Werther

von
Jules Massenet

 

 

Werthers Leiden im Waschsalon

    

  Deutsche Oper

 Drame lyrique in 4 Akten
Libretto von Edouard Blau, Paul Milliet und George Hartmann

Musikalische Leitung: Yves Abel
Inszenierung: Sebastian Baumgarten
Spielleitung: Marcelo Buscaino
Bühne: Hartmut Meyer
Kostüme: Hildegard Altmeer
Dramaturgie: Ralf Fiedler, Regine Palmal

Werther: Massimo Giordano
Charlotte: Sophie Koch
Albert : Markus brück
Sophie: Flonnuala McCarthy
Der Amtmann: Hidekazu Tsumaya
Schmidt: Jörg Schörner
Johann: Hyung-Wook Lee
Brühlmann: Paul Kaufmann
Käthchen: Cordula Messer

Saxophon: Christian Peters

mit dem Knabenchor Berlin, Leitung Karl-Ludwig Hecht

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  Wer würde da nicht leiden: mitten im kühlkammerartigen Waschsalon, wo die armen Schwestern Charlotte und Sophie ihre Wäsche waschen - obwohl Ehemann Albert doch recht gut verdient! Dabei klammern sie sich wie Ertrinkende an Hemden und Hosen, flitzen von Maschine zu Maschine, verbergen ihre Seelenpein hinter den technischen Monstern, während ein Fahrstuhl in der vorderen Mitte des Raumes die männlichen Kontrahenten Albert und Werther im gleißenden Licht auf- und niederfährt. Natürlich will der Regisseur die Lieblosigkeit, Kälte, Gleichgültigkeit und Brutalität zeigen, die sich hinter den Konventionen früherer Jahrhunderte - gleichermaßen zu Goethes als auch zu Massenets Zeiten - verbarg und denen vor allem die Frauen ausgesetzt waren.

Und wenn auch die heißblütige Charlotte mit ihrem vollen, reifen dramatischen Sopran eher die mütterliche Variante eines jungen hilflosen Mädchens zu sein scheint, so war eben doch Pflichterfüllung ihr oberstes Gebot: Versprochen ist versprochen, erstens die Kinderschar nach dem Tode der Mutter aufzuziehen und zweitens die gute, aber langweilige Partie Albert zu heiraten, damit die Familie gut versorgt ist. Aber seitdem sie Goethes Werther sah und  sich leidenschaftlich in diesen weltfremden Schwärmer und Poeten verliebte, wird ihr bewusst, auf was sie sich da eingelassen hat. Ihre wehmütigen Klagen und leidenschaftlich lodernden Arien verraten, dass eigentlich sie die wirklich bemitleidenswerte Person in diesem Stück ist.
 Das lyrische Drama wird in so vitaler und variationsreicher Symphonik vorangetrieben, dass man die steife Inszenierung und das stumpfsinnige Bühnenbild gern vergessen mag. Sorry, die Bühnenbildnerin kann wohl nichts für die wenig sinnesfreudige Inszenierung, die ohnehin nur wenig mit der musikalischen Theatralik überein hat, ja zumeist verquer oder kontrapunktiert zu ihr verläuft. Vom niemals passenden Text, der ohnehin nur spärlich übersetzt wird, ganz zu schweigen. Da helfen  auch die zur Wand aufgetürmten Strohballen nichts, hinter denen sich das Volk zur Herbstzeit bacchantisch zu vergnügen scheint. Allerdings herrscht Volltrunkenheit, wo die Musik Harmonik und Rhythmus, Leichtigkeit und Tändelei vorgibt; alles ist schwerblütig, wo sich doch französische Lebensart eigentlich über abgrundtiefe Trauer schnell hinwegsetzt. Und immerfort fuchtelt jemand mit einer Pistole herum - das ist dann nicht mehr so vergnüglich.   

Der charaktervollen Charlotte und der einfühlsamen Sophie steht ein dramatisch kräftiger, nach italienischer Art gern schluchzender Tenor als Werther entgegen, der ist was er ist: ein in sich selbst verliebter, an dem Lauf der Welt leidender Phantast, der permanent auf Zettel kritzelt, was ihm das Gemüt eingibt, sich selbst betrauernd und anstelle von Charlotte die Natur deklamierend umarmend. Da Werther wie Torquato Tasso zu keiner aktiven Rolle fähig ist, bleibt er ein Träumer, ein Mann, der Frauen a priori unglücklich macht. Als er sich schließlich mit der Pistole das Leben nimmt, die Charlotte ihm auf Geheiß Alberts reichen muss, ist man beinahe froh, dass dieses Leiden nun ein Ende hat. Charlotte trauert zwar ihrer Liebe nach, ist aber eigentlich nun auch von einer Gewissensqual befreit, der sie Zeit ihres Lebens ausgesetzt worden wäre.

Mit Hilfe eines Unterwasservideos, wo Werther, in seiner Vision ertrinkend, sich der -möglichen -Schönheit der Liebe und des Lebens erinnert und ein nixenhaftes Wasserballettensemble vorbeirudert, wird die endlose Sterbeszene visuell erträglich gemacht. Die Musik hat derweil endlich freie Bahn und kann sich rauschend und dynamisch auf den Höhepunkt zu bewegen. Wer die Inszenierung von Hans Neuenfels "Lady Macbeth von Mzensk" sah und hörte, weiß, wie man mit lodernden Leidenschaften effektvoll umgehen kann.

Dass Yves Abel das Orchester der Deutschen Oper hervorragend leitet temporeich zu einer musikdramatisch einmaligen Geschlossenheit führt, macht diesen Abend dann doch zu einem Genuss! A.C.