Sylvia
Ballett in drei Akten

von
Léo Delibes und Louis Mérante (1876)

 

 

Pfeilschnell ist die Spröde besiegt-

  Ein brillant getanztes Gemälde 

 

   

Staatsballett Berlin in der

 Deutschen Oper Berlin

Choreographie: Frederick Ashton (1904-1988)
Neueinstudierung: Christopher Newton

Bühnenbild und Kostüme: Robin und Christopher Ironside (1952), Peter Farmer (ergänzend 2005), Licht: Mark Jonathan

Musikalische Leitung: Benjamin Hoppe, Orchester der Deutschen Oper

Mit:

Sylvia: Polina Semionova/ Beatrice Knop

Aminta: Vladimir Malakov/ Ronald Savkovic

Eros: Rainer Krenstetter/Marian Walter

Orion: Ibrahim Önal/Wieslaw Dudek

sowie Solisten und Corps de ballet, Schülerinnen und Schüler der Staatlichen Ballettschule Berlin

 

 

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In vielen Jahren zuvor, als noch jedes der Berliner Opernhäuser mit einem eigenen Ballett-Ensemble sein Programm bereichern konnte, gab es eine Vielzahl bedeutender Choreographen aus aller Welt, die äußerst eigenwillig und experimentierfreudig den Balletten ihre eigene Note gaben und zum Teil außergewöhnliche Vorstellungen produzierten. Das kritische Berliner Publikum mochte sie nicht und verjagte alle mit harscher Kritik. Das kam den Opernhäusern nicht ungelegen, denn sie wollten ihr stets viel zu enges Budget gern für die eigenen Interessen verplanen und stimmten ohne Murren der Auflösung der Ensembles und ihre Reduzierung auf ein so genanntes Berlin-Ballett schnell und einstimmig zu. Die besten Tänzer suchten sich neue Compagnien und drifteten in alle Welt.

Man fand sehr bald eine Lösung , das dem Berliner Publikum und den viel interessanteren auswärtigen Gästen nun mit Bravour dargeboten wird. Indem man den berühmten russischen Tänzer Wladimir Malakov als Star und sehr bald auch als Operndirektor engagierte, der den Ruf Berlins als ausgezeichnete Bühne des guten alten klassischen Balletts festigte. Nun strömt die Welt wieder in die Deutsche Oper, wo dies Ballett mit  seinen großen, aufwändigen Inszenierungen eine passende Bühne erhalten hat. Nur einen sah und sieht man selten:   Wladimir Malakov. Er sieht vornehmlich seine Aufgabe darin, neue, beachtliche Talente zu suchen und zu fördern, und er holt sie verständlicherweise zumeist aus dem russisch-sprachigen Raum. Und daher bietet nun das Berlinballett höchste Perfektion der guten alten und neuen russischen Schule, an der ein Barischnikov nur schemenhaft vorbeitanzte.

Wer es moderner, experimentierfreudiger liebt, der hat dennoch genügend Möglichkeit, sich im Berliner Tanztheater umzusehen: Gruppen aus allen Ländern finden ihren Boden in vielen Theaterstätten sowie in Veranstaltungsblöcken zum Tanz-Sommer und Tanz-Winter - alles hochkarätig und gut subventioniert vom Kultursenat. Das eigenwilligste und über die Grenzen Europas hinaus ist das Ensemble von Sasha Waltz, deren extrem exzessive und sensible Körperkultur sich im experimentellen Tanztheater in abstraktesten Formen zeigt. Doch diese   Compagnie macht sich rar, seitdem sich Frau Waltz sich aus der Leitungsetage der Schaubühne zurückgezogen hat. Es gibt Einladungen zu Veranstaltungen in Luxembourg ( wer kommt schon außer ganz großen Ballettenthusiasten dorthin?) und einige wenige Show-Paraden in der Staatsoper unter den Linden, die dann genauso ausverkauft sind wie bestimmte Opernevents.

