Swinging Berlin -
Tanzen verboten

von 
Martin Lingnau 
(Komposition)

 

  

 Ein Musical weckt böse Erinnerungen

 

    Ein Musical für und über Berlin

Arrangements: Markus Voigt

 Buch: Martin Lingnau, Thomas Matschoß, Heiko Wohlgemuth; Songtexte: Edith Jeske, Heiko Wohlgemuth

Theater am Kurfürstendamm  Regie: Helmut Baumann

Choreographie: Hardy Rudolz 
Musikalische Leitung: Martin
Lingnau
Bühne: Mathias Fischer-Dieskau
Kostüme: Gerhard Kropp

mit: Helmut Baumann, Hartwig Rudolz, Marysol Ximenez-Carillo, Nik Breitenbach, Frank Tima, Katja Uhlig, Eva-Maria Grein, Julian Schmidt, Anton Figl

Kurz gefasst

Das ist ein herzlich arrangiertes Comeback für den alten Musical-Hasen Helmut Baumann, der das Theater des Westens geschickt durch viele Zeiten manövrierte bis ihm der Berliner Senat jäh die Gelder strich.  Baumann ist ein erfahrener Entertainer, der als Wirt von Leos Bar darstellerisch überzeugt und sein Ensemble mit sicherer Hand durch die Inszenierung führt.

Zurück

 

Fasziniert vom schwungvollen Sound der Musik, von der Eleganz der Tänzer, von der Stringenz der Choreografie, der phantasievollen Bühnenaufteilung und schnellen Verwandlung einer Bar in einen Bunker, begeistert man sich am Rhythmus und wiegt sich in Erinnerungen - und dann folgt jäh das böse Erwachen: In die Idylle der fröhlich feiernden Abiturienten des Jahrgangs 1940 in Leos Bar (die gab es wirklich, am Lehniner Platz, bevor sie 1943 von den Behörden geschlossen wurde) dringen dröhnend dunkle Gestalten ein: Polizisten mit Hakenkreuz dekoriert und willkürlicher Allmacht ausgestattet, zerstören die heitere Flirtatmosphäre mit düsteren Prophezeiungen. Swingen verboten, amerikanische Negerrhythmen bei Strafe untersagt! Dem Wirt wird die Schließung seines Lokals angedroht, doch der weiß vorerst trickreich noch einmal sein Haupt aus der Schlinge zu ziehen. Doch die Stimmung ist perdu - die Nazis haben wieder zugeschlagen.

Da gibt es drei entzückende Pärchen, die temperamentvoll  tanzen und gerne feiern; da gibt es den schwulen Wirt mit einem Herzen aus Gold und seinen Kumpel Paul, einen Schwarzhändler von gutem Schrot und Korn, der Würste und Pässe besorgt und dafür mit Alkohol und Familienschmuck bezahlt wird; da gibt es aber auch den jungen brutalen und den alten, hinterhältigen Ordnungshüter, die permanente Angst einflößen. Mehr Wachsamkeit würde man diesen jungen Leuten wünschen, die sich da so unbeschwert dem Alkohol, der Musik und der Liebe hingeben, als gebe es keine strammen Parteisoldaten, keine Gefängnisse und keinen Krieg! Nur dann und wann holt sie der Schrecken ein, wenn Bomben über Berlin fallen und ihr zum Partyraum umfunktionierter Luftschutzkeller vom Dröhnen der Explosionen widerhallt oder ein Verhör auf der Wache sie mit der Wirklichkeit konfrontiert.

Wie verträgt sich das - ein mit flotter Partylaune durchwirktes Melodram, das zugleich schlimmste Geschehnisse aus der Vergangenheit zurück in die Gegenwart holt, Verfolgung und Vernichtung, Folter und Tod wieder in Erinnerung ruft, ein paranoides System, das unsagbares Leid über viele Länder brachte... Schon verkündet der krächzende Radioempfänger von BBC das Ende großdeutscher Machtvisionen, aber noch immer  müssen die jungen Männer in den Krieg, ihr Leben einsetzen, Liebe gegen Leid eintauschen. Für einen kurzen, Augenblick halten die jungen Menschen in ihrem Rausch inne, ihre Bewegungen werden verzerrt, hilflos, unsicher, verstört. Die Angst spiegelt die Erkenntnis, dass dieser Rausch nicht mehr lange anhalten wird, er lähmt die  Muskeln, lähmt vielleicht auch den Verstand, der Vorsicht gebieten sollte...

Und so wandelt sich die Geschichte des harmlosen Swing, der bereits die spätere Neuentdeckung des Boogie und Jazz in den 50er Jahren ankündigt, jäh in eine kompakte story verfolgter Juden, bedrohter Sympathisanten, widerlicher SS-Männer und einem Entsetzen, das alle Freude lähmt. Die oberhalb der Bühne thronenden acht Musiker der hervorragenden Bigband begleiten die dramaturgischen Wechselbäder die sich im Erdgeschoss abspielen, mit hinreißenden Rhythmen. Mit verführerischem Timbre tritt Eva-Maria Grein als Swing-Cat Alberta auf, klar und anrührend klingt Katja Uhligs wehmütiges Lied. Während eine noch unschuldige Generation sich hingebungsvoll ihren Gefühlen und "delikatem" Likör aus den Beständen des Naturkundemuseums zuwendet, nimmt ihrer aller Schicksal unabwendbar seinen Lauf... A.C.