden Mozartfan von der intensiven Ausdruckskraft und klanglichen Vielfarbigkeit der neuen Musik überzeugen wird. A.C. |