Nun also eine alte Choreographie von Frederick Ashton, den John Percival als den "Shakespeare des Tanzes"  bezeichnet, also als unvergänglich, gleich bleibend aktuell und faszinierend. Was sofort im englisch geprägten Stil besticht, sind die vornehme und feine Zurückhaltung, die hohe Ästhetik, die brillante Ausstrahlung und die absolute Perfektion der choreographischen Elemente - und, in der jetzigen Aufführung, sind Musik und Bewegungsabläufe vollkommen sicher aufeinander abgestimmt. Es ist, um es gleich zu sagen, ein Ohren- und Augenschmaus - sieht man von den nach meinem Geschmack schrecklich kitschig-schwülstigen Bühnenbildern einmal ab. Aber da hat man sich augenscheinlich in das romantisierende Barock zurückgezogen, obwohl die entzückende Liebesgeschichte zwischen dem menschlichen Hirten Aminta und der göttlichen Nymphe Sylvia im Gefolge der Jagdgöttin Diana ja in jenen Gefilden spielt, die nur in unserer Phantasie Raum und Zeit finden. Dass die Kostüme sich passend und prachtvoll in diese Phantasiewelt einfügen, versteht sich, und somit ist jedes Bild beinahe ein Gemälde, von opulenter Farbenpracht und harmonischer Komposition - manchmal wünschte man, die Tänzer hielten in ihrer Bewegung inne und ließen die Figurationen still stehen.

Im Tanz unübertroffen von eben dieser Verinnerlichung und Hingabe, wie sie Ashton, selbst ehrgeizig und anspruchsvoll in hohem Maße, von seinen Tänzern stets forderte und wie er selbst zunächst der Musik lauschte und sie bereits im Geist in Bewegung umsetzte, so verlangte er auch von den Tänzern, dieses hohe musikalische Einfühlungsvermögen mit ihren tänzerischen Ausdrucksformen zu verknüpfen. "Sylvia" war Frederick Ashtons zweites abendfüllendes Werk, doch fand es 1952 in der Premiere mit Margot Fonteyn nur mäßig Anerkennung. Die Kritik nahm es als "Mischung von Erstklassigkeit und Schwäche" auf, und bemängelte insbesondere das altmodische Thema. Das mag alles zutreffen, doch wenn man es als absolute tänzerische Herausforderung an eine Primaballerina sieht, die all ihre Kunst in der Traumpartie dieser getanzten Liebe aufflammen läßt, dann hat es die Prägnanz eines Schwanensees oder Dornröschens. (Außerdem sollte es eine Hommage an die großen dreiaktigen Ballette von Marius Pepita sein). Und die Musik - sie müsste denn nicht von einem Franzosen sein - verströmt einen immens großen Reichtum an Melodien, an Rhythmus und Harmonie, die Charme und Eleganz des Tänzers in eindringlicher Weise provozieren. Und: ihr Hauptthema ist natürlich die Liebe, der Gott Eros, der über die spöttische und kampfeslustige Sylvia pfeilgeschwind siegt.

Christopher Newton, seinerzeit Ballettmeister bei Ashton, verhalf dem Werk aus seiner Erinnerung heraus zur Wiederbelebung, denn die Choreographie wurde niemals aufgeschrieben. Nun erscheint es frischer, entstaubter, ohnehin schon lebendiger durch die Ausstrahlung der sehr jungen Tänzerinnen und Tänzer, die die klassischen Formen und Figuren doch mit einer neuen Vitalität interpretieren. Wer auch immer die Sylvia tanzt, Malakov - der sich selbst in dem Part des Aminta zwar dezent zurücknimmt, gleichwohl seine Bühnenpräsenz spielen läßt -hat zwei ausgezeichnete, vielfach dekorierte Tänzerinnen für die Rolle der bogenbewehrten Amazone wechselweise vorgesehen; Das Kennerauge wird sicher feine Nuancen feststellen können, doch beide Ballerinen bestechen durch Würde und Zartheit, mit der sie ihrer Leidenschaft und Weiblichkeit Ausdruck verleihen; Ihre Nähe und Distanz, Hingabe und Verweigerung betört und bezaubert den Geliebten wie den Widersacher gleichermaßen. (Ibrahim Önal hinreißend stark und mächtig als Orion). Und es ist ein Spitzentanz, der wahrhaftes Können und große Ausdauer verlangt;  Selten sieht man eine derart exzellente, ausdauernde und vielfältig variierende Fußarbeit (Ashton: "der Fuß symbolisiert das Herz") und eine so temperamentvolle Körpersprache, die sich allerdings innerhalb der vorgegebenen Bewegungsabläufe und Konstellationen wiederholt. Beide Tänzerinnen sind groß und schlank, biegsam wie Birken und federleicht für ihre Partner, die sie mit Würde und Kraft leiten und stützen. Gleichermaßen elegant und grotesk bewegt sich Eros wechselweise als griechisches Götterabbild und als listiger Kuppler Cupido zwischen den Welten, die voll ist von witzigen Faunen und Dryaden, die sich den Schelmereien ihrer Sommernächte lustvoll hingeben. A.C.